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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Tschechische Litteratur

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Tschechische Litteratur (wissenschaftliche).

schriftstellern der tschechischen Litteratur gehören die verstorbenen Pfleger-Moravský, Smilovský und Beneš-Třebizský, ein Priester, mit einer Reihe Erzählungen aus der nationalen Geschichte. Die phantastische Welt vertritt Jakub Arbes (geb. 1840), dessen Novellen »Ukřižovanà« (»Die Gekreuzigte«) und »Sv. Xaver« (»Der heilige Franz Xaver«) ihrer Zeit sensationell wirkten. Ferdinand Schulz liefert freundliche Lebensbilder und Idylle: »Starý pán z Domašína« (»Der alte Herr von Domasin«) und »Latinská babička« (»Die lateinische Großmutter«). Der als Epiker ausgezeichnete Svatopluk Cech hat auch eine große Anzahl trefflicher humoristischer Novellen und Satiren geschrieben. Ebenso der oben genannte Joh. Neruda, »Malostranské Povidky« (»Bilder aus dem Prager Straßenleben«). Auch Stroupežnický, Ignat Hermann Herites sind beliebte Humoristen. Die namhaftesten übrigen Romanschriftsteller sind Jul. Zeyer (»Ondrěj Cernyšev«, aus der Zeit Katharinas II.), Servac Heller mit Romanen aus dem russischen Leben. Auch Svátek und Jelínek lieferten Lebensbilder aus der heimatlichen Welt. Unter den Erzählerinnen sind hervorzuheben Sophie Podlipská und Lužická; Novellisten sind: Lier, Simáček, Dvorský (»Kronbauer«, »Kolda Malinský«) u. a. Gute Volkserzähler sind Pravda (Hlinka) und Kosmák in Mähren.

Die wissenschaftliche Litteratur ist bei den Tschechen in stetem und bedeutendem Fortschritt begriffen, wobei die neuestens durch die Gunst des regierenden Kaisers gegründete und durch die Munifizenz des Patrioten Josef Hlávka glänzend subventionierte Franz Josephs-Akademie für Wissenschaften, Litteratur und Kunst eine Rolle zu spielen berufen sein dürfte. Auch die wissenschaftliche Terminologie der tschechischen Sprache ist in neuerer Zeit in hohem Grade vervollkommt worden. In der Entwickelung der tschechischen Wissenschaft nimmt, wie natürlich bei einem strebsamen Volke, die nationale Geschichte den ersten Rang ein. An der Spitze der tschechischen Historiker steht heute nach dem Ableben Palackys Professor Wenzel Tomek, dessen groß angelegte und mit immensem Fleiß ausgeführte »Geschichte der Stadt Prag« ein monumentales Werk bildet. Professor Anton Gindelys »Geschichte des Dreißigjährigen Krieges« (deutsch und tschechisch herausgegeben) ist auch in Deutschland rühmlichst bekannt. Verdienstlich sind auch die Werke desselben Verfassers: »Kaiser Rudolf und seine Zeit« und »Geschichte der Böhmischen Brüder«. Unter den jüngern tschechischen Historikern haben sich Jos. Emler durch Herausgabe der Quellen, Jos. Kalousek durch Studien über das böhmische Staatsrecht und die Hussitenzeit, Ant. Rezek durch Werke über Ferdinand I. u. III., Goll durch Forschungen über die Böhmischen Brüder einen Namen gemacht. Aug. Sedláček hat mit großem Fleiß die Geschichte der böhmischen Burgen bearbeitet. Konstantin Jireček schrieb eine Geschichte Bulgariens, welcher jüngst eine allgemeine Monographie über dieses Land folgte; Josef Pič, Svátek, Winter bearbeiteten eifrig die böhmische Kulturgeschichte. Für die böhmische Kirchengeschichte sind thätig Probst Lenz, Kanonikus Borový, Helfert; für die mährische Geschichte haben Beda Dudík und Vinc. Brandl, für die slowakische Sasínek neue und wertvolle Arbeiten geliefert. In der Geographie lieferten der Akademiker Karl Kořistka, Johann Palacký, ein Sohn des Historikers, und Franz Studnička bedeutende Werke. Jos. Erben ist ein fleißiger Statistiker.

