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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Ästhesioneurosen - Ästhetik

sehener Arm unbeweglich abgeht; ein zweiter mit ihm parallel laufender Arm läßt sich mittels einer Hülse auf der Messingstange leicht verschieben und vermittelst Schrauben feststellen. Der Abstand beider Arme wird an einer Skala abgelesen und dient zur Bestimmung der Größe der sog. Tastkreisdurchmesser an den zu untersuchenden Körperstellen, d. h. der Minimalabstände, in denen zwei örtlich getrennte Reize noch deutlich als solche empfunden werden.

Ästhesioneurosen (grch.), Nervenkrankheiten mit krankhaften Störungen der Empfindung (Unempfindlichkeit, Schmerz, Ämeisenkriechen u. dgl.).

Ästhetik (vom grch. aistánesthai, empfinden, fühlen) ist die Wissenschaft vom Schönen. Das Altertum kennt noch keine Wissenschaft vom Schönen, obschon Plato, Aristoteles und die Neuplatoniker darüber philosophiert haben. Sie alle scheiden das Schöne nicht scharf vom Guten, erklären die Kunst für eine Nachahmung entweder der sinnlichen Erscheinung (Plato) oder der Idee in den Dingen (Aristoteles, Neuplatoniker). Plato ist sogar Gegner der eigentlichen Kunst. Vgl. Ed. Müller, Geschichte der Theorie der Kunst bei den Alten (2 Bde., Bresl. 1834-37); Kuhn, Die Idee des Schönen in ihrer Entwicklung bei den Alten bis in unsere Tage (2. Aufl., Berl. 1865); A. Ruge, Die Platonische Ä. (Halle 1832); Sträter, Die Idee des Schönen in der Platonischen Philosophie (Bonn 1861); R. Volkmann, Die Höhe der antiken Ä. oder Plotins Abhandlung vom Schönen (Stett. 1860); E. Brenning, Die Lehre vom Schönen bei Plotin u. s. w. (Gött. 1864).

Das Mittelalter schließt sich, wo es überhaupt auf das Schöne in der Theorie Rücksicht nimmt, theosophisch an die neuplatonische Anschauung an. Erst nach der Kunstblüte der Renaissance erwachte wieder das Bedürfnis, sich auch theoretisch über den Begriff des Schönen klar zu werden, ohne daß zunächst Bedeutendes geleistet worden wäre. Batteux stellt als Princip der Kunst die Nachahmung der "schönen Natur" auf, bestimmt diese jedoch in höchst verschwommener Weise. Zur selben Zeit bemüht sich die englische Ä. das Schöne psychologisch zu zergliedern; so Home, dessen scharfsinnige Bemerkungen in England und Deutschland vielfach angeregt haben.

Der eigentliche Begründer einer wissenschaftlichen Ä. ist jedoch A. G. Baumgarten. Er gehört der philos. Schule Wolffs an, der die Leibnizsche Philosophie systematisch weiter gebildet hatte. Die Leibniz-Wolffsche Schule unterschied aber zwischen der deutlichen Erkenntnis der Vernunft und des Verstandes und der unklaren, verworrenen der Sinnlichkeit. Die Wissenschaft der deutlichen Erkenntnis war die Logik, die der sinnlichen Erkenntnis fehlte noch; diese schuf Baumgarten in seinem Werk "Aesthetica acraamatica" (2 Bde., Frankf. a. O. 1750-58), wo er das Schöne als das "Vollkommene der sinnlichen Erkenntnis" bezeichnet. Dieselbe Vollkommenheit erscheint nämlich für den Verstand als das Wahre, für den Willen als das Gute, für die sinnliche Erkenntnis als das Schöne. Von der Kunst verlangt er Nachahmung der Natur, weil er im Sinne von Leibniz die vorhandene Welt für die beste hält; Phantasieschöpfungen der Kunst steht er daher ablehnend gegenüber. Zu seinen Schülern gehören Meier, Eschenburg, Eberhard. Eine selbständigere Stellung nehmen die sog. Popularphilosophen ein, unter ihnen Sulzer und Mendelssohn. Ersterer setzt der formalen Schönheit eine Art sittliche als höhere entgegen, letzterer hält die Empfindung der Schönheit als undeutlicher Erkenntnis für begründet in der Beschränktheit der menschlichen Natur. Weniger theoretisch als praktisch durch Anschauung von Kunstwerken gebildet, schrieb Winckelmann über die Kunst. Er sieht die Schönheit nur in den Werken des Altertums, daher vor allen in denen der Plastik verkörpert, deswegen kennt er auch nur typische und keine charakteristische Schönheit. Lessing ("Laokoon"), der im wesentlichen auf Winckelmanns Standpunkt steht, sucht die Grenzen zwischen Malerei (und Plastik) und Poesie festzustellen und betont Winckelmann gegenüber die formale Schönheit im Gegensatz zur ausdrucksvollen. E. Hirt erweitert die Schönheit des Ausdrucks zur Schönheit des Charakteristischen überhaupt, während Goethe zwischen Winckelmann und Hirt zu vermitteln sucht. Auch Herder steht auf dem Standpunkt des Winckelmannschen antiken Schönheitsideals, identifiziert das Wahre, Gute und Schöne und kämpft höchst unglücklich gegen Kant an.

