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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Japanische Malerei

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Japanische Malerei (Technik, Geschichtliches).

stellten Gegenständen die Wirkung des Runden, Plastischen zu geben. Da er in einem schwarzen Gegenstand, einem Gewand, einem Vogel, nicht durch Abtönung des Schattens und Lichtes zu modellieren weiß, wird den Faltenlinien ein weißer Grund gegeben, oder es werden die innern Umrisse weiß ausgespart. Die Unkenntnis der Gesetze der Linearperspektive hat Gierke daraus zu erklären gesucht, daß der Japaner hockend über seine Bildfläche gebeugt arbeitet. In dieser Stellung, in der man nur senkrecht auf das Bild herabsehe, scheine der Mangel an perspektivischer Raumvertiefung nicht so bemerkbar. Das ist nicht der alleinige Grund, denn es wurde auch vielfach, namentlich früher, vor dem senkrecht stehenden Bilde gemalt. Es ist hierfür, wie auch für die der Natur nicht entsprechende konventionelle Schattierung namentlich der übermächtige Einfluß der altchinesischen Vorbilder maßgebend gewesen, deren Mangel mit übernommen wurden und bis heute nachgewirkt haben. Durch die genannten beiden Hauptmängel ist die j. M. für das europäische Auge immer in die Grenzen der Skizze, der Dekoration, eingeschränkt geblieben. Innerhalb dieser Grenzen aber hat sie das Höchste geleistet, das mit ihren Mitteln zu erreichen war.

Der japanische Künstler malt nur auf Seide und Papier und zwar mit Tusche oder mit Wasserfarben, die mit Leim versetzt sind. Nach der Form teilt man die japanischen Bilder in Kakemonos (hängende Dinge), in Makimonos (gerollte Dinge) und in Oribon (Klappbücher). Auch die faltbaren Wandschirme und seltener gerahmte Bilder (Gaku) haben in der Malerei eine Rolle gespielt. Die häufigste Form für den Schmuck der Wohnung ist der Kakemono. Es ist ein schmaler und hoher Papier- oder Seidenstreifen, der auf grobe Leinwand geklebt und mit farbigen Brokatstoffen umrahmt ist. An den Schmalenden sind Holzstäbe eingefügt, damit das Bild beim Aufhängen gerade bleibt, oder über welche es gerollt werden kann, wenn es aufbewahrt wird. Denn die Japaner hängen gewöhnlich nicht mehr als zwei Kakemonos in einem Raume und zwar nur an einer Wand auf. Höchstens sind es drei Bilder, die jedoch nach dem Gegenstand des Dargestellten zusammengehören müssen, wenn sie gleichzeitig aufgehängt werden. Die Makimonos sind niedrige Streifen von beliebiger Länge, die nur aufgerollt bewahrt werden und nicht dauernden Zimmerschmuck bilden sollen. Die größte Sorgfalt wird der Herstellung guter Pinsel gewidmet. Die Haare verschiedener Tiere werden in runde Halter aus Bambus oder flache, breite Halter aus Holz gefaßt. Form und Anzahl der Pinsel sind bei den einzelnen Malerschulen verschieden. So verwendet die Tosaschule, die auf feinste miniaturartige Durchführung Wert legt, nur runde, feine u. ganz spitze Pinsel, die Kanoschule bevorzugt breite, flache Pinsel, deren sie zu den virtuosen Improvisationen in Tusche bedarf.

