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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Beust (Friedr. Konstantin, Freiherr von)

tungsrate der Union ab und verweigerte die Beschickung des Unionsparlaments zu Erfurt. In beiden Kammern des Ende 1849 zusammenberufenen neuen Landtags ward er deshalb auf das stärkste angegriffen, noch weit stärker, als er, nach dem fruchtlosen Versuche eines Vierkönigsbündnisses (einer engern Vereinigung der vier Königreiche außer Preußen mit Anschluß an Österreich), die Wiederherstellung des alten Bundestags im Bunde mit Österreich betrieb. Infolgedessen fand 1. Juni 1850 die Auflösung des Landtags und unmittelbar darauf die Wiedereinberufung der 1848 aufgehobenen alten Stände, zugleich mit dem Erlaß äußerst strenger Verordnungen über die Presse und das Vereinsrecht, statt. B. galt für den Haupturheber dieser Maßregeln wie überhaupt für die Seele der seitdem mit immer größerer Entschiedenheit hervortretenden Reaktionspolitik. Als Kultusminister machte B. eine positivere religiöse Richtung in Kirche und Schule geltend, veranlaßte die Berufung Harleß' zum Oberhofprediger sowie das Gesetz vom 3. Mai 1851, das die Volksschullehrer einer strengen Beaufsichtigung unterwarf, aber zugleich ihnen ein Minimaleinkommen sicherte. Im Frühjahr 1853 gab B. das Kultusministerium an von Falkenstein ab und übernahm dagegen das erledigte Ministerium des Innern. Nach dem Tode Zschinskys ward B. auch dem Namen nach der Leiter des Kabinetts, was er thatsächlich längst gewesen war. Gegen das Drängen Österreichs auf Teilnahme des Bundes an dem Auftreten gegen Rußland im Krimkriege schloß B. im Namen Sachsens mit den andern Mittelstaaten eine Sondereinigung (die Bamberger Konferenz, s. d.), während er im Italienischen Kriege von 1859 für eine Unterstützung Österreichs durch den Bund wirkte.

Der nationalen Strömung gegenüber, die seit 1859 in Deutschland sich wieder regte, erklärte sich B. bei der Beratung der deutschen Frage in der sächs. Kammer von 1860 bis 1861 bereit, eine Bundesreform vorzuschlagen, und löste dieses Versprechen alsbald nach dem Schlusse des Landtags ein, indem er Vorschläge zu einer Umgestaltung der Bundeseinrichtungen machte, besonders zur Einberufung einer Volksvertretung, die freilich nur in Landtagsdelegationen bestehen sollte. Für das von Wien aus 1863 angeregte Bundesreformwerk zeigte B. lebhaftes Interesse. In den innern Angelegenheiten kam er namentlich auf gewerblichem Gebiete den Forderungen der Zeit zum Teil entgegen. Eine hervorragende Rolle spielte er 1864 gegenüber den im Holsteinischen Kriege alliierten Vormächten als Führer der Mittelstaaten, da er vom Bundestage den Auftrag erhielt, den Bund als eine besondere Macht, unabhängig von den beiden deutschen Großmächten, auf der Londoner Konferenz zu vertreten. B. sah damit zugleich einen längst von ihm gehegten Lieblingsplan, die sog. Triasidee, d. h. den Gedanken, neben Preußen und Österreich die übrigen deutschen Staaten als dritte Gruppe gleichberechtigt hinzustellen, wenigstens für den einzelnen Fall verwirklicht. Seine Politik machte Sachsen 1866 zum Verbündeten und Schicksalsgenossen von Österreich.

