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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Bodensee-Gürtelbahn - Bodenstedt

faltigkeit des Vierwaldstättersees oder die Lieblichkeit der ital. Seen aufzuweisen. Wohl aber macht die gewaltige Wasserfläche, namentlich vom östl. Ufer aus sowie von der Konstanzer Gegend bei Abendbeleuchtung gesehen, mit ihrem verschwimmenden Horizont und ihren wechselnden, wundervollen Licht- und Farbeneffekten einen überwältigenden Eindruck. Die Ufer sind anmutig, von Obst- und Weingärten, reichen Getreidefeldern, üppigen Wiesen und Waldungen umgürtet. Am südl. Horizont türmen sich die Alpengipfel der Sentisgruppe, des Rhätikon und dcs Vorarlberg bis in die Firnregion auf. Im O. zeigen sich die grünen Voralpen des Allgäus, im NW. die Basaltkegel des Hegaus mit ihren Burgen und Ruinen. Auf eine frühzeitige Besiedelung der Ufer des B. weisen die zahlreichen Pfahlbaustationen, besonders am Überlinger- und Untersee, sowie viele Überreste aus der Römerzeit hin. Heute gehört die Umgebung des B. zu den dichtbevölkertsten Gebieten Deutschlands. Freundliche Schlösser und Villen, Bauernhöfe und Fischerhütten, behäbige reinliche Dörfer, belebte Marktflecken, stattliche, jetzt meist weltlichen Zwecken dienende Klöster, altertümliche Städte spiegeln sich im bunten Kranze in den Uferwellen. Beim Eingang in den Überlingersee liegt die liebliche Insel Mainau (s. d.), im Untersee die Reichenau (s. d.) und im SO. des Obersees auf drei Inseln Lindau (s. d.), das schwäb. Venedig. Außer dem bayr. Lindau sind die wichtigsten Orte des B. Bregenz in Vorarlberg, Rorschach im Kanton St. Gallen, Arbon (Arbor felix der Römer) und Romanshorn im Thurgau, das bad. Konstanz (die alte Bischofsstadt, 1890 mit über 16 322 E.), Überlingen und Meersburg mit dem besten "Seewein", und zu Württemberg gehörig Friedrichshafen und Langenargen. Handel und Schiffahrt sind trotz Beschränkung durch den nahen Rheinfall bei Laufen infolge der starken Besiedelung der Ufer und der in neuester Zeit vermehrten Verkehrswege außerordentlich lebhaft. Seit Eröffnung der bayr. Eisenbahn (München-Lindau) und der württemb. (Stuttgart-Friedrichshafen) Bahn, der Vorarlberger Bahn (Lindau-Bregenz-Bludenz), der Linien Konstanz-Offenburg (bad. Schwarzwaldbahn), Radolfszell-Schaffhausen, Radolfszell-Ulm sowie der schweiz. Linien Winterthur-Konstanz-Romanshorn, Zürich-Romanshorn-Rorschach, St. Gallen-Rorschach und Chur-Rorschach ist der B. die besuchteste Eingangspforte der Schweiz geworden und damit seine kommerzielle Bedeutung, der Personen- und Warenverkehr ungemein gestiegen. Auf dem See selbst wurde die Dampfschiffahrt 1824 eröffnet. 1892 vermitteln 42 Dampfer (worunter 1 großes Trajektschiff) mit vielen Schleppern den Verkehr zwischen Lindau, Friedrichshafen, Meersburg, Überlingen, Ludwigshafen, Konstanz, Romanshorn, Rorschach, Bregenz, Radolfszell und Schaffhausen. Außerdem beleben den Seespiegel viele Frachtschiffe und Segelkähne. Außer dem 1856 versenkten Telegraphenkabel Friedrichshafen-Romanshorn wurde 1862 ein zweites, Lindau-Rorschach, angelegt, das später wegen der Anschwemmungen des Rheins nach Friedrichshafen-Romanshorn verlegt werden mußte. Im Winter 1891/92 wurde das alte Friedrichshafen-Romanshorner Kabel durch ein neues ersetzt. - Vgl. Söltl, Der B. mit seinen Umgebungen (Nürnb. 1828; 2. Ausg. 1836); Schnars, Der B. und seine Umgebungen (2. Aufl., Stuttg. 1859); Rogg, Das Becken des B. (in Petermanns "Mittheilungen", Jahrg. 1863); Grünewald, Wanderungen um den B. (Rorschach 1874); Grube, Vom B. (Stuttg. 1875); Zingeler, Rund um den B. (Würzb. 1879); Honsell, Der B. und die Tieferlegung seiner Hochwasserstände (Stuttg. 1879); Rettich, Völker- und staatsrechtliche Verhältnisse des B. (Tüb. 1884); Graf E. Zeppelin, Geschichte der Dampfschiffahrt auf dem B. 1824-84 (Lindau 1885); ders., Über die Erforschung des B. (in "Verhandlungen des neunten deutschen Geographentags zu Wien", Berl. 1891); A. Schlatterer, Die Ansiedelungen am B. (Stuttg. 1891); W. Schnarrenberger, Die Pfahlbauten des B. (Konstanz 1891); die Schriften des Vereins für Geschichte des B. (gegründet 1868 in Konstanz).

