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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Polk; Polnische Litteratur 1885-90

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Polk - Polnische Litteratur.

um so über die ganze Erde hin verteilt eine fortgesetzte Kette zu erhalten. Hierdurch ist zu erwarten, daß wir in einigen Jahren zu positiven Resultaten über die Veränderungen der P. gelangen werden.

Polk (spr. pohk), Leonidas L., Präsident der nationalen Farmerallianz der Vereinigten Staaten von Nordamerika, geb. 1837 in Anson County im Staate Nordcarolina, trat, als der Unionskrieg ausbrach, in die Konföderiertenarmee ein, in welcher er zuletzt den Rang eines Obersten einnahm, saß 1860 und 1865 im Landtag von Nordcarolina, bekleidete darauf das Amt eines Staatskommissars der Landwirtschaft, widmete sich ganz den Interessen der Farmer und gründete 1886 den »Progressive Farmer«, eine Wochenschrift, die unter seiner geschickten und umsichtigen Leitung besonders im Süden der Vereinigten Staaten von Nordamerika weite Verbreitung und großen Einfluß gewann. Im J. 1887 trat er dem großen Farmerbund bei, wurde zuerst zum Vizepräsidenten und 1889 in St. Louis zum Präsidenten desselben gewählt (s. Vereinigte Staaten von Nordamerika).

Polnische Litteratur 1885-90. Noch immer beherrscht der Roman das Gebiet der schönen Litteratur. Und zwar betont der Sittenroman vielfach in radikaler Weise den Gegensatz des Bürgerstandes gegen den Adel und behandelt meistens mit Vorliebe das Problem der Erhaltung des väterlichen Bodens. Das gilt namentlich von den sogen. Positivisten in Warschau, zu denen auch einzelne Schriftsteller aus andern polnischen Landesteilen zu zählen sind. (Vgl. »Typy i idealy pozytywnèj beletrystyki polskiej« von T. Jeske Choinski, Warschau 1888.) Im historischen Roman dagegen bethätigen sich vielfach konservative Tendenzen, insofern einerseits die Vorzüge des alten Adels verherrlicht, anderseits die anarchischen Erscheinungen der nationalen Geschichte vom Standpunkt der modernen Auffassung des Rechtsstaates gebrandmarkt werden.

