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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Börsekammer - Börsengebäude

Börsekammer, Börsekommissar, Börseleitung,s. Börse (S. 325 b).

Börsenagent, s. Agent und Börse (S. 326 a).

Börsenenquete, eine Untersuchung der Börsenverhältnisse durch eine Sachverständigenkommission. B. haben schon öfters, gewöhnlich nach den Ausschreitungen der Wertspekulation in Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs stattgefunden. So in England 1875 und 1877/78. Die letztere Enquete lieferte das eingehendste und gediegenste Material über die Fondsbörse und die Fondsspekulation. Trotzdem sind Linderungen der Börsenverhältnisse darauf nur in sehr bescheidenem Maße erfolgt.

Die neuerdings wieder stark hervorgetretenen mißlichen Folgen der Differenzgeschäfte an den Börsen haben jüngst auch in Deutschland zur Einsetzung einer Börsenenquete-Kommission Veranlassung gegeben, welche ihre Sitzungen 6. April 1892 im Saale des Reichsbankgebäudes eröffnet hat. Die Kommission hat die Aufgabe, zu untersuchen, ob und inwieweit die Einrichtungen und Gebräuche an den Effekten- und Warenbörsen der verschiedenen Handelsplätze des Deutschen Reichs verbesserungsbedürftig sind, und welche Mittel eventuell geeignet erscheinen, eine größere Solidität der Börsenverhältnisse herbeizuführen. Die Kommission zur Leitung der Enquete besteht aus 23 Mitgliedern unter dem Vorsitze des Präsidenten des Reichsbankdirektoriums, Dr. Koch. Man hat zunächst Ermittelungen angestellt hinsichtlich der in den einzelnen Bundesstaaten und an den hauptsächlichsten Plätzen des Auslandes bestehenden gesetzlichen und statutarischen Bestimmungen, Handelsgebräuche u. s. w. sowie darüber, wo Termingeschäfte (s. d.) stattfinden und welche Einrichtungen zur Erleichterung des Abschlusses und zur Abwicklung derselben vorhanden sind. (S. Liquidationskassen.) Sodann wurden von der Kommission Gutachten von Sachverständigen sowohl der Fonds- wie der Produktenbörse über verschiedene Punkte mündlich entgegengenommen, deren wichtigste sind: Sind die Bestimmungen über die Zulassung von Papieren zum Handel an der Börse, bez. zur Kursnotierung derselben verbesserungsbedürftig? Welche Nachteile treten beim Terminhandel hervor, und empfiehlt es sich, denselben einzuschränken? Giebt es Merkmale, welche den reellen Terminhandel vom Differenzgeschäft unterscheiden, und empfiehlt es sich, letzterm durch gesetzliche Bestimmungen entgegenzuwirken? Sind in den Einrichtungen zur Erleichterung des Abschlusses und der Abwicklung von Termingeschäften gemeinschädliche Mängel hervorgetreten, und wie lassen sich dieselben beseitigen? Bedarf das Institut der Makler und die Art der Feststellung der Kurse für Cassa- und Zeitgeschäfte einer Abänderung und in welchem Sinne? Sind die Bestimmungen der Börsenordnungen über die Zulassung zum Börsenbesuch und die Ausschließung von demselben zweckentsprechend? Soll das ehrengerichtliche Verfahren weiter ausgebildet werden? Soll die Börse unter die Aufsicht bestimmter staatlicher Organe (Staatskommissarien) gestellt werden? Wie ist dem Reklamewesen entgegenzuwirken? Welche Mißstände haben sich bei der Vermittelung zwischen der Börse und dem Publikum (durch Bankkommissionsgeschäfte u. s. w.) gezeigt? Sind namentlich die Voraussetzungen, unter welchen ein Kommissionär als Selbstkontrahent eintreten darf, wirksam genug, um einen Mißbrauch dieses Rechts zu verhüten? Ist das gesetzliche Pfandrecht des Kommissionärs einzuschränken oder ganz aufzuheben? Sind die gesetzlichen Voraussetzungen oder Wirkungen eines Fixgeschäfts zur Verhütung von Mißbrauch abzuändern und in welcher Hinsicht? Am 17. Mai 1893 beendigte die Kommission ihre Beratungen und erstattete dem Reichskanzler Bericht, der 28. Dez. 1893 im Deutschen Reichsanzeiger erschien.

