Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Bevölkerung

gelangt, ruft aber bereits für die mittlern Lebensjahre ein numerisches Gleichgewicht der beiden Geschlechter hervor. Auch später ist das männliche Leben, nicht zum geringsten infolge der größern physischen Anstrengung, der Kriege und der Gefährdung im Beruf stärker bedroht als das weibliche, bei dem die mit den Entbindungen verknüpften Gefahren gegenüber jenen schädlichen Einflüssen auf seiten der Männer nicht beträchtlich ins Gewicht fallen. Neben diesen, Geburten und Sterblichkeit betreffenden Momenten wirken ferner die Wanderungen auf die Geschlechtsverteilung ein. Insbesondere hat in den Vereinigten Staaten der Strom der europ. Einwanderer das Verhältnis zu Gunsten der Männer verschoben. Sehr erheblich kann die letztgenannte Ursache der Geschlechtsverteilung für kleinere Bezirke, insbesondere Städte, an Bedeutung gewinnen, während sie andererseits bei gemeinsamer Betrachtung größerer Staatengruppen und ganzer Erdteile zurücktreten muß.

Weiterhin ist die Gliederung der B. nach dem Alter von großer Wichtigkeit, und zwar nicht nur in bevölkerungswissenschaftlicher, sondern auch in wirtschaftlicher, politischer und administrativer Hinsicht. Nach den neuesten Zählungen standen von 1000 E. im Alter von Jahren:

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Staaten Von 0 bis unter 15 Von 15 bis unter 40 von 40 bis unter 60 Von 60 und darüber

Deutsches Reich 351 387 182 80

Belgien 328 389 186 97

Dänemark 348 368 182 102

Frankreich 270 386 222 122

Großbritannien und Irland 348 403 171 78

Italien 322 388 201 89

Niederlande 352 372 184 92

Österreich 342 388 191 79

Ungarn 387 379 178 56

Portugal 338 389 200 73

Spanien 325 385 210 80

Schweden 333 360 192 115

Norwegen 347 371 192 90

Schweiz 321 380 205 94

Vereinigte Staaten 381 410 153 56

Argentinische Republik 451 414 109 26

Japan 335 384 193 88

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Hier ist es von besonderm Interesse, die Stellung der einzelnen Staaten im Hinblick auf die für die wirtschaftliche Produktion verfügbaren Kräfte, wie auf die Belastung derselben durch bloß konsumierende Elemente ins Auge zu fassen. Man kann die erste der vier unterschiedenen Perioden als das Kindesalter, die zweite als das jugendliche, die dritte als das reife Alter und die vierte als das Greisenalter betrachten. Hiervon stellen die beiden mittlern Abschnitte die Jahre der größten wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit dar; die beiden andern umschließen mehr nur konsumierende Bevölkerungsteile, doch besteht zwischen ihnen noch ein bedeutungsvoller Unterschied. Die Kinder können, wie Ernst Engel hervorhebt, "noch nicht produzieren, ihre Erhaltung muß ganz und gar von den in der Arbeitsperiode Stehenden mit bestritten werden. Diese Periode ist sonach thatsächlich durch die erstern belastet. Anders liegt die Sache bei den Konsumenten der Altersperioden sie haben produziert und leben von der direkten oder auf dem Wege der Versicherung erzielten Ersparnissen und Früchten ihrer eigenen Produktion; sie belasten, einzelne Fälle ausgenommen, die gleichzeitig lebende Generation der Arbeitsperiode nicht. Es sind also selbst die reinen Konsumenten nochmals in abhängige und unabhängige zu unterscheiden." Von diesen Gesichtspunkten aus erscheint Frankreich in außerordentlich günstiger, die Vereinigten Staaten und mehr noch Argentinien in ebenso ungünstiger Lage, während das Deutsche Reich zwischen diesen Extremen eine Mittelstellung einnimmt. Die Ursachen der Verschiedenheiten beruhen vornehmlich in der geringen oder großen Stärke des Nachwuchses. Je mehr die B. auf natürliche Weise infolge der Geburten zunimmt, desto größer ist auch ihr unproduktiver Bestandteil. Einen kurzen Ausdruck finden die obigen Gegensätze in dein Durchschnittsalter der B. Dasselbe betragt für die Vereinigten Staaten nur etwas über 23, für das Deutsche Reich 27 und für Frankreich gar 31 Jahre. Nach den neuesten Zählungsergebnissen entfallen weibliche Personen auf 1000 männliche:

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Staaten In den Altersklassen von Jahren

unter 15 15-40 40-60 60 und mehr

Deutsches Reich 995 1027 1094 1196

Frankreich 989 1003 1006 1063

Großbritannien und Irland 997 1070 1105 1215

Italien 963 1021 1005 980

Österreich 1005 1046 1079 1130

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Mit den Jahren tritt infolge teils der geringern Auswanderung, teils der geringern Sterblichkeit der Frauen eine fortschreitende Verschiebung des Geschlechtsverhältnisses zu Ungunsten der Männer ein. Der Familien- oder Civilstand der B. trennt dieselbe in vier Gruppen, je nachdem es sich um Ledige, Verheiratete, Verwitwete oder Geschiedene handelt. Nach den jüngsten Ergebnissen entfallen von 10 000 15 Jahre und darüber alten E. auf:

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Staaten Ledige Verheiratete Verwitwete und Geschiedene

Deutsches Reich 4092 5393 515

Frankreich 3835 5432 733

Großbritannien u. Irland 4296 5158 546

Italien 4040 5365 595

Österreich 4294 5256 450

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Für die Beurteilung der Heiratsverhältnisse der B. giebt diese Verteilung deshalb keinen genügenden Anhalt, weil sie daneben von andern Faktoren mehr oder weniger stark beeinflußt wird; insbesondere ist die geringe Zahl der Ledigen in Frankreich im wesentlichen auf die schwache Geburtenfrequenz dieses Landes zurückzuführen. Größere Klarheit gewinnt man bereits durch die Berücksichtigung des Geschlechts. Im Deutschen Reich entfielen 1890 auf 1000 männliche Personen weibliche bei den Ledigen 969, bei den Verheirateten 1003, bei den Verwitweten 2784 und bei den Geschiedenen 1963. Der Überschuß der Junggesellen über die Jungfrauen wird einmal durch den Knabenüberschuß auf den jüngern Altersstufen, sodann aber auch dadurch be-^[folgende Seite]