Beide Richtungen vereinigen sich in dem hervorragendsten polnischen Romanschriftsteller der Gegenwart, Heinrich Sienkiewicz. Ausgehend von realistisch-pessimistischen Novellen, erklomm er mit den großen, bändereichen Erzählungen: »Mit Feuer und Schwert« (1885), »Die Sintflut« (1886), »Wolodyjowski« (1887) eine Höhe, die der polnische Roman vorher niemals erreicht hatte. Kein Buch erzielte in Polen eine so mächtige Wirkung wie diese gleichzeitig in den bedeutendsten Zeitungen von Warschau, Krakau und Posen, darauf in zahlreichen Buchauflagen veröffentlichten historischen Romane. Sie verdanken diesen Erfolg der äußerst spannenden Handlung, der scharfen Individualisierung der Haupt- und Nebenpersonen, den trefflichen Schlachten- und Naturschilderungen, dem poetischen Hauch, durch den sie sich von den Erzeugnissen des nüchternen Realismus unterscheiden, der frischen Energie und Thatkraft, die aus ihnen spricht, sowie einer meisterhaften Handhabung der Sprache. In jüngster Zeit ist Sienkiewicz indes zum Sittenroman zurückgekehrt, zunächst in der während eines kurzen Aufenthalts in Ostende geschriebenen humorvollen Novelle »Die Dritte« (»Ta trzecia«, 1888), nämlich die dritte, aber eigentlich erste Geliebte, welche ein Warschauer Künstler schließlich heiratet, sodann in dem großen Roman »Bez Dogmatu« (1890). Der Held der Erzählung, ein blasierter Aristokrat, erglüht erst dann von heißer Liebe für eine entfernte Verwandte, nachdem dieselbe ihre Hand einem trocknen Spekulanten gereicht hat, dem treu zu bleiben sie mehr aus Pflichtgefühl als von Herzen entschlossen ist. Er liebt sie »wie ein der Manie naher Nervenkranker, oder wie Greise lieben, die, von Liebe entbrannt, ganz in diesem Gefühl aufgehen, weil sie keine Zeit zu verlieren haben«. In dieser Liebe erblickt er die einzige Blüte seines Lebens, die daher alles andre überwuchert, und meint, solche Erscheinungen würden sich desto öfter wiederholen, »je mehr es in der Welt mir ähnliche Männer geben wird, von Analyse zersetzte Zweifler und gleichzeitig Hysteriker, welche im Herzen ein großes Nichts, im Blute eine starke Neurose haben« (Bd. 3). Dieses Problem behandelt Sienkiewicz in höchst geistreicher und künstlerisch vollendeter Form. Wenn Mickiewicz »zuerst die Sprache wahrer Liebe in die polnische Poesie eingeführt hat«, so darf Sienkiewicz auf Grund seines neuesten Romans als der bedeutendste polnische Psycholog und Anatom der Liebe bezeichnet werden. Die Erfolge von Sienkiewicz auf dem Gebiete des historischen Romans haben sehr anregend gewirkt. Dieser Anregung verdanken wir die Erzählung »Veto« (1889, 4 Bde.) von A. v. Krechowiecki (s. d.), schon früher durch geistreiche Novellen und den historischen Roman: »Starosta Zygwulski« bekannt. In seiner neuesten Erzählung behandelt er die Einführung des sogen. liberum veto, d. h. des Grundsatzes, daß der Einspruch eines einzelnen Abgeordneten die Beschlüsse des Reichstags zu sistieren vermag. Von dem mit großer Sachkenntnis geschilderten historischen Hintergrund um die Mitte des 17. Jahrh. heben sich die Hauptfiguren des Romans mit plastischer Klarheit ab, insbesondere diejenige des düstern Helden Sicinski, jenes Sendboten, der zuerst durch sein Veto den Reichstag von 1652 »zerriß«. Die Handlung ist belebt, interessante Zwischenfälle reihen sich aneinander. Wenn aber in den ungefähr in derselben Zeit spielenden Romanen von Sienkiewicz die Verherrlichung der nationalen Tapferkeit die Hauptsache bildet, so tritt in »Veto«, obschon es darin an Lichtbildern nicht fehlt, das Bestreben zu Tage, vor jenen Fehlern des Ehrgeizes, der Habsucht, des Stolzes und der Unverträglichkeit zu warnen, welche trotz aller Vorzüge individueller Tapferkeit den polnischen Staat bis in seine Fugen erschütterten.

Auch der in den 50er Jahren vielgelesene und vielbewunderte Sigmund v. Kaczkowski (geb. 1826 auf dem väterlichen Gute Bereźnica in Galizien, seit 1863 teils in Wien, teils in Paris lebend) ist neuestens mit zwei großen historischen Romanen hervorgetreten. In »Abraham Kitaj« (1887, 2 Bde.) wird auf dem dramatisch belebten Hintergrund der letzten Dezennien des 17. Jahrh. einer jener gewaltthätigen, ehrgeizigen, habsüchtigen Abenteurer geschildert, welche sich durch die Schwäche der Regierungsgewalt zu jedem Rechtsbruch ermutigt fühlten. Ein solcher Abenteurer ist der Ritter Abraham Kitaj, von Natur mit vielen Vorzügen ausgestattet, die indessen durch sein heißes Blut und die Unsicherheit der öffentlichen Zustände vernichtet werden. Am unbedeutendsten ist jene Partie des Romans, worin der Zug K. Sobieskis zum Entsatz von Wien chronistisch geschildert wird. Der Roman »Olbrachtowi Rycerze« (1889, 3 Bde.) spielt zur Zeit des Königs Johann Albrecht (1492-1501). Aus dem vielfach archäologischen Detail treten indessen die Hauptfiguren lebensvoll individualisiert hervor.

Noch weiter zurück, bis in den Anfang des 15. Jahrh., greift Wincenz Rapacki, bekannt als Schauspieler, Dramatiker und Romancier, mit seiner neuesten Erzählung: »Die Hansa« (1890). Held der Erzählung ist der Aldermann der Hansa in Krakau Reinhold v. Bonar, welcher, nachdem er sich in der schmerzlichsten