Die Malerei ist durch Vermittelung von Korea vor mehr als einem Jahrtausend aus China nach Japan gelangt. Sie stand in den ersten Jahrhunderten durchaus im Dienste der buddhistischen Religion und hatte sich bis gegen das 10. Jahrh. von der Nachahmung der chinesischen Vorbilder aus der Tangdynastie (7.-10. Jahrh.) nicht frei gemacht. Das Ideal der Chinesen und ihrer japanischen Nachahmer ist ein kalligraphischer Schwung der Linienführung und eine kraftvolle Wirkung allein durch Schwarz- und Weißmalerei. Dieser Art sind die noch erhaltenen Gemälde der ersten japanischen Künstler, Kose-no-kana-oka, die den japanischen Kennern noch heute als die höchsten Leistungen ihrer Kunst gelten. In der Wahl ihrer Gegenstände waren Kana-oka und seine Nachfolger in der buddhistischen Stilrichtung, die sich fast unverändert bis in die Neuzeit erhielt, durch die Überlieferung und Zwecke des Kultus beschränkt. Aus der Nachahmung der chinesisch-koreanischen Muster entwickelte sich bereits im 11. und 12. Jahrh. die national-japanische Schule Yamato-riu, die seit dem 13. Jahrh., ihrer höchsten Blüte, den Namen Tosa-riu annahm und behielt. An Stelle der religiösen Darstellungen traten Bilder des heimischen Lebens, Turniere und Kämpfe, Szenen des Hoflebens und der Heldensage. Der Tosastil ist der Geschmack der Aristokratie, des Hofes von Kioto. Er kennzeichnet sich durch äußerste Sorgfalt und Feinheit der Ausführung, die an die persisch-indischen Miniaturen erinnert, denen er auch durch das reiche Kolorit nahesteht. Die Einzelheiten, leblose Dinge, Blumen und Vögel, werden minutiös ausgeführt; dagegen ist die Empfindung und Erfindung konventionell und die Darstellung der menschlichen Figur ungenau und wenig erfreulich. Das 14. und 15. Jahrh. bringt eine Wiederholung des chinesischen Einflusses in Kunst und Wissenschaft und damit ein Wiederaufleben der kraftvollen Skizzierkunst Kana-okas. Die Hauptmeister dieser Richtung sind Cho-Densu (1351-1427) und Josetsu, welche die Tuschmalerei vor dem Farbenreichtum und der Feinheit der Tosa-riu bevorzugen. Cho-Densu ist als begabtester Figurenmaler, Josetsu dagegen als Landschafter bedeutend. Neben letzterm werden noch Soga-Shiubun und Sesshiu (1421-1507) als Landschafter ersten Ranges genannt.

Die Erneuerung des chinesischen Einflusses führt im 15. Jahrh. zur Kanoschule, die von Kano-Masanobu und seinem Sohn Kano-Motonobu den Namen trägt. Sie sind aus der Werkstatt des Shiub-un und Sesshiu hervorgegangen. Ohne die Darstellung der nationalen Geschichte und des Genres ganz zu vermeiden, pflegen sie doch vorwiegend die chinesische Landschaft, Tiere und Pflanzen. Anfänglich mehr der Schwarz- und Weißmalerei zugewandt, bilden sie später eine mehr dekorative Richtung aus, die in reicher Verwendung von Gold und Farben mit der Tosa-riu wetteiferte. Charakteristisch aber bleibt, dem chinesischen Ursprung gemäß, die virtuose, rasche Mache mit einfachen Mitteln. Die namhaftesten der spätern Meister der Kanoschule sind Kano Utanosuke, der größte Vogel- und Blumenmaler, und Kano Yeitoku (gest. 1590), der das glänzendste, lebhafteste Kolorit ausbildete. Im 17. Jahrh. ist der volkstümlichste Vertreter der Schule Tanyu oder Morinobu.

Während der Regierung der Tokugawa-Shogune, im 17. Jahrh., beginnt sich aus der Tosaschule eine neue Richtung abzuzweigen, deren Vertreter ihre Motive mit Vorliebe dem Leben des gemeinen Volkes entnehmen. Diese volkstümliche Schule, Ukio-yé, wird von den japanischen Kennern nicht geschätzt, sie ist aber diejenige, die den Europäern zumeist bekannt wurde und bei diesen die größte Bewunderung erregte. Sie ist für die gesamte Kunstthätigkeit von Japan von der höchsten Bedeutung, wenn ihre ästhetische Würdigung als Malerei auch bestritten bleibt, vornehmlich dadurch, daß die Künstler der Ukio-yé den Holzschnitt zur Vervielfältigung ihrer Werke in reichstem Maße heranzogen. Sie haben dadurch sowohl zur Blüte des Holzschnittes beigetragen als alle Gebiete des Kunsthandwerks mit einer Fülle von Vorbildern versorgt. Unter den zahlreichen Anhängern der vulgären Schule ragen als bedeutendste hervor: Miyagawa Choshun, Torii Kiyonobu, der zuerst die Bilder von Theatergrößen vervielfältigte, und als der