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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Spanische Litteratur (Belletristik)
sich sehr verändert, und man kann nicht sagen: zu ihrem Vorteil. Dagegen zeigt sie mehr Anpassung an die in der übrigen Welt herrschende Geschmacksrichtung, weist mehr kosmopolitische Züge auf als die der Zeit ihrer Wiedergeburt, als die der Jahre 1875-80. Das Bestreben, welches sich damals in erster Linie und mit voller Kraft geltend machte, war völlige Lossagung vom französischen Einfluß, Begründung einer echt nationalen Litteratur. Die besten Werke jener Zeit des Aufschwungs wurzelten im Idealismus, ohne jedoch darum eines gewissen gesunden Realismus zu entbehren. Es herrschte in den meisten derselben eine ausgeprägt liberale, demokratische Geistesrichtung und Weltanschauung. Die neueste Litteratur weist dagegen mit voller Deutlichkeit den gestaltenden Einfluß des modernen Realismus und Naturalismus Frankreichs auf, so sehr die bessern Schriftsteller sich auch bemühen, ihren Werken den nationalen Stempel aufzudrücken. Die vorherrschende Richtung ist entschieden pessimistisch. Der Phantasie, der Dichtung ist nur ein sehr enger Spielraum gewährt; in der Technik vermißt man meist jedes höhere künstlerische Streben und künstlerische Fähigkeiten. Möglichst genaue photographisch getreue Wiedergabe der Szenen und Ereignisse des realen Lebens, Anwendung der stärksten naturalistischen Würzen und Reizmittel sollen diesen Werken Wert verleihen, ihren Erfolg sichern. Wo Phantasie und Dichtung sich breit machen, da gehen sie ins Maßlose und stoßen den modernen Leser ab. Novelle und Roman sollen nicht nurdazu dienen, die unsre heutige Zeit bewegenden sozialen Fragen und Probleme in pikanter Weise zu behandeln, sondern auch persönliche und Parteiinteressen zu fördern. Mehrere litterarische Schulen und Strömungen stehen sich feindlich gegenüber und suchen einander durch ihre Erzeugnisse und die ihnen dienenden Kritiker gegenseitig zu schädigen. Es fehlt der heutigen Belletristik an höhern Idealen, an festen ästhetischen Grundlagen, an sicherm Halt. Mehr als je macht sich überdies der Provinzialismus geltend. So wenig vorteilhaft eine vollständige Zentralisation des spanischen litterarischen Schaffens sein würde, so wenig dienlich ist aber auch die zum Teil durch politische Interessen geförderte Ausbildung von Provinziallitteraturen, die die Schilderung der engern Heimat zu einer ihrer Hauptaufgaben gemacht haben, den Gesichtskreis ihrer Leser beengen, statt ihn zu erweitern.
Manche der besten Schriftsteller der 70er Jahre haben sich bereits zur Ruhe gesetzt; andre sind in ihrer Leistungsfähigkeit bedeutend zurückgegangen, den jüngern Elementen aber, die das litterarische Leben beherrschen, fehlt es einerseits an den nötigen Fähigkeiten, um wirklich Bedeutendes zu leisten, oder sie suchen durch mehr oder minder gesunden Witz, durch Übertreibungen und andre auf den Erfolg abzielende äußerliche Hilfsmittel zu ersetzen, was ihnen an Kenntnis der litterarischen Kunstgesetze, an Wissen, Bildung und Ausdauer abgeht. Der Hauptträger der idealistischen Richtung in der Belletristik, Juan Valera, hat in den letzten Jahren keinen neuen Roman mehr geschaffen. Die Neuauflage seiner bessern Werke aus früherer Zeit, Arbeiten überwiegend wissenschaftlichen Charakters, Essays für Zeitschriften beschäftigen ihn heute ganz ausschließlich, dabei wird manches Werk, das seinen Namen trägt, wie die Fortsetzung des großen Geschichtswerks über Spanien von Lafuente, nicht von ihm, sondern von seinen Hilfsarbeitern geschaffen. Zu erwähnen sind von ihm besonders die in den letzten Jahren in Zeitungen erschienenen, 1891 in Buchform herausgegebenen »Cartas americanas«,in denen hauptsächlich die litterarischen Zustände des gesamten spanischen Amerika einer genauen Behandlung unterzogen sind.
