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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Polnische Litteratur

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Polnische Litteratur (1885-90).

Weise von der Verwerflichkeit der Politik der Hansa überzeugt hat, dieselbe schließlich verläßt und Pole wird. Rapacki hat einfach einige bekannte, den Jesuiten nachgesagte perfide Streiche auf die Hansa übertragen, die er als einen Germanisationsverein en gros darstellt, um einen deutschfeindlichen Tendenzroman zu stande zu bringen, ohne indessen damit bei der ernsten polnischen Kritik (»Biblioteka Warszawska«, »Przeglad Polski«) Beifall zu finden. Auch zwei andre seiner Romane: »Die Sünden des Königs« (1886, 2 Bde.) und »Zum Licht« (1887), haben keinen durchschlagenden Erfolg errungen.

In dem großen historischen Roman der namhaften Dichterin Deotyma (Luczczewska): »Branki w Jasyrze« (1889, 3 Bde.), aus dem 13. Jahrh., werden die Schicksale zweier edler polnischer Frauen in tatarischer Gefangenschaft unter starkem Überwiegen der poetischen Elemente ergreifend geschildert. Ebenfalls antikisierend und in ganz falscher Auffassung des Verhältnisses zwischen Polen und dem Hussitismus fußend, ist der Roman »Na dziejowym przelomie« aus dem 15. Jahrh. von J. ^[Jozef] Rogosz (1890, 2 Bde.).

Auf dem Gebiete des gesellschaftlichen Tendenzromans behauptet Frau Eliza Orzeszko, die polnische George Sand, ihren unbestrittenen Vorrang, indem die einen sich besonders für ihre liberale Tendenz begeistern, während die Gegner dieser Tendenz nicht umhin können, ihre künstlerischen Vorzüge anzuerkennen. In »Nad Niemnem« (1888, 3 Bde.) gelangt ihr gereiftes künstlerisches Talent namentlich in vortrefflichen Naturschilderungen zum vollen Ausdruck. Die Fabel behandelt den unter den schwierigsten Verhältnissen durchgeführten Kampf eines polnischen Landedelmannes um die Erhaltung des väterlichen Bodens. Parallel damit entwickelt sich die Liebesgeschichte der Heldin Justine, welche schließlich einem einfachen, aber freien und selbständigen Landmann ihre Hand reicht, nachdem sie die Jugendliebe für einen aristokratischen Kunstdilettanten überwunden und die Werbungen eines blasierten Millionärs zurückgewiesen. Auch der Dorfroman »Cham« (1889) zeichnet sich durch stimmungsvolle Landschaftsbilder aus, ist übrigens eine stark realistische, fast naturalistische Variation des alten Themas von der Unverbesserlichkeit einer Gefallenen. Derselbe stark realistische Zug tritt in der Geschichte des Winkeladvokaten Kaprowski, des Helden des Romans »Niziny« (»Tiefen«, 1886), sowie in den Novellen: »Wzimowy wieczor« (»Am Winterabend«) und »Panna Antonina« (1888, 2 Bde.) zu Tage. Von der Warschauer Gesamtausgabe der Werke Eliza Orzeszkos ist der 43. Band erschienen.

Eine begabte Rivalin ist ihr in Marya Rodziewicz (geb. 1860, auf ihrem litauischen Gute Chruszczowa lebend) erstanden. Ihr Erstlingsroman »Dewajtis« (1889) behandelt denselben Stoff wie Orzeszko in »Nad Niemnem«. Der durch das Testament des Vaters zu gunsten der Kinder zweiter Ehe benachteiligte, überdies mit der schwierigen Verwaltung der Güter eines verschollenen Freundes überbürdete litauische Gutsbesitzer Marek Czertwan überwindet mit großer Energie und Ausdauer alle Hindernisse, vereinigt das durch den Leichtsinn seiner Stiefbrüder gefährdete Familienvermögen und erlangt schließlich die Hand der aus Amerika zurückgekehrten Tochter des verstorbenen Nachbars, dessen Gut er treu bewahrt hat. Abgesehen von der trefflichen Individualisierung der handelnden Personen, zeichnet sich ihr Roman durch anziehende Schilderung des Landes und insbesondere der Wälder Litauens aus. Die heiße Liebe zum väterlichen Boden, welche in Zolas »La terre« so brutal wirkt, wird hier durch Tradition und patriotische Pflicht verklärt. Weniger Anklang fand der Roman »Kwiat Lotosu« (»Die Lotosblume«, 1889), in welchem der schöne, geniale, aber von Grund aus verdorbene Mediziner Rafael Radwan als eine Art von Dämon seine Umgebung moralisch vergiftet und zu Grunde richtet. In »Ona« (1890) führt uns die Verfasserin wieder in ihre litauische Heimat, in deren herrlicher Waldluft ein zerrütteter Geist Gesundung findet. Sie schrieb noch: »Blekitni« (1890), »Szary proch« (1890).

