Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Polnische Litteratur

722

Polnische Litteratur (1885-90).

neuesten Romanen zeichnet sich »Ci i tamci« (1889) aus dem ungarischen Kriege 1849 durch belebte Handlung und interessante Charaktere aus. In der Geschichte Albaniens des 15. Jahrh. spielt die Erzählung »Rycerz chrzescianski« (1890, 3 Bde.), in bulgarischen Verhältnissen fußt: »W zaraniu« (1890) etc. Ein bedeutendes Talent bekundet sich in den beiden Erstlingswerken des in London lebenden Edmund Naganowski (s. d.): »Hessy o Grady« (1887) und »Anglia Wszechmozna« (1891, 2 Bde.); der erstgenannte Roman fußt in einer irischen Verschwörung, der zweite ist aus dem gesellschaftlichen Leben Englands geschöpft. Enttäuscht hat der zweite Band der »Skizzen« von Adam Szymanski (1890), nachdem der erste Band (1887) zum Teil überschwängliches Lob gesunden hatte und einige der betreffenden Skizzen (»Srul von Lubartow«, »Kowalski«) in der »Revue des Deux Mondes« Aufnahme erlangten. Schon in diesen ersten sibirischen Skizzen tritt jedoch eine bedenkliche Trivialität der Motive zu Tage, während in der neuen Serie sich ein dem polnischen Nationalgefühl entschieden widerstrebender russischer Mystizismus breit macht. Als geradezu pathologische Erscheinungen sind die Romane: »Hrabia Witold« (1890), »Alfredine« (1890) des Grafen St. Rzewuski zu bezeichnen, der sich dem nationalen Leben gänzlich entfremdet hat, für Frankreich und Rußland schwärmt, übrigens einige gute Lustspiele schrieb.

Drama, Epik und Lyrik.

Störender als im Roman wirkt das Überwiegen der Tendenz auf dem dramatischen Gebiet. Die größte polnische Stadt Warschau (450,000 Einw.) mit ihren vier Theatern bietet anscheinend der Entfaltung des Dramas die günstigsten Bedingungen. Allein der gänzliche Mangel einer parlamentarischen Tribüne, einer freien Presse und überhaupt jedes öffentlichen Lebens im modernen Sinne bewirkt dort, daß keine Arbeitsteilung eintreten kann, die Politiker zur Feder greifen, die Künstler politisieren. Die rein künstlerischen Zwecke leiden darunter. Bei einer der zahlreichen Preisausschreibungen wurden 1886 mehr als 70 Dramen eingereicht. Den Preis erhielt das historische Schauspiel aus dem 17. Jahrh.: »Albert, Wojt Krakowski« eines ganz unbekannten Dichters St. Kozlowski. Mit großem Lärm in Szene gesetzt, enttäuschte das Stück die hochgespannten Erwartungen. Die Preisrichter hatten sich eben durch die Tendenz verführen lassen. Preisgekrönte historische Stücke schrieb auch J. ^[Józef] Labunski: »Agrypina« (1886), »Ziemowit« (1887). In modernen Verhältnissen fußen die Schauspiele von E. Lubowski (»My sie Kochamy«, 1887; »Przyiaciólka zon«, 1890, etc.), K. Zalewski (»Gòrąnasi«, »Friebe«, 1885; »Nasi zieciowie«, 1886; »Malzeństwo Apfel«, 1887; »Oj-mezczyzni«, 1889), Okonski (»Antea«) etc. Unter den Lustspieldichtern sind zu nennen: Gawalewicz (»Komedye«, 1885; »Dzisiejsi«, 1886; »Guzik« 1887 etc.), Balucki (»Bilecik miłosny«, 1885; »O Józię«, 1888; »Ciézkie czasy«, 1889; »Klub Kawalerów«, 1890 etc.), Z. Przybylski (»Wicek i Wacek«, »Panctwo Wackowie«, 1888; »Zlote Góry«, 1890 etc.), J. ^[Józef] Blizinski (»Szach i matt«, 1886: »Opiekun«, 1887; »Mąz w drodze«, 1888; »Dzika ròzyczka«, 1889, etc.), ferner Graf Wl. Koziebrodzki, A. Abrahamowicz u. a.

