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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Englische Litteratur 1890-91 (Biographie)

»Essays and reviews« über George Eliot, Matthew Arnold, Browning und den Kardinal Newman kritisch ausgesprochen. W. W. Story unternahm »Excursions in art and letters«. Lady Wilde, eine Irländerin, veröffentlichte »Notes on men, women and books«, in denen neben Swift, Bulwer Lytton, Thackeray, George Eliot, Leigh Hunt auch unser Jean Paul besprochen wird, in anziehender Weise, ohne Tiefe zu beanspruchen, deren sie in der That ihr eignes Geschlecht für unfähig hält. Die weniger zahlreiche als laute Ibsen-Gemeinde fand in Bernard Shaw einen Fürsprecher. Die Browning-Gesellschaft hat ihre Thätigkeit beschlossen, die Carlyle-Gesellschaft die ihrige lebhaft fortgesetzt, die englische Goethe-Gesellschaft sich aus einer Periode der Erschlaffung wieder zu frischem Leben aufgerafft.

Biographie.

Vom psychologischen Standpunkt aus ist unter den vielen Lebensbeschreibungen, die uns vorliegen, Frau Oliphants Buch über »Laurence Oliphant« wahrscheinlich das interessanteste Buch. Die Verfasserin (welche indes mit ihrem Helden trotz der Gleichnamigkeit nicht oder höchstens sehr entfernt verwandt ist) hat unter den vielen und guten Romanen, die sie uns geliefert, kaum jemals einen romantischern Gegenstand behandelt als den dieses bewegten, widerspruchsvollen, bunten Lebens. Laurence Oliphant, der Sohn des Oberrichters von Ceylon, genoß eine nur unvollständige Universitätsbildung, wurde Advokat, ohne doch zu praktizieren, begab sich, im Besitz eines bedeutenden Vermögens, auf Reisen in damals sehr wenig bekannte Länder und machte kurz vor dem Ausbruch des Krimkriegs durch sein Buch »The Russian shores of the Black Sea« großes Aufsehen. Von der Regierung zu Rate gezogen, wurde der noch junge Mann für diplomatische Dienste benutzt, und teilweise in dieser Eigenschaft, teilweise indem ein unsteter Trieb ihn wieder zum Reisen auf eigne Hand veranlaßte, sah er Transkaukasien, Amerika, Nepal, China, Japan und veröffentlichte eine Reihe von hochinteressanten Büchern über diese Länder. In den Zwischenzeiten war er Parlamentsmitglied, Romanschreiber, Journalist, Kriegskorrespondent und in der Londoner Welt ein Lebemann im vollen Sinn des Wortes. Und derselbe Mann ergab sich, von Mystizismus ergriffen, einem religiösen Schwindler in Amerika, trennte sich von allen Gewohnheiten eines reichen Lebens, verbrachte Jahre in völliger Abhängigkeit und teilweise in den niedrigsten persönlichen Diensten zu gunsten des vermeintlichen Propheten. Merkwürdigerweise wurde er in einer Zwischenperiode aus seiner Sklaverei in Kalifornien entlassen, kam nach England, nahm sein früheres Leben wieder auf, schrieb einen Aufsehen erregenden Roman: »Altiora Peto«, in dem er das Strebertum geißelte; dann trat er wieder gehorsam in die Dienste der sogen. Gemeinde jenes Mannes Zurück, der ihn selbst von Mutter und Gattin trennte. Erst als jene in der Mühe des rauhen Lebens erlagen und der Schwindler die Hand auf das Vermögen Oliphants zu legen begann, gingen dem Schwärmer die Augen so weit auf, daß er sich von jenem trennte, in dem er aber immer noch ein geheimnisvolles, religiöses Wesen zu sehen vermochte. Er begab sich nach Palästina, schrieb von dort noch mehrere Bücher (»Halfa, life in modern Palestine«, »Mossolam«, »Episodes in a life of adventures«), in denen sich klare Beobachtung und das alte Erzählungstalent wunderbar mit Spiritismus und einem verworrenen religiösen