Das beliebte Thema der Erhaltung des väterlichen Bodens behandelt Boleslaw Prus (Pseudonym für Alex. Glowacki) in seiner ersten größern Erzählung »Placówka« (1886). Der Held ist hier aber kein Großgrundbesitzer, sondern der Bauer Slimak, welcher seine elende Hütte und 10 Morgen Landes mit siegreicher Ausdauer gegen alle Angriffe übermächtiger Konkurrenz verteidigt, also (denn das ist offenbar die »positivistische« Tendenz des Verfassers) den leichtsinnigen Adel, der in Monaco spielt, beschämt. Ermutigt durch den Erfolg der »Placówka«, ist Prus neuestens mit dem großen Roman »Lalka« (1890, 3 Bde.) hervorgetreten, in welchem der Repräsentant des fleißigen und unternehmenden Bürgerstandes, der Parvenü und Millionär Wokulski, die Gegenliebe einer adligen Puppe (lalka) nicht zu erlangen vermag und deshalb moralisch zu Grunde geht. Der Roman klingt entschieden pessimistisch aus, indem nicht bloß die Vorzüge des Bürgerstandes alten Vorurteilen des Adels gegenübergestellt, sondern auch die erstern von den letztern vernichtet werden. Abgesehen davon, daß die Prämisse des Verfassers, soweit sie generalisiert wird, falsch ist, da in Polen, wie überall, verarmte Edelleute ohne besondere Schwierigkeit die Töchter von reichen Bankiers etc. heiraten und millionenreiche Parvenüs Gräfinnen heimführen, zeichnet sich »Lalka« durch spannende Handlung und treffliche Charakteristik aus. Außerdem hat Prus auch in dem letzten Lustrum zahlreiche, vielgelesene Novellen veröffentlicht.

Das früher mit Vorliebe von Eliza Orzeszko behandelte Thema der Frauenemanzipation bildet den sozial-politischen Hintergrund der neuesten Erzählung von Marie Szeliga: »Na przebój« (»Durch«, 1889). Die Heldin Natalie, Tochter des tyrannischen, litauischen Edelmannes Dormunt, wird aus gänzlicher Apathie durch die Studentin Ester Weinblatt gerettet, welche die größten Schwierigkeiten überwunden hat, um sich eine unabhängige Stellung zu erkämpfen. Natalie begibt sich behufs Studium der Medizin nach Paris, wo das Treiben der Studentinnen höchst anziehend geschildert wird, und kehrt, moralisch vollkommen geheilt, als Doctor medicinae nach Litauen zurück. Frei von Tendenz sind die humorvollen Romane und Novellen des Grafen Wincenz Los (»Widma«, »Lydia Rosyanka«, 1885; »Spirtuo z Rozdolow«, »Portret pieknèj Pani«, 1889; »Linoskoczka«, 1890). Zahlreiche Romane und Novellen veröffentlichten in den letzten Jahren Marrené (s. d.), Gawalewicz, Blizinski, auch als Lustspieldichter beliebt, Sewer unter Anlehnung an das Volksleben, Ostoja, Letowski, Straszewicz, Kosiakiewicz etc. Eine andre Gruppe von Romanciers ist als die der exotischen zu bezeichnen, insofern sie entweder fremdländische Stoffe schildern, oder doch ersichtlich unter fremden Einflüssen dichten. So namentlich der nach abenteuerlichem Leben seit 1864 in Genf lebende Oberst Milkowski (Pseudonym Jež), der zumeist südslawische Stoffe wählt. Unter seinen