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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Russisches Reich

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Russisches Reich (Eroberungen in Zentralasien).

gebildet worden waren, wurden von den Generalen Gurko und Dragomirow befehligt, welche man als die Feldherren des künftigen Krieges ansah. Die Schmeicheleien und Höflichkeitsbezeigungen, in denen sich die Franzosen erschöpfen, nahm man in Rußland gern entgegen. Man gefiel sich in dem Bewußtsein, daß der Friede Europas von dem russischen Belieben abhänge, Die Bestrebungen, alle unter dem Zepter des Zaren stehenden Lande in Kultur, Sprache und Religion mit Rußland zu verschmelzen, wurden rücksichtslos fortgesetzt und sogar auf Finnland (s. d.) ausgedehnt. Die deutschen Kolonisten in Südrußland waren der gewaltsamen Russifizierung wehrlos preisgegeben.

Russische Eroberungen in Zentralasien.

(Hierzu die Übersichtskarte.)

Peter der Große that die ersten Schritte, um Rußland einen Einfluß in Innerasien zu sichern. Er wollte einen Handelsweg nach Indien bahnen, da er schon damals die hohe Wichtigkeit Mittelasiens für Rußland in handelspolitischer Beziehung erkannt hatte. Deshalb richtete er 1714 eine Expedition unter dem Tscherkessenfürsten Alexander Bekowitsch nach Chiwa aus, dessen Chan sich schon 1700 zum russischen Unterthan erklärt hatte. Als aber die Russen sich dem Gebiet Chiwas näherten, fanden sie bewaffneten Widerstand. Der zu dieser Zeit regierende Chan erkannte das russische Unterthanenverhältnis nicht mehr an. Durch Verrat fanden die russischen Expeditionstruppen ihren Untergang. Einen Erfolg hatte dieser Zug der Russen indessen doch gehabt: die zwischen der Wolga und dem Ural wohnenden Kirgiskaisaken wurden russische Unterthanen. Im J. 1725 lief die Südgrenze Rußlands in Asien längs der Flüsse Ural und Migas über Kurgan nach Omsk, längs des Irtisch und der Vorberge des Altai zwischen Biisk und dem Jelezkischen See hindurch, an den Quellen des Abakan vorbei nach der jetzigen Grenzlinie mit China hin. Das Gebiet aller nach N. sich ergießender Ströme war im Besitz Rußlands; in Mittelasien gehörte ihm aber noch kein Fuß breit Landes. Den Kirgiskaisaken folgten 1732 die Kirgisen der kleinen und mittlern Horde. Die Kaiserin Anna nahm sie in ihren Unterthanenverband auf und erwarb somit die Landstrecke zwischen dem Ural und dem Balchaschsee.

