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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Italienische Litteratur

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Italienische Litteratur (Roman und Novelle).

derte Crispi den Vorwurf der Feigheit zu, Luzzatti, Berichterstatter der Sperrgesetzkommission, erklärte, nicht mehr für das Ministerium eintreten zu können; bei der alsbald folgenden namentlichen Abstimmung blieb die Regierung mit 123 gegen 186 Stimmen in der Minderheit. Noch am selben Tage reichte Crispi dem König die Entlassung des Gesamtministeriums ein, und mit der Neubildung des Kabinetts wurde nach längern und schwierigen Verhandlungen der Führer der jungen Rechten, di Rudini, beauftragt. Dieser übernahm in dem neuen Ministerium den Vorsitz und die auswärtigen Angelegenheiten; die Linke war in dem neuen Kabinett namentlich durch Nicotera (Inneres), Pelloux (Krieg), Branca (öffentliche Arbeiten) vertreten; die übrigen Minister: Luzzatti (Schatz), Colombo (Finanzen), Chimirri (Ackerbau), Villari (Unterricht) gehörten der Rechten oder dem Zentrum an. Das zunächst unbesetzte Marineministerium erhielt nach einigen Tagen der Admiral Graf Saint-Bon.

Der Sturz Crispis wurde in der französischen und russischen Presse mit großem Jubel begrüßt, weil man einen Umschwung der auswärtigen Politik Italiens erhoffte. Allein das Programm, welches der Präsident der neuen Regierung 14. Febr. den Kammern vortrug, erfüllte diese Hoffnungen nicht. Auf dem Gebiete der auswärtigen Politik stellte dasselbe den Wunsch nach Erhaltung des Friedens in den Vordergrund; die Regierung versprach den Bündnissen feste und reine Treue, erklärte aber zugleich, daß sie bemüht sein werde, das Mißtrauen wegen Italiens Beziehungen zu Frankreich als unbegründet zu erweisen. Im Innern versprach sie Herstellung des Gleichgewichts in den Finanzen ohne neue Belastung der Bürger durch Ersparungen in allen Budgets, einschließlich derjenigen des Krieges, der Marine und der Kolonien. Besonders dringlich erscheine eine Reform des Banknotenwesens; andere politische Vorlagen werde die Regierung nicht machen, da das Land sich vor allem nach wirtschaftlicher Erholung sehne. Die Zollvorlagen der frühern Regierung und das Präfekturgesetz wurden zurückgezogen.

