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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Ära

Schwankungen unterlag. Die wichtigsten der gegenwärtig gebräuchlichen Ären sind: die Ä. von Erschaffung der Welt, deren sich noch die Juden bedienen, die christliche der europ. Völker, die mohammed., die ind. Ären und die chinesische.

Die Epoche, mit der die Ä. von Erschaffung der Welt beginnt, ist sehr verschieden berechnet worden. In dem Werke "Art de vérifier les dates" (Par. 1750 u. ö., neueste Ausg., 19 Bde., ebd. 1821-24) sind nicht weniger als 108 Berechnungen der Zeit zusammengestellt, die von Adam bis Christus verflossen sein soll und deren äußerste Punkte um mehr als 3000 Jahre auseinander liegen. Scaliger und Calvisius setzten die Epoche 3949, Petavius 3983, Frank 4181 v. Chr. Die Epoche der jüd. Weltära ist durch den Rabbi Hillel (im 4. Jahrh. n. Chr.) auf das J. 3449 vor der Ä. der Seleuciden (oder 3761 v. Chr.) berechnet worden, und kam seit dem 11. Jahrh. bei den Juden in Gebrauch. Die konstantinopolitan. oder byzant. Weltära, deren Epochenjahr 5508 v. Chr. fällt, hat lange im Bereiche der griech. Kirche, in Rußland z. B. bis 1700, wo Peter d. Gr. die christliche Ä. einführte, in bürgerlichem und kirchlichem Gebrauche bestanden. In wissenschaftlichen Werken war seit dem 17. Jahrh. lange die von Jos. Scaliger aufgestellte Julianische Periode (s. d.) verbreitet, die für die Rechnung unleugbare Vorteile bot.

Die Ä. von Christi Geburt rührt vom röm. Abt Dionysius (s. d.) Exiguus her, der in der ersten Hälfte des 6. Jahrh. n. Chr. lebte. Er stellte eine Ostertafel auf, die er an die Jahre von der Menschwerdung Christi (anni ab incarnatione Domini) knüpfte, neben welchem Ausdrucke beim Datieren auch die Bezeichnung anno gratiae, seltener a nativitate Domini, und erst in späterer Zeit anno Christi, salutis oder orbis redemti aufkam. Diese Ä. findet sich in kirchlichem Gebrauche in Rom bald nach der Mitte des 6. Jahrh.; im 8. Jahrh. ward sie besonders durch die Schriften des Beda Venerabilis verbreitet. Der erste Fürst, der sich ihrer zuweilen in Urkunden bediente, war Karl d. Gr. Schon mit dem 10. Jahrh. war sie in Frankreich und Deutschland allgemein üblich und wurde bald die gemeinsame Ä. der abendländ. Christen. Für die vorchristl. Geschichte ist erst in neuerer Zeit die Zählung von Jahren vor Christi Geburt die allgemein übliche geworden. (S. Julianische Periode.) Die Astronomen setzen nun das Jahr, das nach der gewöhnlichen Zeitrechnung das erste v. Chr. war, gleich 0 und bezeichnen die vorhergehenden Jahre als -1, - 2, -3 u. s. f., so daß sich nach dieser Zählung immer eine Einheit weniger ergiebt. Die Epoche der christlichen Ä. ist nach Dionysius, der unter incarnatio die Verkündigung Maria (25. März) verstand und diese mit dem ihr vorangegangenen bürgerlichen Jahresanfang kombinierte, der 1. Jan. des Jahres, in welches die Geburt Christi nach seiner Berechnung fiel, des 754. Jahres der Varronischen Ä. Daß des Dionysius Berechnung nicht mit den Angaben der Evangelien zusammenstimmt, sondern vielmehr nach diesen Christi Geburt mindestens fünf, höchst wahrscheinlich sieben Jahre früher zu setzen ist, hat vorzüglich Ideler gezeigt. Neben dem 1. Jan. sind aber noch viele andere Tage des christl. Jahres als Neujahrstage gebraucht worden und zum Teil bis ins 18. Jahrh.: der 1. März in Venedig, der 25. März besonders in Florenz und Pisa sowie in England, der Ostertag namentlich in Frankreich, endlich Weihnachten selbst in Frankreich, Italien und Deutschland. In Pisa zählte man die Jahre ab incarnatione vom 25. März 1 v. Chr., in Florenz vom 25. März 1 n. Chr. Man nennt diese beiden auch anderweitig verbreiteten Zeitrechnungen calculus Pisanus und calc. Florentinus (bis 1. Jan. 1750, wo beide Zeitrechnungen abgeschafft).