Börsengebäude. Der steigende Verkehr und die volkswirtschaftliche Bedeutung der Börsen hat es nötig gemacht, für sie eigene Bauten aufzuführen. Im alten Rom scheint die Basilika (s. d.) die Stelle der Börse versehen zu haben, im Mittelalter thaten dies die Säle der Rathäuser und die Kaufhäuser. Börsen im heutigen Sinne baute man zuerst im 16. und 17. Jahrh. Die zu London (Royal Exchange) wurde 1564-70 errichtet, und um 1700 durch Chr. Wren und 1842-44 durch Tite umgebaut. In ihrer alten Form bestand sie aus einem von Arkaden umgebenen offenen Hof, Schreibstuben u. s. w. Älter war die Börse zu Antwerpen, 1531 von Domin. van Waghemakere erbaut, 1869-72 im alten Stil von Jos. Schadde erweitert (s. Tafel: Börsengebäude I, Fig. 3). Die Börse zu Rotterdam, 1722 nach den Plänen des A. van der Werff (s. d.) erbaut, entspricht in der Anlage der Londoner. Jetzt ist hier wie dort der Hof mit einem Glasdach überdeckt worden. Die zu Genua, eine offene Arkade (Loggia dei Banchi), angeblich von Alessi entworfen, entstand im 18. Jahrh. Die ital. Handelsstädte besaßen in ihren Säulenhallen und Plätzen (Venedig in der Piazza San Marco) Anlagen für den Börsenverkehr. Großen Aufschwung nahm der Börsenbau erst in der Mitte unsers Jahrhunderts. England ging dem Kontinent voraus. Die Börse zu Manchester entstand 1806 (1849 umgebaut von A. Mills), 1837 die Kornbörse in Liverpool (von Lane), die Börse in Edinburgh schon 1761, in Dublin um 1800 u. s. w. Alle diese Bauten sind in klassicistischem Stil als große Säulensäle geschaffen. Ähnlich gestalteten die Franzosen ihre Börsen. Die zu Paris (1808-27, von Brongniard und Labarre, Kosten 6,5 Mill. M.) stellt wie die engl. Börsen einen tempelartigen Bau dar. Die zu Lyon (1855-60, von Dardel), zu Marseille (1852-60, von Pascal Coste, Kosten 7¼ Mill. M.) zeigen schon selbständigere Formen. Unter den deutschen Börsen war die alte Börse zu Frankfurt a. M. eine der ersten bedeutendern (1840 erbaut von Stüler), ferner die zu Hamburg (1837-41 von Wimmel und Forsmann, Kosten 1,1 Mill. M.), die noch heute dem großartigen Verkehr dient. Die Berliner Börse (1859-64, von Hitzig, Kosten 2¼ Mill. M.) übertraf die ältern Werke in jeder Beziehung. Der Saal, 27 m breit und 69 m lang, ist durch zwei Arkaden in 3 Abteilungen geteilt, deren zwei die Fondsbörse, die dritte die Produktenbörse einnehmen. Im Anbau befinden sich Säle für Depeschenverkehr, Kündigung, 6 Zimmer, Post, Büffett, Garderoben (1880-83 wurde die Börse wesentlich erweitert; s. Taf. II, Fig. 1 u. 2). Die neue Börse zu Frankfurt a. M. (1874-79, von Burnitz und Sommer erbaut; s. Taf. I, Fig. 1) trennt wieder drei Säle, von denen nur der mittlere zu Börsengeschäften benutzt wird. Die Wiener Börse (1875-79, von Th. von Hansen; s. Taf. II, Fig. 3 u. 4) nähert sich den ältern engl. Vorbildern und faßt den Verkehr in einem Raum zusammen. Stattliche, gut eingerichtete Börsen besitzen Bremen (1861-64, von H. Müller), Königsberg (1875, von demselben),