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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Niederländische Litteratur 1885-90

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Niederländische Litteratur (Lyrik, Roman und Novelle).

Staatsrat mit der Ausübung der königlichen Gewalt zu beauftragen. Die Gesetzvorlage des Staatsrats, welche die Königin Emma zur Regentin ernannte, wurde 14. Nov. von den Generalstaaten angenommen, und die Königin leistete 20. Nov. vor den Kammern im Haag den Eid. Jedoch schon 23. Nov. starb Wilhelm III. im Schlosse Loo. Mit ihm erlosch das Haus Oranien im Mannesstamm, und dem Thronfolgegesetz gemäß folgte ihm seine Tochter Wilhelmine auf dem Thron, während deren Minderjährigkeit die Königin Emma Regentin blieb. Der lange erwartete Thronwechsel, welcher Luxemburg (s. d.) gänzlich von den Niederlanden trennte, vollzog sich ohne jeden Zwischenfall in vollster Ruhe. Doch hatte er die Folge, daß bei der Beratung des Budgets in den Kammern die üblichen Angriffe auf die Minister sehr beschränkt wurden, obwohl die Zustände in den Kolonien und namentlich die auswärtige Politik des Ministers Hartsen, der durch seine Weigerung die Beschlüsse der Brüsseler Congokonferenz zu genehmigen, die Mißbilligung aller Mächte hervorrief, der er endlich auch nachgeben mußte, manchen Anlaß zum Tadel gegeben hätten. Noch vor Ende des Jahres 1890 wurde das Budget erledigt. Eines der unbedeutendsten Mitglieder des Ministeriums war der Marineminister Dyserinck, unter dem die niederländische Flotte ihrem völligen Verfall entgegenging. Als er einen Marineoffizier, der als Abgeordneter die herrschenden Mißstände wiederholt dargelegt hatte, deswegen nicht beförderte, erregte er einen solchen Sturm der Entrüstung, daß er zurücktreten mußte. Die Beratung des Kriegsdienstgesetzes, für welches sich auch die Liberalen erklärten, begann erst im April 1891.

Zur Litteratur: Mohr, Das moderne Holland, Skizzen und Umrisse (Berl. 1888); W. J. ^[Wilco Julius] van Welderen Rengers, Schets eener parlementaire geschiedenis van Nederland (Haag 1889 ff.).