Italienische Litteratur. Auf dem Gebiet der erzählenden schönen Litteratur der Italiener traten in den letzten 5 Jahren neben den altbewährten Meistern, die uns mit frischen Gaben ihrer Fabulierkunst erfreuten, auch manche jüngere Talente auf, von denen aber einige dem modernen Naturalismus zu eifrig huldigten. Enrico Castelnuovo schilderte in seinem »Filippo Bussini jun.« den Ruin eines alten soliden Geschäftshauses und einer vornehmen Familie in meisterhafter Weise. Wie hier zwei Stände, so sind es in seinem nicht minder interessanten Roman »Due convinzioni« zwei Weltanschauungen, welche einander gegenüberstehen, aus deren Kontrast sich die Handlung mit unerbittlicher Konsequenz entwickelt. Den Hintergrund des einen Romans bildet der moderne Geschäftsschwindel, den des andern die historischen Vorgänge des Jahres 1859. Salvatore Farina erhebt sich in seiner »Ultima battaglia di prete Agostino« aus den von ihm mit Vorliebe geschilderten beschränkten Familienkreisen zur Darstellung eines rührenden Seelenkampfes von Zweifel und Glauben. »Pei belli occhi della gloria« hat hohen Wert als feines Seelengemälde, erregt aber kein lebhafteres Interesse. Auch für die Helden von »I due desiderii« und »Tramonto« können wir uns nicht recht erwärmen, und ganz schwach erscheint »Don Chisciottino«, dessen Held ein platonischer Don Juan ist. Dem »Bussini jun.« Castelnuovos ähnlich, aber ihn doch nicht erreichend ist Barrilis »Arrigo il savio«. Ein Abenteuerroman ordinärer Sorte ist dessen »Merlo bianco«, und kaum besser ist »Il lettore della principessa«. Auch sein »Dantino« macht trotz einzelner gelungener Schilderungen keinen ganz befriedigenden Eindruck. Sehr hübsch und zu einer Dramatisierung einladend ist dagegen »Signora Autari«. Neuestens erschien von Barrili noch ein Roman: »Scudi e corone«. Recht hübsch sind Bersezios eigentümliche »Viperina« und Grazia Pierantoni Mancinis »Melilla«. In letzterer wird der mißlungene Versuch, ein verwahrlostes Kind zu erziehen, mit vielem Humor geschildert, während in der »Donnina« derselben Dichterin das Schicksal der armen, allzu jung verheirateten Memma uns bis zu Thränen rührt. Ein sehr unwahrscheinliches Wesen ist dagegen die halbverbrannte Rubina in ihrem Roman »Costanza«, in dem auch die Schilderungen aus dem römischen Ghetto von geringer Kenntnis seiner Einwohner zeugen. Viele psychologische Feinheiten, effektvolle dramatische Szenen und schöne Naturschilderungen, aber zu viel Politik finden wir in A. Fogazzaros »Daniele Cortis«. Minder gelungen sind seine Novellen (»Fedele, ed altri racconti«). Recht gut und anheimelnd ist deutsche Szenerie und deutsches Leben in seinem »Il mistero del poeta« geschildert; doch sind die Gestalten der Hauptpersonen sehr unwahrscheinlich und haben Komposition und Handlung des Romans etwas Verschwommenes. Den Gegensatz zu Fogazzaros Idealismus bildet G. Verga mit seinem derb realistischen, aber höchst interessanten und lebensvollen »Don Gesualdo«. Noch weiter im Naturalismus geht Luigi Capuana mit seinen Novellen (»Fumando«) und seinem neuesten Roman: »Profumo«, dessen Hauptinhalt die Krankengeschichte einer hysterischen Frau bildet. Gabriele D'Annunzios stark naturalistischer Roman »Piacere« wird bei manchem Leser ein seinem Titel entgegengesetztes Gefühl hervorrufen. Wenn der Autor auch mit seinem Werke einen moralischen Zweck verfolgen mag, so thut er es jedenfalls mit Mitteln, die der Zweck nicht heiligen kann. Wie Verga seine Sizilianer, so schildert Domenico Ciampoli in seinen Dorfgeschichten »Fra le selve« in lebensvoller Weise seine Abruzzesen, während Eduard Calandra in seinem Novellencyklus »I Lancia di Faliceto« piemontesische Gegenden und Figuren treu abzeichnet. Turmhoch überragt G. Rovetta (s. d.) die jüngern Realisten mit seinem Meisterwerk »Le lacrime del prossimo«, und nur in weitem Abstand schließt sich ihm F. de Roberto an, der in seinem Novellenbuch »La sorte« (1887) noch zwischen Idealismus und Realismus schwankte, in »Documenti umani« und im Roman »Ermanno Raeli« (1889) sich als talentvoller Schüler Bourgets zeigt. Realistisch, aber doch von feinem weiblichen Takt gemildert und stets von fesselndem Interesse sind die Romane und Novellen von Mathilde Serao (s. d.), von denen als die vorzüglichsten hier nur: »Per monaca«, »La conquista di Roma« und der Journalistenroman »Vita e avventure di Riccardo Joanna« genannt werden sollen. Unübertrefflich schildert sie in einigen Novellen Leben und Szenerie Neapels. Sie wird von keiner der andern Romane schreibenden Italienerinnen erreicht, obwohl auch diese manches lieferten, was sich über die gewöhnliche Leihbibliothekenlitteratur erhebt. In ergreifender Weise schildert Neera (Frau Zuccari-Radius) in »Lydia« das Leben und traurige Ende einer Emanzipierten, minder gut in »L'indomani«