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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Zollunion, mitteleuropäische

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Zollunion, mitteleuropäische.

lene Anregung bewirkte, daß sofort von fachwissenschaftlicher Seite die Möglichkeit einer erweiterten mitteleuropäischen Zollunion erwogen wurde. Diesbezügliche Untersuchungen des Franzosen Molinari von 1879 und des Deutschen Richard v. Kaufmann führten die beiden zu einem bejahenden Ergebnis; speziell v. Kaufmann empfahl eine Union zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn, Frankreich, Holland, Belgien und der Schweiz als einen Weg, der wirtschaftlichen Überlegenheit Englands und der drohenden Nordamerikas zu begegnen. Der Gedanke fiel vorerst nicht auf fruchtbaren Boden. 1880 nahm Fürst Bismarck Gelegenheit, sich über die Frage einer speziell österreichisch-ungarisch-deutschen Zollunion in einem Briefe an den Siebenbürger v. Bauszern zu äußern. Er bezeichnete hier die Zolleinigung als ein ideales Ziel, schien also ihre Möglichkeit für die nächste Zeit nicht ins Auge zu fassen. Trotzdem wurde in den folgenden Jahren der Plan in der Publizistik und auf wissenschaftlichem Boden mehrfach behandelt, unter andern nahmen sich Lujo Brentano und Albert Schäffle seiner an, letzterer mit einem auf eine Union zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Rußland zielenden Vorschlag. 1880 und 1885 gab der deutsche volkswirtschaftliche Kongreß, der von Freihändlern beschickt wird, sein Votum gegen eine deutsch-österreichische Zollunion ab. Hinwieder wollte der in Pest anläßlich der ungarischen Landesausstellung veranstaltete internationale landwirtschaftliche Kongreß die ungarische Regierung zur Inangriffnahme von Verhandlungen im Interesse einer Zollunion bestimmen, doch ohne Erfolg. 1888 wurde abermals durch einen Franzosen, den Grafen Paul de Leuße, eine Anregung dieser Art gegeben und zwar in neuer Beleuchtung, indem nicht mehr wie sonst in den 80er Jahren die Notwendigkeit eines Kampfes gegen die amerikanische Getreidekonkurrenz unter den Gründen, welche für die Zollunion sprechen sollten, in den Vordergrund gestellt war, sondern die einem solchen Zollbund zukommende Friedensmission. Seitdem haben sich die Äußerungen für eine mitteleuropäische, bez. österreichisch-deutsche Zollunion gehäuft. Der österreichische Reichsratsabgeordnete Peez, einige österreichische landwirtschaftliche Vereine, in bemerkenswerter Weise der österreichische Großindustrielle Leitenberger suchten die öffentliche Meinung oder die Regierung für den Unionsgedanken zu gewinnen. Österreichische industrielle Korporationen sprachen sich freilich zu gleicher Zeit gegen den Plan aus. 1890 trat Graf de Leuße mit einer neuen Publikation im Interesse des Zollvereins hervor; im September des gleichen Jahres erörterte der anläßlich der internationalen landwirtschaftlichen Ausstellung in Wien tagende internationale landwirtschaftliche Kongreß die Frage. Er nahm eine Resolution des Inhalts an: im Interesse der mitteleuropäischen Land- und Forstwirtschaft sei die Schaffung einer mitteleuropäischen Zollliga, innerhalb welcher event. mit Rücksicht auf die Interessen einzelner Produktionszweige sowie mit Rücksicht auf den Schutz besonderer staatlicher Verbrauchssteuern Differenzialzölle zugelassen wären, notwendig. Auf diesem Kongreß war die Unionsidee insbesondere von österreichischen Agrariern eifrig vertreten; von deutschen Mitgliedern des Kongresses wurde der Plan kühl aufgenommen, von einem sich an der Diskussion beteiligenden Franzosen geradezu abgelehnt. Wieder in ein neues Stadium ist die Frage mit dem Erlaß der amerikanischen Mac Kinley-Bill (s. d.) getreten, welche ihre Tendenz bekanntlich gegen unsern Weltteil richtet und die Einfuhr einer Anzahl europäischer Produkte geradezu verhindern will. Seitdem haben sich nicht weniger in Frankreich als in Deutschland und Österreich Stimmen für eine europäische Union erhoben.