Die mohammedanische Zeitrechnung beginnt mit der Hidschra (Hedschra, Hegira), d. i. der Auswanderung Mohammeds von Mekka nach Medina (s. Hidschra).

In Indien herrschen vorzugsweise drei verschiedene Ären. A. Die auf religiös-nationale Anschauungen gebaute ist die Ä. des Kali-yuga. Sie beruht auf der alten mythischen Einteilung in vier Weltalter, Yuga (s. d.) genannt: Krita-yuga das Weltalter der Wahrheit, Treta-yuga das Weltalter der Frömmigkeit, Dvāpara-yuga das Weltalter des Zweifels, Kali-yuga das Weltalter der Sünde. Zwischen jedem Yuga ist eine Periode der Morgen- und Abenddämmerung (Sandhi), die ein Sechstel der Dauer der ganzen Periode beträgt. Das erste Weltalter mit seinem Sandhi umfaßt 4800, das zweite 3600, das dritte 2400, das vierte 1200 Götterjahre. Diese 12 000 Götterjahre zusammen bilden ein Mahā-yuga, d. h. ein großes Weltalter. Da für die Götter das menschliche Jahr nur die Bedeutung eines Tags hat, so kommen auf das Götterjahr 360 gewöhnliche Jahre. Das Mahā-yuga enthält demnach 4 320 000 ind. Jahre. Eine Periode von 1000 Mahā-yugas heißt Kalpa = 4 320 000 000 Jahre. Diese letztere Summe gilt als ein Tag des Brahma. Am Ende dieser großen Kalpaperiode geht die ganze Welt, selbst die Götter, unter; nur Gott lebt ewig fort. Ebensolange dauert dann die Zeit der Vernichtung, worauf nun Brahma eine neue Schöpfung beginnt. Nach 100 Jahren, wenn also 36 000 solche Kalpas verflossen sind, stirbt auch Brahma. Den Beginn des Kali-yuga setzt man auf den 18. Febr. 3102 v. Chr. Im südl. Indien wird noch jetzt häufig nach dieser Ä. gerechnet. Die beiden andern gebräuchlichen, aber auf histor. Epochen gegründeten Zeitrechnungen sind: B. die Ä. des Vikrāmāditya, genannt Samvat, welche 57 v. Chr. beginnt; C. die Ä. des Çālivâhana, genannt Çāka, die vom J. 78 n. Chr. zählt. Das ind. Jahr beginnt am ersten des Monats Vaiçākha, d. h. an dem Tage, wo der Mond in dem Sternbilde der südl. Wage voll wird, von Mitte April bis Mitte Mai. Die Indier rechnen nach Sonnenjahren zu 365 Tagen 6 St. 12 Min. 30 Sek., also nach einem Jahre, das nur um 3 Min. länger ist als das astronomisch bestimmte siderische Jahr. Da aber alle kirchlichen Feste an den Mondlauf geknüpft sind, so müssen sonnen- und Mondjahr gegeneinander ausgeglichen werden, was eine verwickelte Rechnung giebt. - Vgl. Warren, Kāla-sankalita, a collection of memoirs on the various modes according to which the Indians divide time (Madras 1825).

Die Buddhisten rechnen nach dem Todesjahre des Buddha Çakyamuni, das freilich bei verschiedenen Völkern sehr verschieden angegeben wird. Nach der mit der Geschichte am meisten übereinstimmenden Angabe fällt das erste Jahr der buddhistischen Ä. auf den Anfang des J. 477 v. Chr.

Über die Ä. der Chinesen s. China.

Unter den alten, für das Geschichtsstudium wichtigen Ären sind zu nennen: die griechische Ä. nach Olympiaden, die römische von der Erbauung Roms,