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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Psychometrie; Psychophysik

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Psychometrie - Psychophysik.

lichsten Vorkommnissen des Spiritismus u. dgl. die transcendentale Freiheit der Seele vom Kausalgesetz, ihre organisatorische (den Leib bildende) Kraft und ihre individuelle Unsterblichkeit ableiten (hierzu vgl. die Zeitschrift »Sphinx«; die Schriften von du Prel: »Philosophie der Mystik«, Leipz. 1885; »Monistische Seelenlehre«, das. 1888; »Studien aus dem Gebiete der Geheimwissenschaften«, das. 1890). Solche, einem Glaubensbedürfnis entsprungene Spekulationen gehören kaum mehr der Erfahrungswissenschaft P., sondern vielmehr einer

12) Philosophie der P. an. Ebenso nämlich wie alle Erfahrungswissenschaften schließlich auf einen Punkt angelangen, wo das philosophische Nachdenken in Hypothesen, welche über die Erfahrung hinausgehen, einen systematischen Zusammenschluß wagt, ebenso setzt sich an die P., nachdem sie die psychischen Vorgänge beschrieben und auf Gesetze zurückgeführt hat, eine Erwägung über die tiefern Gründe dieser Gesetze an. Es gibt keine rationale oder spekulative P., sondern nur eine Philosophie der P. In Verkennung dieses einfachen Thatbestandes wähnen noch heute die Hegelianer, daß sie P. treiben, wenn sie das Wesen der Seele aus dem Verhältnis des Geistes (Ideenwelt) zur eigentlich auch geistigen Materie (Erfahrungswelt) herausdefinieren oder eine Geschichte der Seele schreiben, d. h. die Geschichte einer allmählichen Selbstbefreiung der geistigen Substanz aus den Fesseln der unorganischen Natur, zunächst zu organischen Trieben, hernach zu Empfindungen und Begehrungen, endlich zu intellektueller, moralischer und ästhetischer Thätigkeit (vgl. Rosenkranz, Psychologie, 3. Aufl., Leipz. 1863; Michelet, Anthropologie und P., das. 1840; Schaller, Psychologie, das. 1860). In Wirklichkeit dürfen erst am Schluß der empirischen P. die Fragen nach Existenz, Einheit, Immaterialität und Fortdauer einer Seele erhoben werden (über diese Fragen vgl. Lotze, Mikrokosmos, 4. Aufl., Leipz. 1885). Dann kann auch, wie bereits Fries ahnte, die P. als Wissenschaft aller Wissenschaften nachgewiesen werden, indem die äußern Objekte und ihre philosophischen Ergänzungen lediglich als innere Zuständlichkeiten betrachtet werden, die aus bestimmten psychologischen Gesetzen entstanden sind. Vgl. Ballauff, Die Grundlehren der P. (2. Aufl., Köthen 1890); Strümpell, Grundriß der P. (Leipz. 1884); Spencer, Prinzipien der P. (deutsch, Stuttg. 1882); Taine, Der Verstand (deutsch, Bonn 1880, 2 Bde.); Wundt, Grundzüge der physiologischen P. (3. Aufl., Leipz. 1887, 2 Bde.); Windelband, Über den gegenwärtigen Stand der psychologischen Forschung (das. 1876); Martius, Ziele und Ergebnisse der experimentellen P. (Bonn 1888); Spitta, Die psychologische Forschung und ihre Aufgabe (Freiburg 1889); Jerusalem, Lehrbuch der empirischen P. (2. Aufl., Wien 1890); Sully, Outlines of psychology (6. Aufl., Lond. 1889); Brentano, P. vom empirischen Standpunkt (Wien 1874); Siebeck, Geschichte der P. (Gotha 1880 ff.). Zeitschriften: Mind, »American Journal of psychology«; »Bulletins de la Société de P. physiologique«; »Proceedings of the Society for psychical research«; Schriften der Gesellschaft für Experimentalpsychologie zu Berlin; »Zeitschrift für P. und Physiologie der Sinnesorgane«.

Psychometrie, s. Psychologie, S. 749.