Zorrilla, dem 21. und 22. Juni 1889 die höchste Ehre der Dichterkrönung in Granada zu teil geworden, ist kaum mehr schaffensfähig; Campoamor, der Dichter der Doloras, schreibt wohl dann und wann noch einige Vierzeiler und andre kleine Gedichte, meist sogen. Humoradas, die von den Journalen und Zeitungen rasch der ganzen litterarischen Welt mitgeteilt werden, aber selbst ihnen merkt man schon die Altersschwäche ihres Verfassers an. Eine größere, im vorigen Herbst erschienene Dichtung »El drama universal« hat nur wenig Beachtung gefunden. Gaspar Nuñez de Arce zehrt an seinem frühern Ruhm und besorgt Neuausgaben seiner »Gritos del combate«. Das politische Leben nimmt ihn stark in Anspruch und gewährt ihm zugleich die notwendigsten Existenzmittel. Castelar findet es nachgerade vorteilhafter, seine Zeit für Abfassung politischer Berichte und Essays für südamerikanische Zeitungen, die Revuen Amerikas, Englands, Frankreichs zu schaffen, als Bücher zu schreiben, denn die Honorare, die ihm für seine lediglich durch poetischen Stil und ermüdende Phrasen ausgezeichneten journalistischen Leistungen gezahlt werden, sind ungeheuer. Dann und wann läßt er durch die Presse verbreiten, daß er mehrere große Geschichtswerke vorbereitet. Die Wissenschaft verliert nichts, wenn sie ungeschrieben bleiben; werden sie geschaffen, so werden sie wie seine übrigen sogen. Geschichtswerke nur stilistischen, dichterischen, allenfalls politischen Wert haben, insofern sie seine persönlichen Anschauungen spiegeln. Pedro Alarcon, der 19. Juli 1891 gestorben ist, hatte in den letzten Jahren nichts mehr schaffen können. Binnen kürzester Zeit wird nur noch ein Band hinterlassener, bisher unbekannter Arbeiten von ihm erwartet. Der Begründer und Förderer der neukatalonischen Litteratur, Viktor Balaguer, ist zwar auf wissenschaftlichem Gebiet unermüdlich thätig, im übrigen beschränkt er sich darauf, wie viele jüngere Dichter und Schriftsteller, die es eigentlich noch gar nicht nötig hätten, eine Gesamtausgabe seiner Werke zu veranstalten. Neue belletristische Schöpfungen seiner Muse sind in den letzten Jahren nicht erschienen. Seine große Geschichte Kataloniens, seine Geschichte der Troubadoure sind seine bei weitem bedeutendsten Leistungen. Das von ihm in Villanueva y Geltrú gegründete und nach ihm benannte Provinzialmuseum und die dazu gehörige Bibliothek bilden den Sammelpunkt aller wtalonistischen Bestrebungen, der Geschichte und der Litteratur Kataloniens. Balaguer ist immer noch die Seele der litterarischen Bewegung in dem alten Königreich Katalonien. Antonio Trueba ist 10. März 1889 in Bilbao gestorben. In ihm hat Spanien einen seiner hervorragendsten Schriftsteller verloren. Das Jahr 1889 war für die spanische Litteratur überhaupt ein sehr ernstes, es hat manche der leistungsfähigsten Arbeiter abgerufen. Am 4. Febr. 1889 starb Antonio Arnao, der eine ganze Reihe von verdienstlichen Werken geschaffen hatte und sich namentlich an den Bestrebungen für Schaffung einer national-spanischen Oper beteiligt hat, für die er viele anziehende Textbücher schrieb. »La hija de Jefté«, »La Gitanilla«, »Pelayo«, »Guzman el Bueno« seien unter diesen besonders hervorgehoben. Von seinen Lustspielen ist »La Visionaria« das geschätzteste. Im April 1889 starb Cavanilles y Federici, der