Mit Kant beginnt die tiefere Begründung der Ä. Auch er weist ihr eine Mittelstellung zwischen der Wissenschaft des Erkennens und der des Wollens (Moral) an. Das Ästhetische im allgemeinen gefällt durch seine Übereinstimmung mit unserer Auffassungsweise überhaupt (die aber allgemeingültig ist) ohne einen bestimmten Zweck und ohne Begehrung: es ist interesseloses Wohlgefallen. Die Ä. zerfällt in die Lehre vom Schönen, das unmittelbar jenes Wohlgefallen erregt, und in die vom Erhabenen, das durch Beziehung auf das unbedingt Große gefällt. Vom Angenehmen (s. d.) unterscheidet sich das Schöne dadurch, daß es allgemeingültig ist und kein Begehren erregt. Die Kunst führt Kant auf die "Freiheit im Spiele unsers Erkenntnisvermögens" zurück zum Zweck des Wohlgefallens. Schiller, sich an Kant anschließend, sucht seinen strengen Begriff der Sittlichkeit ästhetisch zu mildern. Kant wollte nämlich die Neigung von der Pflicht fern halten, während Schiller gerade in der Übereinstimmung von Pflicht und Neigung, Vernunft und Sinnlichkeit den Charakter des Ästhetischen und der Kunst suchte und in das Schöne eigentlich die Vollendung des Sittlichen setzte. W. von Humboldt, auch wesentlich durch Kant beeinflußt (vgl. seinen Briefwechsel mit Schiller), schuf kein ästhetisches System.

Hatte Kant noch einen subjektiven und objektiven Faktor der Erkenntnis unterschieden, so erkannte Fichte nur das Subjekt als Quelle aller Erkenntnis an; danach richten sich auch seine ästhetischen Ansichten. Da auch die äußere Natur nur eine That des Subjekts ist, so ist auch der ästhetische Trieb, der zwischen dem Erkenntnis- und dem praktischen Trieb (der auf Umgestaltung der Natur geht) vermitteln soll, eigentlich mit beiden identisch, da er auf derselben Thätigkeit des Ich beruht. Daher wird bei Schelling dieser ästhetische Trieb als Einheit des Bewußten und Unbewußten (Geist und Natur) zum Ausgangspunkt seiner Philosophie, weil er das Schöne als einen Ausgleich von Geist und Natur auffaßt und insofern als Anfangspunkt ihrer Scheidung. Fr. Schlegel, der ebenfalls von Fichte ausgeht, gelangt von der Subjektivität des ästhetischen Princips zu seiner völligen Willkürlichkeit (Romantische Schule). Mehr von der psychol. Seite, sich in seinen philos. Grundansichten an Fichte und Schelling anlehnend, faßt Schleiermacher den Begriff der Ä. auf; sie soll begreifen lehren, wie die Kunstthätigkeit sich psychologisch entwickelt, sie kennt also nur die Kunstschönheit und das Maßgebende