Die tschechische Litteraturgeschichte läßt manches zu wünschen übrig. Für Biographien der alten und neuern Schriftsteller haben der verstorbene Minister Jos. Jireček, Rybička und Wenzel Zelený sehr fleißige Forschungen gemacht. Über die sogen. Königinhofer Handschrift schrieben Gebarue ^[richtig: Gebauer (= Jan Gebauer, 1838-1907)] und Hattala, über andre Partien der alten Litteratur Anton Truhlář und Adolf Patera. Ein unvollendetes Werk über die tschechische Litteraturgeschichte schrieb Sabina, ein bloß bibliographisch angelegtes Šembera, ein sehr gutes Schulbuch der auch als Historiker verdiente Karl Tieftrunk, eine unvollendete Litteraturgeschichte des 19. Jahrh. Bačkovský. Als gediegene Kritiker bewährten sich Professor Jos. Durdík, der Benediktiner Vychodil in Mähren. Massaryk und Keizl geben die wissenschaftlich-kritische Zeitschrift »Athenaeum« heraus. An der Spitze der Philologen stehen die Universitätsprofessoren für tschechische und slawische Philologie Gebauer und Hattala; ein großes phraseologisches Lexikon bearbeitete Kott; Kosina und Bartoš gaben gute Schulbücher heraus, letzterer auch eine ausgezeichnete Dialektologie. Kvíčala und Král unternahmen Übersetzungen griechischer Autoren, letzterer auch für das Theater. J. ^[Hynek Jaroslav Mejsnar] Meisnar übersetzte in Hexametern Homer. Ernste philologische Forscher sind weiter Kotsmich, Mašek, Prusík u. a. Ein bedeutendes antik kulturhistorisches Werk gab Velišský heraus. Im Bereiche der Philosophie wurde fast nur die Ästhetik bearbeitet. Des Akademikers Josef Durdíks großes Werk über »Ästhetik« beruht zumeist auf Herbartschen Grundsätzen. Der verstorbene Gust. Lindner schrieb über Pädagogik, Hostinský bearbeitet die Ästhetik der Musik, Massaryk Sociologie, Sauer popularisiert die neuesten englischen und französischen Forschungen. In Mähren schreibt über ästhetische Gegenstände Pospíšil. In neuester Zeit hat auch die Mathematik ausgezeichnete Pfleger gefunden. Hoch angesehen sind hierin der schon als Geograph genannte Akademiker Studnička, die Gebrüder Weyr, Zierden der Wiener Universität und der Prager Technik, ferner die Akademiker Seydler und Šolín, Tilscher u. a. m. Im Bereich der Naturwissenschaften ist der Akademiker Professor Zenger, Hauptvertreter der Astronomie, hauptsächlich durch seine astrophotographischen Entdeckungen bekannt, über deren Resultate er in der französischen Akademie Vorträge hielt. Professor Ladislav Celakovský, ein Sohn des berühmten Dichters, ist ein ausgezeichneter Botaniker und gehört zu den hervorragendsten europäischen Morphologen. In der Zoologie erwarben sich Professor Anton Frič, in der Chemie Adalbert Safařík, Sohn des berühmten Slawisten, und Stolba, in der Mineralogie Bořický, in der Physik Seydler, in der Geologie Johann Krejcí hervorragende Verdienste. In neuester Zeit hat mit der Gründung der tschechischen Universität in Prag auch die Medizin eine Reihe ausgezeichneter Bearbeiter gefunden; waren ja die zwei verstorbenen berühmten Lehrer der Wiener Hochschule, Rokytanský und Skoda, geborne Tschechen. Die Professoren Weiß und Janovský mit Zàhor haben sich um die Bearbeitung der wissenschaftlichen medizinischen Terminologie ein Verdienst erworben, Janovský auch durch Arbeiten über Geschichte der Medizin in Böhmen. Der Akademiker Professor Eiselt hat im Verein mit Thomayer, Maixner, Neureutter u. a. ein großes Werk über Pathologie und Therapie unternommen. Andre verdienstvolle Schriftsteller im Fach der Medizin sind die Professoren der Wiener Universität Albert und Drozda, Professor Hlava in Prag, Steffal, Erpek, Krízek u. a. Glän-^[folgende Seite]