Nach der Schlacht von Königgrätz ging B. im Gefolge des Königs nach Wien. Hier bemühte er sich während der Nikolsburger Verhandlungen für Anschluß Sachsens an einen Süddeutschen Bund, wollte zum Zweck der Friedensunterhandlungen zwischen Sachsen und Preußen selbst nach Berlin reisen, mußte aber, da Bismarck sich weigerte, ihn als Unterhändler zu empfangen, seine Entlassung aus dem sächs. Staatsdienste nehmen. Darauf trat er im Okt. 1866 als Minister des Auswärtigen in österr. Dienste, wurde nach dem Sturze Belcredis (7. Febr. 1867) Ministerpräsident, erhielt 23. Juni 1867 die seit Metternich erloschene Würde eines Reichskanzlers und ward 5. Dez. 1868 in den erblichen Grafenstand erhoben. In wenigen Monaten erwirkte B. die Wiederherstellung der Februarverfassung von 1861, die Berufung des verfassungsmäßigen Reichsrates diesseit, die Wiederherstellung der Verfassung von 1848 und ein parlamentarisches Ministerium jenseit der Leitha, endlich die Krönung Franz Josephs in Ofen. Die Einführung der dualistischen Staatsform, der Ausgleich mit Ungarn sind sein Werk; auch veranlaßte er die Verfassungsrevision vom Dez. 1867 und die Berufung des Bürgerministeriums, das er 2 Jahre lang unterstützte, die Sanktion der konfessionellen Gesetze bei der Krone vermittelnd. In der auswärtigen Politik suchte er die Errichtung eines Süddeutschen Bundes zu ermöglichen, jedoch mit der ausdrücklichen Erklärung, daß jede Beziehung desselben zu Österreich ausgeschlossen sein müsse, kündigte 1870 das Konkordat mit Rom, nachdem er schon vorher dessen thatsächliche Beseitigung ohne Bruch mit Rom herbeigeführt hatte, und verließ die traditionelle Politik Österreichs als Anwalt der Pforte. Vor Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges von 1870 und 1871 arbeitete er an dem Zustandekommen eines österr.-franz.-ital. Bündnisses. Nach Ausbruch des Krieges betrieb er eifrig Rüstungen und wurde nur durch Rußlands Haltung und durch den raschen Siegeslauf der deutschen Heere von einem Eingreifen in den Krieg gegen Deutschland abgehalten. Nach der Aufrichtung des Deutschen Reichs ging er auf die Vorschläge Bismarcks, die die Herstellung freundschaftlicher Beziehungen zwischen jenem und Österreich bezweckten, ein. Zum Sturze des föderalistischen Ministeriums Hohenwart trug er dadurch bei, daß er, freilich erst nach dem Erscheinen des ihm unbekannt gebliebenen, das böhm. Staatsrecht anerkennenden Reskripts, dem Kaiser die Unmöglichkeit einer auswärtigen Politik bei einer solchen staatlichen Organisation nachwies. Weil er aber den Kaiser nicht zeitig genug vor den Folgen dieser Politik gewarnt hatte, wurde er 8. Nov. 1871 seines Amtes als Reichskanzler und Minister des Auswärtigen und des kaiserl. Hauses enthoben und zum Herrenhausmitgliede und Botschafter in London ernannt. Im Okt. 1878 wurde B. österr.-ungar. Botschafter in Paris, wo er im Jan. 1882 bei einer Versammlung der Association Littéraire erklärte: "Mon âme est reconnaissante, mon cœur est français". Auf seinen Wunsch wurde B. 19. Mai 1882 in den Ruhestand versetzt, (S. Österreichisch-Ungarische Monarchie.) Er zog sich nun auf sein Schloß Altenberg bei Greifenstein in Niederösterreich zurück und starb daselbst 24. Okt. 1886. Nach seinem Tode erschienen voll ihm Denkwürdigkeiten u. d. T. "Aus drei Viertel-Jahrhunderten. Erinnerungen und Aufzeichnungen" (2 Bde., Stuttg.1887). - Vgl. Ebeling, Friedr. Ferdinand, Graf von B. Sein Leben und vornehmlich staatsmännisches Wirken (2 Bde., Lpz. 1870-71).

Beust, Friedr. Konstantin, Freiherr von, Bruder des vorigen, Berg- und Hüttenmann, geb. 13. April 1806 zu Dresden, studierte auf der Bergakademie zu Freiberg, in Göttingen und Leipzig, arbeitete