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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Brahmanaspati - Brahmanismus

matik der Brahmanen (s. d.); sie sollen eine allgemeine Erklärung und Begründung der Gebräuche des Kultus sein. Sie enthalten die ältesten Betrachtungen über Entstehung, Wert, Nutzen des Opfers und seiner einzelnen Teile, die ältesten philos. Spekulationen in Prosa, Upanishad (s. d.) genannt, und die ältesten, oft sehr wertvollen Legenden. An jede der vier Samhitās der Veden schließen sich einige B. an, die aus verschiedenen vedischen Schulen stammen. Zum Rigveda gehören das "Aitarēya-Brāhmaṇa" (hg. mit Übersetzung von Hang, 2 Bde., Bombay 1863, und neu von Aufrecht, Bonn 1879) und das "Kāushitaki oder Çāṅkhāyana-Brāhmaṇa" (hg. 1. Tl. Text von Lindner, Jena 1887); zum Samaveda gehören eine große Zahl B., von denen acht bereits herausgegeben sind, meist kleine und junge Werke. Das umfangreichste ist das "Tāṇḍyamahā-" oder Pañcaviṃça-Brāhmana" (hg. in der "Bibliotheca Indica", 2 Bde., Kalkutta 1870-74); für die Geschichte des Aberglaubens wichtig das "Sāmavidhāna-Brāhmaṇa" (hg. mit Kommentar des Sāyana von Burnell, Lond. 1873, außerdem in Indien). Zum schwarzen Jadschurveda ist ein B. nach seiner Anordnung nicht zu erwarten; ein solches findet sich auch nur in der jungen Schule der Tāittirīyās, das "Tāittirīyā-Brāhmaṇa", Nachtrag zur Samhitā (hg. in der "Bibl. Indica", 3 Bde., Kalkutta 1859-70). Zum weißen Jadschurveda gehört das "Çatapatha-Brāhmaṇa", das wichtigste aller B., weil wir aus keinem die Entwicklung der religiösen Anschauungen in priesterlichem Sinne so scharf nachweisen können, wie aus diesem (hg. von Weber mit Auszügen aus dem Kommentar des Sāyana u. a., Berl. u. Lond. 1855); Übersetzung begonnen von Eggeling, "Sacred Booka of the East", XII u. XXVI (Oxf. 1882-85). Zum Atharvaveda gehört das "Gōpatha-Brāhmaṇa", ein junges Werk (hg. in der "Bibl. Indica", Kalkutta 1872).

Brahmanaspati oder Bṛhaspati, Name eines Gottes der vedischen Religion. Wie Agni (s. d.) ist auch B. ein Gott der Priester und zwar eine Personifikation des brahman (s. Brahma). Auf B., an den nur wenige Lieder des Rigveda gerichtet sind, werden die Thaten anderer Götter übertragen, besonders die des Indra, mit dem zusammen er mehrfach angerufen wird.

Brahmanen, im Sanskrit Brāhmaṇa, nach franz. Schreibung oft auch Braminen genannt, heißen die Mitglieder der obersten der vier Kasten, in welche das ind. Volk zerfällt. Sie sind von ältester Zeit an die Priester, Gelehrten und Dichter. Als Hauspriester und Ratgeber der Könige sowie als Ärzte und Astrologen haben sie von ältester Zeit an es verstanden, sich zur maßgebenden Stellung im Staate emporzuschwingen. Die Gesetze heben ihre Heiligkeit und Unverletzlichkeit hervor und rühmen Geschenke an sie als besonders verdienstlich. Für den Fall der Not ist ihnen auch gestattet Handel zu treiben; heute werden viele auch Soldaten. Das Leben eines B. zerfällt dem Gesetze nach in vier Stufen. Die erste ist die des Brahmacārin (Brahmatschārin). Sie beginnt zwischen dem 8. und 16. Lebensjahre und ist die Lehrzeit, während deren der Brahmane sich ganz dem Studium der drei Veden zu widmen hat. Sie dauert nach Manu (s. d.) 9 oder 18 oder 36 Jahre oder so lange, bis der Brahmane die Veden gründlich kennt. Andere Gesetzgeber geben andere Zahlen an. Die zweite Stufe ist die des Gṛhasta, "Hausherrn". Der Brahmane gründet sich einen Hausstand, heiratet und hat die Pflicht einen Sohn zu zeugen, der nach seinem Tode den Manen die Spenden darbringen kann. Wenn er Runzeln und graues Haar an sich sieht und Kinder seiner Kinder, beginnt die dritte Stufe, die des Vānaprastha. Er soll sein Haus und seine Familie verlassen, in den Wald ziehen, sich in ein Rindengewand oder das Fell der schwarzen Antilope kleiden, auf der Erde schlafen, von Wurzeln und Früchten leben und ausschließlich sich dem Studium des Veda und der Versenkung in den höchsten Geist hingeben. Die vierte Stufe, die des Saṃuyāsin oder Yati, ist nur eine Steigerung der dritten. Der Brahmane soll jetzt in tiefem Schweigen verharren, nur so viel Nahrung zu sich nehmen, als genügt, um das Leben zu fristen, und alle seine Gedanken auf den höchsten Geist richten. Andere geben als vierte Stufe die des Bhikshu an, wo der Brahmane bettelnd umherzieht.