Bodensee-Gürtelbahn wird die erst teilweise (101 km) vollendete Bahn genannt, die den ganzen Bodensee umschließen soll. Im Betrieb sind die Strecken: Lindau-Bayr. Grenze (Bayr. Staatsbahn)-Bregenz-St. Margarethen (Österr. Staatsbahn)-Konstanz (Vereinigte Staatsbahnen)-Radolfzell (Bad. Staatsbahn) mit zusammen 94 km und Radolfzell-Stahringen (Bad. Staatsbahn) mit 7 km. Im Bau ist die Strecke Stahringen-Überlingen.

Bodenstedt, Friedrich Mart. von, Dichter und Schriftsteller, geb. 22. April 1819 zu Peine, widmete sich anfangs dem Kaufmannsstande, besuchte dann die Universitäten Göttingen, München und Berlin, um alte und besonders neue Sprachen, Geschichte und Philosophie zu studieren. 1840 kam er als Erzieher zu Fürst Galizin nach Moskau. Damals entstand die Anthologie "Kaslow, Puschkin und Lermontow" (Lpz. 1843) und eine Sammlung kleinruss. Volkslieder, "Poet. Ukraine" (Stuttg. 1845). Im Herbst 1843 ging B. nach Tiflis, um ein Seminar zu leiten und am Gymnasium Latein und Französisch zu lehren. 1845 durchstreifte er Armenien, die Kaukasusländer und kehrte über die Krim, Türkei, Kleinasien und die Ionischen Inseln nach Deutschland zurück. Als Früchte dieser Wanderungen erschienen "Die Völker des Kaukasus und ihre Freiheitskämpfe gegen die Russen" (Frankf. 1848; 2. Aufl., 2 Bde., 1855) und "Tausend und ein Tag im Orient" (2 Bde., Berl. 1849-50; 5. Aufl. 1891), zwei Werke, die B.s Ruf begründeten. Im Mai 1818 wurde er Redacteur am "Österreichischen Lloyd" in Triest. Ende 1850 Redacteur der "Weser-Zeitung" in Bremen und lebte, nachdem er Schwiegersohn des Hess. Obersten Osterwald geworden (B.s Gattin Mathilde ist die "Edlitam" der Gedichte), 1852 teils auf dessen Gut, teils auf dem des Freiherrn von der Malsburg bei Cassel. 1853 ging er nach Friedrichroda, dann auf Wunsch Herzog Ernsts nach Gotha, 1854 folgte er einem Rufe König Maximilians nach München. Als Professor an der Universität las er über slaw. Sprachen und Litteratur, seit 1858 vorzugsweise über ältere engl. Litteratur. Im Herbst 1866 berief ihn Herzog Georg von Meiningen zur Leitung der Hofbühne. Hier blieb er, das Meininger Theater der Vervollkommnung zu einer Musterbühne mit entgegenführend, 1867 geadelt, bis 1870, später ließ er sich dauernd in Wiesbaden nieder. B. bereiste 1881 die Vereinigten Staaten, hielt dort Vorlesungen und beschrieb die Fahrt in "Vom Atlantischen zum Stillen Ocean" (Lpz. 1882). 1880 begründete er in Berlin die "Tägliche Rundschau. Zeitung für unparteiische Politik", von deren Leitung er 1888 zurücktrat. Er starb 18. April 1892 in Wiesbaden, wo ihm 1894 ein Denkmal errichtet wurde.