Psychophysik, die Lehre von den Wechselbeziehungen des Psychischen und Physischen im Menschen, der als ein psychophysisches (seelisch-körperliches) Wesen aufgefaßt werden muß. Psychophysischer Prozeß heißt die Nervenerregung im Zentralorgan, deren Stärke und Beschaffenheit sich der innern Wahrnehmung als intensiv und qualitativ bestimmte Empfindung (s. Empfindungen) darstellt, und deren Stärke wie Beschaffenheit von der Natur von Reizen (s. d.) abhängt. Eine exakte Untersuchung dieser Verhältnisse ist auf die beiden Außenglieder, Reiz und Empfindung, angewiesen, da der mittlere Vorgang der nervösen Thätigkeit sich der Beobachtung entzieht; die P. erforscht daher die Gesetze, nach denen die Empfindung sich mit ihrer mittelbaren Ursache, dem Sinnesreiz, ändert. In noch engerm Sinn, und zwar mit Rücksicht auf die historische Entstehung und bisherige Bearbeitung unsrer Disziplin, läßt sich P. definieren als Wissenschaft von den Beziehungen zwischen der Stärke der Reize und der Intensität der Empfindungen. Dabei werden aber zwei unbewiesene Voraussetzungen gemacht: 1) daß zwischen der Empfindung und dem ihr direkt vorangehenden nervösen Vorgang eine strenge Korrespondenz besteht, und 2) daß den Intensitätsunterschieden der Reize reine Intensitätsunterschiede der Empfindungen entsprechen.

E. H. Weber nahm zuerst das Problem in Angriff. Wir haben die Fähigkeit, die Verschiedenheit von Reizintensitäten zu beurteilen (Unterschiedsempfindlichkeit), sobald die Verschiedenheit eine gewisse Größe (Unterschiedsschwelle) übersteigt. Die Unterschiedsempfindlichkeit ist aber für die Vergleichung von zwei schwachen wie von zwei starken Reizen nicht die gleiche, die Unterschiedsschwelle bleibt bei schwachen wie starken Reizen nicht dieselbe, denn während man z. B. 9 g und 13 g auf der Hand als verschieden empfindet, merkt man es nicht, wenn zu 9 kg 4 g hin zugefügt werden. Die Unterschiedsschwelle ist von der Stärke des ersten Reizes abhängig; zu einem Reize r muß, damit die von ihm erregte Empfindung a in eine noch eben merklich davon verschiedene b übergehe, ein um so größerer Zuwachs x hinzugefügt werden, je größer r selbst schon ist. Webers Gesetz lautet demnach dahin, daß zur eben merklichen Verstärkung einer Empfindung ein relativer (nämlich durch die wechselnde Größe des ersten Reizes jedesmal bestimmter) Zuwachs erforderlich ist. Dieses Prinzip findet in vielen alltäglichen Erfahrungen seine Bestätigung, unter anderm auch darin, daß ein Reicher 1000 Mk. zu seinem Vermögen hinzuerwerben muß, um dieselbe Befriedigung zu empfinden, die ein Armer bei dem Gewinn von 1 Mk. empfindet. Diese Abhängigkeit der fortune morale von der fortune physique ist bereits 1738 von David Bernoulli erkannt worden; das Bernoullische Gesetz lautet (in Grotenfelts Fassung): der subjektive Befriedigungswert eines objektiven Quantums der Güter ist der Summe der von dem betreffenden Subjekt besessenen Güter umgekehrt proportional. Trotz vieler solcher Analogien ist das Webersche Gesetz von Hering und Langer ganz bestritten, von Delboeuf und G. E. Müller teilweise angegriffen worden. In der That findet sich das angegebene Verhältnis nur auf dem Gebiete der Schallempfindungen durchgehends bestätigt und innerhalb andrer Sinnesgebiete nur bei mittlerer Reizstärke; auch ist es noch nicht ganz gelungen, die zahlreichen Abweichungen davon auf die störende Mitwirkung andrer Faktoren (Ermüdung, Übung u. dgl.) zurückzuführen. Um Empfindungen zu erzielen, deren Unterschiede gleich merklich sind, als gleich groß empfunden werden, müssen die Reize nach Webers Gesetz etwa in dem Verhältnis 4, 6, 9, 13½, 20½ ... stehen, weil 4/6 = 6/9 = 9/13½ = 13½/20¼ ... ist, d. h. sie müssen eine sogen. geometrische Reihe bil-^[folgende Seite]