Brahmani, Brahmini oder Wani, Küstenfluß in Orissa (Ostküste Ostindiens), entsteht durch die Vereinigung des südl. Koil (engl. South Koel, entspringt 23° 18½' nördl. Br., 85° 6' östl. L.) und des Sank (entspringt im Westen des Distrikts Lohardaga); beide Quellflüsse strömen von den Gebirgen an der Südgrenze von Bihar. Vom Vereinigungspunkte an fließt die B. fast parallel der Mahanadi noch 385 km, bis sie unter 20° 47' nördl. Br. und 86° 58½' östl. L. in zwei Armen, dem Dhamra-Ästuarium und dem Maipara-Fluß, bei der Landspitze Palmyras in den Bengalischen Golf mündet.

Brahmanismus, die zweite Phase der ind. Religion, die der Vedischen Religion (s. d.) folgt. Charakterisiert wird der B. durch das Hervortreten eines unpersönlichen Gottes, dem die übrigen untergeordnet werden, die Ausbildung der Hierarchie und scharfe Scheidung der Kasten, den Opferdienst und die philos. Spekulation innerhalb zahlreicher Schulen. Die Anfänge zu diesem allen finden sich bereits im Rigveda. Die alte vedische Religion wurde in ihren Hauptzügen beibehalten, und man verehrte im wesentlichen dieselben Götter. Aber der Gottesdienst ist ein anderer geworden. Die Opfer sind zahlreicher und komplizierter, wie sie der Jadschurveda voraussetzt, und wenn in der alten Zeit der Dichter noch zweifelhaft sein konnte, welchen Gott er mit Opfern verehren solle, und wer von beiden der größere sei, Indra oder Varuna, so ist dieser Zweifel jetzt erledigt. Das Ziel, nach dem das priesterliche Denken dieser Zeit hinstrebt, ist der Glaube an das ewige, unwandelbare Eine, das jenseit der Welt liegt, von dem der Mensch ausgegangen ist, und zu dem er nach dem Tode wieder zurückkehrt. Dieses Eine nennt die Spekulation mit zwei Namen ātman ("Selbst", "Geist") und brahman, von denen der letztere das Übergewicht erlangte und die Fortsetzung des vedischen Brahmanaspati ist. In dieser Zeit ist die Lehre von der Seelenwanderung (Sanskrit gati) ausgebildet worden, die besagt, daß der Mensch sofort nach seinem Tode wieder geboren wird, und daß es von seinen Thaten (karman) abhängt, was aus ihm wird. Zur Ruhe von diesem ewigen Kreislauf der Geburten kommt nur der, der sich frei macht von den Fesseln, die ihn an diese Welt binden, dem Nichtwissen und dem Begehren, und sich in den Allgeist, das brahman, versenkt. In dieser Auffassung trifft der B., abgesehen vom Ziel, ganz zusammen mit dem Buddhismus (s. d.) und Dschainismus