Weit hinter dem Roman und den wenigstens quantitativ reichen dramatischen Erscheinungen steht jetzt die eigentliche Poesie zurück, die mit dem glänzenden Dreigestirn Mickiewicz, Slowacki und Krasinski in der ersten Hälfte des Jahrhunderts einen so vielverheißenden Aufschwung nahm. Der Mangel an echter poetischer Begeisterung verrät sich schon in der bizarren Wahl der Stoffe. So besingt Graf Adalbert Dzieduszycki (geb. 1845, bekannt durch philosophische Schriften, seit 1879-86 Mitglied des Wiener Abgeordnetenhauses, jetzt auf seinen Gütern in Galizien lebend) in den zwölf Gesängen: »Basń nad basniami« (1889, 2 Bde.) die fabelreiche polnische Urgeschichte unter Benutzung der betreffenden Volkslieder, Sagen, Märchen, ohne einen befriedigenden künstlerischen Gesamteindruck hervorzubringen. In denselben prähistorischen, der Entfaltung echter poetischer Begeisterung ungünstigen Verhältnissen spielt das lyrische Drama »Wanda« (1887) von Deotyma (Hedwig Luszczewska), welches einen Teil ihrer »Polska w piesni« (»Polen im Lied«) bildet, eines Stoffes, an dem selbst das gewaltige Talent Slowackis (»Kròl Duch«) scheiterte. Auch das epische Gedicht »Kròl Salomon« von Wladimir Zagórski (1887) befriedigt nicht. Als lyrische Dichterin von echter Begeisterung bewährt sich M. Konopnicka in ihren »Gedichten« (1887, 3 Bde.). Pessimistisch affektierte »Strophen« veröffentlichte der als Geschichtsforscher glücklichere Alex. Kraushar (1886); sonst sind noch zu erwähnen lyrische Gedichte von Hajota (jetzt als Frau Szolc-Rogozinska in Südafrika lebend), Tadeus Otawa (»Piesni lyrnika«, 1886), M. Gawalewicz (»Poezye«, 1887) etc.

Litteratur- und Weltgeschichte.

Angeregt durch die wertvollen »Reisebriefe« von Odyniec (1875-78, 4 Bde.), nahm die Mickiewicz-Litteratur im letzten Jahrzehnt einen ungeahnten Aufschwung. Unter den neuern diesbezüglichen Schriften sind hervorzuheben: »A. Mickiewicz« von P. Chmielowski (1886, 2 Bde.), ein vollständiges, detailliertes Lebensbild des Dichters; »Die Jugend des Mickiewicz« von T. Ziemba (1890), der übrigens in zahlreichen, in den Monatsschriften veröffentlichten Essays den ganzen Lebenslauf des Dichters auf Grund sorgfältiger Quellenforschung schildert; »Mickiewicz in Wilna und Kowno« (1889, 3 Bde.) von J. ^[Józef] Tretiak, worin das Hauptgewicht auf den innern Entwickelungsgang des Dichters gelegt wird; »Messyanisci i Slowianofile« (1890) von M. Zdziechowski, worin viele bisher noch dunkle Punkte in der sogen. messianischen Verirrung des Dichters aufgeklärt werden; »Das Leben des Adam Mickiewicz« (Bd. 1, 1890), von seinem Sohne Ladislaus Mickiewicz, reich an neuen Details; die »Denkschrift des Mickiewicz-Vereins« (bisher 3 Bde.), welche Aufsätze der hervorragendsten Litterarhistoriker, Tarnowski, Nehring, Chmielowski, Spasowicz etc., und einen vollständigen Ausweis aller laufenden Publikationen über Mickiewicz etc. enthält. Mit der Überführung der Gebeine des Dichters von Paris nach Krakau, 4. Juli 1890, ist die reiche Mickiewicz-Litteratur noch keineswegs zum Abschluß gelangt. In ebenso anziehender wie gründlicher Weise behandelt das 16. Jahrh. Graf St. Tarnowski, Professor der polnischen Litteraturgeschichte an der Krakauer Universität, in: »Die politischen Schriftsteller des 16. Jahrhunderts« (1886, 2 Bde.) und »Jan Kochanowski« (1888), sonst sind von ihm zu nennen ausführliche Monographien über M. Czajkowski (1886), H. Rzewuski (1887), W. Kalinka (1888), »Aus den Ferien«, die Beschreibung einer Reise nach Wien, Moskau, Wilna (1888, 2 Bde.). Der Theoretiker der Warschauer Positivisten, P. Chmielowski, veröffentlichte außer dem oben erwähnten Werke über A. Mickiewicz: »Die polnischen Schriftstellerinnen im