Niederländische Litteratur 1885-90. Von den Dichtern aus der Blütezeit erschienen auch in den letzten Jahren neue, höchst sorgfältig bearbeitete Ausgaben, namentlich Coster von R. A. Kollewyn, Vondel von J. H. W. ^[Johan Hendrik Willem] Unger (nach der Prachtausgabe von van Lennep verkleinert) und von dem 1889 verstorbenen J. A. ^[Josephus Albertus] Alberdingk Thijm (unvollendet); vollständig erschienen in Belgien Prudens van Duyses Gedichte. Der 1889 verstorbene ten Kate ließ kurz vor seinem Tode ein größeres Gedicht: »De nieuwe Kerk«, erscheinen, das Eindrücke und historische Erinnerungen bei Betrachtung der Amsterdamer Kirche neben dem königlichen Palais enthält. Von Schimmel erschien in »Innerlijk leven« eine von ihm selbst besorgte Auswahl seiner Gedichte. Hofdyk (gest. 1888) beschenkte die Litteratur mit zwei Epen, die in Indien spielen: »In het gebergte Di-Eng« und »Dajang-Soembi«. Joan Bohl vollendete seine sehr gelungene und mit überreichem Material in Noten versehene Dante-Übersetzung, desgleichen Vosmaer vor seinem Tode (1888) die mustergültige Übersetzung der Ilias und Odyssee. In »Nanno« gab derselbe noch ein griechisches Idyll, das nach Form und Inhalt den echten Dichter verrät. In Belgien erschien von dem inzwischen auch verstorbenen Jan van Beers eine mit dem fünfjährigen Staatspreis gekrönte Gedichtsammlung: »Rijzende Blaren«, von Julius de Geyter ein romantisches Epos: »Keizer Karel«, ein anmutiges Bild aus dem vlämischen Leben zur Zeit Karls V. Einen besondern Platz unter den niederländischen Dichtern nimmt H. J. A. M. ^[Hermanus Johannes Aloysius Maria] Schaepman ein, das Haupt der klerikalen Partei, dessen umfangreiches Gedicht »Aja Sophia« in schwungvollen Versen erzählt, was das berühmte Gebäude in Konstantinopel Mythisches, Mystisches und Historisches dem Dichter bietet. Unstreitig der begabteste unter den lebenden niederländischen Dichtern nach Schaepmann ist M. G. L. van Loghem (Pseudonym Fiore della Neve), dessen 1883 erschienene »Liefde in het Zuiden« begeisterte Aufnahme fand und in wenig mehr als einem Jahre drei Auflagen erlebte. Diesem Werke folgten rasch nacheinander das romantische Epos »Liana«, die Gedichtsammlung »Van eene Sultane« und vorzügliche Übersetzungen, namentlich von Carmen Sylvas »Meine Ruh'«. Neuerdings verlegte er sich auf Operntexte (»König Arpad«, in deutscher Sprache, komponiert von Verhey; »Brinio«, komponiert von van Milligen). Großen Beifall erntete auch der in Antwerpen lebende Pol de Mont namentlich mit seinen »Idyllen«, »Fladderende vlinders«, »Loreley«, »In Noord en Zuid«. Marcellus Emants, der sich jetzt mehr dem Drama und der Novelle zuzuwenden scheint, behandelte in zwei Epen: »Godenschemering« und »Lilith«, nordische und vorhistorische Stoffe, beide verraten hohe dichterische Begabung. Die bedeutendsten Namen der jüngern Generation, die sich vielfach dem Sonett zuwendet, sind: J. R. ^[Johannes Romboldus] van der Lans, C. W. Lovendaal, Couperus, Helene Swarth (»Blauwe Bloemen«, »Beelden en Stemmen«, »Sneeuwvlokken«, »Rouw violen«), Frau Marie Gelderman, geborne Boddaert, Frau Knuttel-Fabius. Alle diese in Schatten gestellt hätte bei längerm Leben wahrscheinlich der 1888 verstorbene B. van Heyningen, von dessen zahlreichen Gedichten vorläufig eine kleine, vielversprechende Sammlung erschien. Erwähnung verdient hier auch die poetische Umschreibung des Propheten Jesaias durch Jonckbloet, einen Geistlichen. Aus der allerneuesten Gruppe niederländischer Dichter, deren Auftreten etwa seit 1880 datiert, ist als der begabteste Albert Verwey zu nennen, dessen »Persephone« (1885) viel Schönes enthält, wie auch seine »Verzamelde Gedichten« (1889) Gutes aufzuweisen haben. Indessen legt die Schule zu großen Wert auf Tonmalerei und verfällt dadurch nur zu oft in sinnlose Wortspielerei, so namentlich Gorter (»Mei«), Winkler Prins, Koster, W. Kloos u. a. Aus Belgien nennen wir noch: Simons, den Dichter des Napoleon-Cyklus, de Koninck, mit dem biblischen Epos »Het menschdom verlost«, daneben Th. Coopman, Beernaert, Billiet, deren Arbeiten in Zeitschriften erschienen, und Hilda Ram (Pseudonym für Mathilde Rambout), deren Sammlung »Een klaverken uit's levens akker«. Besseres versprach, als sie in der Folge leistete.

Roman und Novelle.

Die bedeutendsten Erscheinungen auf dem Gebiete des Romans sind die beiden 1883 erschienenen historischen Romane von A. S. C. Wallis (s. Opzoomer): »Vorstengunst« (auch ins Deutsche übersetzt, Leipz. 1885) und »In dagen van strijd«. Diesen darf an die Seite gestellt werden: »De gouden Dubloen« von J. R. ^[Johannes Romboldus] van der Lans; »Eline Vere« (preisgekrönt) von Louis Couperus; »Prins of Koning« (anonym erschienen) von W. H. de Beaufort; »De Kaptein van de Lijfgarde« von H. J. ^[Hendrik Jan] Schimmel, ein Bild aus der Zeit König Wilhelms III. von England, und desselben »De vooravond der revolutie«. Den historischen Roman pflegt auch Huf van Buren (Pseudonym für J. ^[Johan] Heufftz), der 1887 »Hertog Adolf« erscheinen ließ. Höher als dies Werk stehen die Künstlerromane des 1888 gestorbenen Vosmaer: »Amazone« (deutsch von Lina Schneider) und »In-^[folgende Seite]