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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Englische Litteratur 1890-91 (Staats- u. Kulturgeschichte)

englischen mit dem »Life of Archibald Campbell Tait, archbishop of Canterbury« gedient sein, eines Mannes, der unter den schwierigen Verhältnissen, in welchen sich heutzutage die anglikanische Staatskirche befindet, viel Einsicht und Wohlwollen gezeigt hat, und von dem seine Biographen Davidson und W. Berham glauben sagen zu dürfen, daß »die Geschichte ihn den größten Erzbischof von Canterbury seit Laud nennen wird«, womit aber wohl keine Übereinstimmung mit Lauds theologischer und politischer Doktrin ausgesprochen werden soll. Auch Alexander Robertsons »Count Campobello and Catholic reform in Italy« mag in Deutschland nur laues Interesse erregen, wenn es auch immerhin eine nicht unwichtige Seite der neuen Entwickelung Italiens berührt. Dagegen sollte sich wohl ein großes Publikum von dem »Life of Sir John Franklin« angesprochen finden, dessen Verfasser, Kapitän Albert Markham, selbst ein bekannter Nordpolfahrer ist. Das Leben des außerordentlich vielseitig gebildeten Forschungsreisenden Sir Richard Burton wird soeben von seiner Witwe Lady Burton geschrieben. Von lebenden oder sonst neuern Staatsmännern hat George Russell, ein Verwandter des frühern Premierministers Lord Russell, ein »Life of Gladstone« geschrieben, nicht ganz so unbedingt bewunderungsvoll und mit mehr kritischer Freiheit, als man nach der Parteistellung des Verfassers erwarten durfte. Dies mag auch von dem konservativen H.D. Traill: »The Marquis of Dalisbury« gesagt werden. Dagegen hat der gladstonische Sir William Fraser in »Disraeli and his day« dem feindlichen Parteigeist vollen Lauf gelassen. In »Lord Melbourne«, der schon länger den Lebenden und ihren Kämpfen entrückt ist, konnte Henry Dunkley leichter die Unparteilichkeit walten lassen, und dies gilt auch von dem »Pitt« des Lord Roseberry und dem »Earl Canning« des Sir H.S. Cunningham. Hier muß auch des Buches gedacht werden, welches Harold Frederic veröffentlichte: »The young Emperor William II of Germany, a study on character development on a throne«. An Gelegenheit, die Thatsachen kennen zu lernen, hat es dem Verfasser nicht gefehlt. Und er spricht mit großem Freimut, in Lob und Tadel. Weit zurück gehen Kapitän Oliver mit den »Adventures of Count Beniowski in Hungary, Sibiria and Madagascar«, Professor Beesley mit »Queen Elizabeth«, W. Stebbing mit »Sir Walter Raleigh« und Charles W. Oman mit »Warwick the Kingmaker«, dieser auch dem belletristischen Leser aus Shakespeare und Bulwer Lytton bekannt, wie jener vielleicht aus Kotzebue und Walter Savage Landor. Noch weiter greift der gelehrte Thomas Hodgkin zurück mit »Theodoric the Great, the barbarian champion of civilization«. Derselbe Verfasser hat bereits aus jener Periode »The letters of Cassiodorus« herausgegeben. Ein besonders reizendes Buch liegt in den »Recollections of a happy life« vor: es ist die Autobiographie der nun verstorbenen Marianne North, welche, mit viel Geld und schönen Kenntnissen ausgerüstet, den Erdkreis nach beinahe allen Richtungen, namentlich die tropischen und subtropischen Gegenden, bereist und ihre wertvollen Zeichnungen dem Museum in Kew in eigens errichtetem Gebäude hinterlassen hat. Von dem großen »Dictionary of national biography« ist der 29. Band erschienen, welcher bis John reicht. Sydney Lee, seit einiger Zeit Mitarbeiter, wird künftig die Stelle des aus Gesundheitsrücksichten zurückgetretenen Herausgebers Leslie Stephen einnehmen.