Die Unionsidee ist nun selbstverständlich verschieden zu beurteilen je nach den Absichten, die man mit ihr verfolgt. Wie schon erwähnt, war sie eine Zeitlang als Gegengewicht gegen die industrielle Suprematie Englands, dann als solches gegen die agrikole Vorzugsstellung der amerikanischen Union und ist sie nun als Mittel gleichzeitig der politischen Annäherung der europäischen Mächte und als wirtschaftliche Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten aus Anlaß ihrer vorzugsweise industriellen Schutzzollkampagne gedacht. Unter dem Gesichtspunkt dieser letztern Absichten mag sie hier eine kurze Würdigung finden. Für die Abwehr des amerikanischen Getreides bedarf es einer Zollunion sicher nicht; diese läßt sich bereits durch das Mittel bloßer Prohibitivzölle erreichen. Ähnlich kann man Repressalien gegen die Mac Kinley-Bill auf dem Wege der Belegung amerikanischer Provenienzen mit höhern Zöllen, als sie von den entsprechenden Waren anderweitigen Ursprungs erhoben werden, ins Werk setzen. Keinesfalls läßt sich eine solche differenzielle Behandlung Nordamerikas, durch die sich ein Land in höherm Grade den andern öffnet, bereits als ein mit diesen eingegangener Zollverband bezeichnen. Der Schutz oder Kampf gegen Amerika fordert also noch nicht zu einer Z. heraus. Freilich wird kein Land die differenzielle Behandlung einem europäischen Staate zu gute kommen lassen wollen, ohne von ihm eine Gegengabe zu verlangen. Und da könnte sich dann allerdings mit der Abschließung gegen Amerika eine doppelseitige zollpolitische Annäherung unter den europäischen Staaten vollziehen. Aber von hier zu einer Z. hat es seine guten Wege. Deutschland führt bereits heute seinen Weizen aus Österreich ein ohne Z. mit diesem. Auch Frankreich, Belgien, Holland könnten in ihrem Bezug landwirtschaftlicher Produkte Amerika etwa durch Österreich ersetzen, aber eine Z. mit Österreich, da die Länder nicht aneinander stoßen, doch nicht eingehen. Der beabsichtigte Abschluß gegen Amerika fordert zu differenziellen Begünstigungen speziell landwirtschaftlicher Produkte europäischer Provenienz (nebst jenen anderweitiger überseeischer Provenienz) heraus. Wenn nun die Länder größter Industrieentwickelung und die vorzugsweise agrikolen nicht aneinander stoßen, so ist dies ein Verhängnis, welches aus dem Gesichtspunkt speziell der Abwehr gegen Amerika die Z. schließlich doch unmöglich macht. Abgesehen von Anregungen seitens einiger Gelehrter und der Zeitungspresse haben bisher übrigens nur österreichische und ungarische Landwirte die Idee einer Z. mit Eifer betrieben. Die gewerbliche Kaufmannschaft der europäischen Staaten und begreiflicherweise auch die Landwirtschaft Deutschlands, Frankreichs etc. verhielten sich entweder indifferent oder geradezu abweisend. Es ist unter diesen Umständen kaum anzunehmen, daß allein aus wirtschaftlichen (nicht politischen) Erwägungen heraus eine mitteleuropäische Z., ob nun in größerm oder kleinerm Rahmen, eine Wahrscheinlichkeit hat. Das allerdings, was meist gegen eine Z., die Österreich-Ungarn einbezöge, geltend gemacht wird, daß nämlich die ungeordneten Valutaverhältnisse dieses Reiches eine derartige Verbindung mit ihm nicht zulassen, ist für uns nicht überzeugend. Überdies scheint ja die Papierwährung Österreichs jetzt ihrem Ende entgegenzugehen.