Enthusiasmus vermengt. Er entwarf Kolonisationspläne zu gunsten seiner neuen Heimat, vermählte sich auch wieder, verfaßte noch ein überspanntes Buch: »Scientific religion«, und starb bald darauf. - Ein andrer Oliphant (C. P.) ist es, der neben metrischen Übersetzungen, die große Begabung verraten, in dem ablaufenden Jahr ein Leben Alfred de Mussets schrieb, aber kurz nach dem Erscheinen des Buches starb. Die bereits sehr hoch angeschwollene Carlyle-Litteratur ist durch Frau Alexander Ireland, die Gattin von Emersons Biographen, durch ein »Life of Mrs. Carlyle«, ihrer Freundin, vermehrt worden. Durch dasselbe werden alte Kontroversen ohne Not noch einmal aufs Tapet gebracht. Frau Sutherland-Orr hat uns »The life and letters of Robert Browning« gegeben; sie war lange mit dem Dichter vertraut, dessen Leben sie uns etwas breit und geschwätzig erzählt. Henry Jones gibt uns einen Band über »Browning as a philosophical and religious teacher«. A. H. Happ hat über einen in Deutschland nicht hinreichend bekannten, in England vielgeltenden Schriftsteller »DeQuicey memorials« herausgegeben; Sidney Colvin die »Letters of John Keats to his family and friends« veröffentlicht. Hier mag auch angeführt werden, daß Señora Llanos, des Dichters Schwester, seine Briefe in der Urschrift dem Britischen Museum überreicht hat. Ebenso sind die gesamten Manuskripte von George Eliots Werken (mit einer einzigen Ausnahme) durch Vermächtnis ihres Stiefsohnes an dieselbe Anstalt gelangt, in äußerst sorgfältiger Handschrift, in welcher jedem Buch eine Widmung an George Henry Lewes, ihren Gatten, den Goethe-Biographen, vorhergeht. Dem unlängst nach langem, reichem Leben verstorbenen Verlagsbuchhändler John Murray ist von Smiles in »A publisher and his friends« ein wohlverdientes Ehrendenkmal gesetzt. Dieser zweite Inhaber einer Firma, die aus unbedeutenden Anfängen eines jungen, in England eingewanderten Schotten sich in drei Generationen zu hoher Stellung erhoben, immer eine hohe Würdigung und feines Verständnis für Litteratur mit praktischem Geschäftssinn verbindend, kannte noch Walter Scott und Byron, der an Murrays Vater einen einsichtsvollen Freund hatte, an den mehrere seiner Gedichte gerichtet sind. Das vorliegende Buch gewährt reiche Ausblicke in die neuere Litteratur. Ein schottischer, hochbetagter Journalist, James Hedderwick, gibt uns in »Backward Glances« seine Erinnerungen, in denen wir wieder Walter Scott, auch Macaulay und vielen andern begegnen. Des dramatischen Schriftstellers E. L. Blanchards »Life and reminiscences« haben Element Scott und Cecil Howard herausgegeben. In dem »Memoir of Madame Jenny Lind-Goldschmidt« haben sich die Verfasser Henry Scott Holland und W. S. Rockstro wohl etwas überschwenglich in ihrem Lob einer guten Sängerin und braven, wohlthätigen Frau gezeigt. Von ältern Schriftstellern ist dem Biographen des Dr. Johnson in »James Boswell« von dem fleißigen, vielleicht allzu thätigen Percy Fitzgerald nun selbst eine Biographie geworden, in der wir mit Johnson, Goldsmith, Paoli, Wilkes, Voltaire, Rousseau, Chatham in Berührung kommen. Das neue Buch wird die als musterhaft anerkannte Ausgabe, welche Birkbeck Hill von Boswells »Johnson« gemacht und reichlich annotiert hat, nicht verdrängen. Derselbe P. Fitzgerald hat auch eine »History of Pickwick« geschrieben, welche deutsche Verehrer von Dickens interessieren mag. Ein Werk von bleibendem Wert ist das »Life of Cervantes« von Henry Edward Watts, einem der gründlichsten Kenner spanischer Dinge. Deutschen Lesern wird wohl weniger als