Staats- und Kulturgeschichte.

In einem einhändigen Werk stellt sich, mit großer Autorität sprechend, General Hamley mit seinem »War in the Crimea« an die Seite des Historikers Kinglake, dessen achtbändige »Invasion of the Crimea« (s. Bd. 17, S. 294) die Bewunderung und Ermüdung seiner Leser hervorgerufen hat. Von durchaus gründlichen Studien und reicher persönlicher Erfahrung geht ein andres Buch eines Offiziers aus, des Majors Wingate »Mahdiism, and the Egyptian Sudan«. Hier ist viel thatsächlich Erlebtes, klar Gesehenes und ein reicher Schatz von Urkunden. Auf demselben Gebiet, aber mit weniger Bedeutung, bewegt sich innerhalb der Anschauungen der Missionare der Arzt Tristram Pruen in »The Arab and the African«. Ähnlich wie Hamley zu Kinglake stellt sich neben die beiden großen Werke des seither verstorbenen Thorold Rogers (»Six centuries of work and wages« und die »History of agriculture and prices in England«) ein weniger umfangreiches: »The industrial history of England«, von H. de B. Gibbins. Bedeutender ist »The growth of English industry and commerce during the early ad middle ages« von W. Cunningham, welcher auch die neuere Zeit in einem folgenden Buche zu behandeln verspricht. Der Geist, in dem der Verfasser arbeitet, mag aus seinem Ausspruch erkannt werden: »Die volkswirtschaftliche Geschichte beschäftigt sich nicht sowohl mit dem Studium einer besondern Klasse von Thatsachen, als vielmehr mit dem Studium der gesamten Thatsachen der Geschichte einer Nation, von einem besondern Standpunkt aus gesehen.« In diesem Sinn ergeht sich auch die posthume Ausgabe der »Economic interpretation of history« von dem obengenannten Professor Thorold Rogers. Hier sei auch gleich eines Inders »History of civilisation in ancient India« erwähnt, dessen Verfasser Romesh Ehunder Dutt sich auf sanskritische Quellen stützt.

Eine interessante Episode aus der neuern anglo-indischen Geschichte gibt uns Lady Login in »Sir John Login and Duleep Singh«, aus der neuesten: Frau Grimwoods »Three years in Manipur«, wo ihr Gatte fiel und das tapfere Weib selbst nur mit Mühe dem Tode entging. Hierher gehört auch Sir Owen Burnes Buch über »Clyde and Straithnairu«, zwei englische Feldherren, an die mancher Leser vielleicht besser durch ihre frühern Namen Colin Campbell und Sir Hugh Nose erinnert wird. Aus der engern englischen Geschichte haben wir zwei bedeutende Monographien zu verzeichnen. Der Advokat F. A. Inderwick hat in »The Interregnum, studies of the Commonwealth« ein bisher (selbst von Carlyle in seinem großen Werk über Cromwell) sehr vernachlässigtes Thema gründlich bearbeitet: die legislatorischen Arbeiten und Einflüsse der kurzlebigen englischen Republik, welche sich erst später wieder in neuen Bewegungen geltend gemacht haben. Und Froude hat seiner zwölfbändigen Geschichte von England vom Fall Wolseys bis zum Tode der Elisabeth eine Monographie über den »Divorce of Catherine of Aragon« folgen lassen, worin er seine persönliche Auffassung von Heinrichs VIII. Charakter weiter zu rechtfertigen sucht, zu welchem Zweck er neue urkundliche Beweisstücke beibringt. S. R. Gardiner beendigt mit dem dritten Bande seine »History of the Great Civil war, 1642-49«. W. C. Sydney schreibt über »England and the English in the XVIII. century«; John Hyslop Bell über »British folks and British India fifty years ago: Joseph Pease and his contemporaries«, wohl meinende Quä-