Erst nach einer fast 100jährigen Pause wurden gegen 1820 die mittelasiatischen Angelegenheiten von Rußland wieder aufgenommen. Innerhalb des Gebietes der kleinen und mittlern Horde der Kirgisen wurden befestigte Punkte angelegt; es entstanden Linien zum Schutze der Grenzen und zur Erhaltung der Kirgisen in Botmäßigkeit. Dieser Zweck wurde nicht erreicht: Chiwa schürte die Unruhen im russischen Gebiet und bot auch den Rädelsführern eine gesicherte Zuflucht. Deshalb wurde der General Perowski, Generalgouverneur von Sibirien, zu einer zweiten Expedition gegen Chiwa entsandt. Vorerst legte man an der Emba etwa 400 km südlich Orenburg den Posten Embinsk und 100 km weiter südlich nach dem Ust-Urtplateau den Posten Ak-Bulak an. Das Expeditionskorps bestand aus 4400 Mann mit einem Train von 2012 Pferden, 10,400 Kamelen und 2000 kirgisischen Führern. Am 29. Nov. 1839 brach man vom Ural auf, im Winter, um in den fast wasserlosen Steppen vor Wassermangel geschützt zu sein. In dem außergewöhnlich strengen Winter erreichte man bei -32° R. und unter Schneestürmen Emba-Posten und Anfang Februar Ak-Bulak. Ein weiteres Vordringen war unmöglich, 13. Febr. wurde der Rückmarsch angetreten, und nach einem Verlust von 1600 Mann rückte man 8. Juni 1840 in Orenburg wieder ein. Dieser Mißerfolg war der Grund eines Aufstandes der Kirgisen, der erst 1842 niedergeworfen wurde. Es entstanden die Posten Uralskoje am Irgis, Orenburgskoje am Turgai und, nachdem auch die große Horde der Kirgisen die Oberherrschaft Rußlands anerkannt hatte, Kopal südöstlich des Balchaschsees. 1847 lief die russische Grenze von dem Alataurücken über den Ili zum Tschu, längs desselben zur Mündung des Sir Darja, wo der Posten Raimskoje angelegt wurde. Man ging den Sir Darja aufwärts: es entstanden an der Stelle des heutigen Kasala Fort 1 und nach Einnahme des dem Chan von Kokan gehörigen Kosch-Kurgan Fort 2. 1853 wurden die Widerstand leistenden Kokanzen bei Akmetschet geschlagen, wo das Fort Perowski angelegt wurde. 1854 war Rußland im Besitz einer 350 km langen, gut befestigten Strecke des Sir Darja. Durch den Krimkrieg gelähmt, wurde die Sir-Linie erst 1860 durch die Einnahme von Djulek und Jany-Kurgan um weitere 150 km verlängert. Zur Umschließung des nördlich gelegenen Steppengebiets nahm man 1864 von Kopal aus die Festung Aulie-Ata, von Djulek aus die Stadt Turkistan und mit den beiden jetzt vereinigten Kolonnen 13. Sept. 1864 das noch südlicher gelegenen Tschimkent. Es wurden 116,000 QWerst Rußland einverleibt.

Nach Auseinandersetzungen mit England, wobei eine russische Note vom 2. Dez. 1864 ausführte, daß Rußland die Verpflichtung habe, im Interesse der öffentlichen Sicherheit und Ruhe sowie in Rücksicht auf die Handelsverbindungen eine Oberherrschaft über die benachbarten Nomadenstämme auszuüben, wurde 1865 das neueroberte Land (40,000 QWerst) mit der Sir Darjalinie und den Erwerbungen am See Issi-kul, wo man vom Fort Wiärnoje her bis an den Naryn vorgegangen war, zu dem Grenzbezirk Turkistan verbunden und in russische Verwaltung genommen.

Rußland ging weiter: 10. Mai 1865 wurde die Chokand gehörige Stadt Taschkent nach einem dreitägigen Kampfe genommen. Der Chan von Chokand, Alim-kul, fiel. Ebenso kamen Tschinas und Keleutschi in russischen Besitz. Nach dem Tode Alim-kuls hatte sich der Emir von Bochara in den Besitz der Städte Chokand und Chodshent gesetzt. Behufs Grenzregulierung trat der Emir von Bochara mit dem russischen Gouverneur des Grenzgebiets Turkistan, Tschernajew, in Unterhandlungen. Sie hatten keinen Erfolg: Rußlands Ansehen sank, des Emirs Macht hob und befestigte sich. Tschernajew wurde durch den General Romanowski ersetzt. Letzterer nahm im Frühjahr 1866 die Offensive wieder auf. Der Emir wurde auf der Ebene Irdjar geschlagen; 24. Mai fiel nach einer achttägigen Belagerung Chodshent, der letzte Stützpunkt der Bocharen im Thale des Sir Darja. Ende 1866 war der Kaschgar-Dawanrücken die Südgrenze Rußlands in Mittelasien und wieder 30,000 QWerst gewonnen. Im Frühjahr 1867 wurde Jany-Kurgan, ein Gebiet von 2600 QWerst, dem Emir von Bochara entrissen. Stand bisher das eroberte Gebiet in Mittelasien unter der Leitung des Gouverneurs von Orenburg, so erging 11. Juni 1867 der Befehl zur Bildung eines Selbständigen Generalgouvernements Turkistan unter dem General Kaufmann.

Der Emir von Bochara ließ von seinen Feindseligkeiten nicht ab. Er wurde auf den Höhen vor Samarkand von den Russen geschlagen. Samarkand