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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Brandenburg (Provinz)

reichern Betrieb erhalten; 1872 wurden 3243 Pfd. Cocons erzeugt.

Industrie, Gewerbe, Handel. Die Industrie, zu deren erster Hebung die Einwanderung fremder, besonders niederländ. und franz. Kolonisten sehr viel beigetragen, hat in neuerer Zeit einen außerordentlichen Aufschwung genommen. Außer Berlin sind die Hauptsitze verschiedener Gewerb- und Fabrikthätigkeit: Potsdam, Spandau, Brandenburg, Rathenow (Brillen), Oranienburg, Eberswalde, Prenzlau, Luckenwalde, Jüterbog, Frankfurt, Landsberg, Sternberg, Sommerfeld, Cottbus, Luckau, Finsterwalde, Calau (Schuhmacherei) und Sorau. Die Provinz hat zahlreiche und bedeutende Wollspinnereien für Streichgarn, Tuchfabriken (Luckenwalde, Sommerfeld, Guben, Cottbus, Luckau), eine starke Leinenindustrie, Seidenfärbereien; Fabrikation von Seiden- und Halbseidenzeugen, Posamentierwaren, Shawls, Tabak und Cigarren; sehr bedeutende Baumwollwebereien, Baumwolldruckereien und Lederindustrie, viele Dampfmühlen, Maschinenbauanstalten, Bronzewarenfabriken; Werke für Eisengußwaren und Roheisen, für Stabeisen, grobe Kupferwaren, für Messing (darunter das größte Messingwerk des Staates zu Hegermühle bei Eberswalde); Glashütten und Fabriken für Porzellan, Thonwaren, Chemikalien, Seife, Lichte, Öl, Wachstuch, Gold- und Silberwaren; Appretur-, Preß-, Scher- und Walkanstalten. Die Branntweinbrennerei, besonders von Kartoffeln, ist sehr bedeutend. 1889/90 waren im Betrieb 604 Brennereien, 1890,91: 573 Bierbrauereien und 14 Rübenzuckerfabriken, welche 2 276 463 Doppelzentner Rüben verarbeiteten. Handelskammern bestehen in Frankfurt a. O., Cottbus und Sorau.

Verkehrswesen. Sehr lebhaft ist der Verkehr der Provinz zu Wasser und zu Lande. Außer den schiffbaren zahlreichen Gewässern und Kanälen wurden (1887) 5363 km Kunststraßen und (1890) 2738,5 km Eisenbahnen befahren, und zwar laufen die meisten Linien in Berlin zusammen. (S. Preußische Eisenbahnen und Berlin, Verkehrswesen.) Oberpostdirektionen befinden sich in Potsdam und Frankfurt a. O.

Bildungs- und Vereinswesen. Die Provinz hat eine Forstakademie zu Eberswalde, eine Ritterakademie (Gymnasium) zu B., ein königl. Pädagogium (mit Waisenhaus) zu Züllichau, 22 Gymnasien (in B. 2, je 1 in Potsdam, Prenzlau, Neuruppin, Spandau, Charlottenburg, Eberswalde, Friedeberg i. d. Neumark, Fürstenwalde, Schwedt a. O., Wittstock, Freienwalde, Cottbus, Frankfurt, Guben, Cüstrin, Königsberg, Landsberg, Luckau, Sorau), 7 Realgymnasien (B., Frankfurt, Hauptkadettenanstalt Lichterfelde, Guben, Landsberg a. d. Warthe, Perleberg, Potsdam), 4 Progymnasien (Forst i. d. Lausitz, Groß-Lichterfelde, Crossen, Steglitz), 1 Realschule (Potsdam), 11 Realprogymnasien (Charlottenburg, Forst i. d. Lausitz, Havelberg, Cottbus, Crossen, Luckenwalde, Lübben, Nauen, Rathenow, Spremberg, Wriezen), 1 öffentliche höhere Bürgerschule (Strausberg), 1 Landwirtschaftsschule zu Dahme, 2 Privatlehranstalten zu Falkenberg i. d. Mark und Groß-Lichterfelde, zahlreiche höhere Töchter-, Mittel- und Elementarschulen. Außerdem bestehen 2 Provinzialgewerbeschulen zu Potsdam und Frankfurt, 9 evang. Schullehrerseminare zu Cöpenick, Kyritz, Oranienburg, Neuruppin, Alt-Döbern, Drossen, Friedeberg i.d. Neumark, Königsberg i. d. Neumark und Neuzelle, die Kadettenanstalten in Lichterfelde (Hauptkadettenanstalt des Preußischen Staates) und in Potsdam. Von Bedeutung ist die ständische Bibliothek des Markgrafentums Niederlausitz in Lübben. Wissenschaftliche Gesellschaften sind: der Verein für die Geschichte der Mark B., der sich 1838 zu Berlin bildete und durch die Herausgabe der "Märkischen Forschungen" (seit 1841, fortgesetzt seit 1888 u. d. T. "Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte") eine bedeutende Wirksamkeit entfaltete; ferner der Historische Verein zu B., der Historisch-Statistische Verein zu Frankfurt a. O., der Verein für die Geschichte Potsdams.

Verfassung und Verwaltung. Die Provinz zerfällt in die folgenden zwei Regierungsbezirke:

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Regierungsbezirke qkm Städte Landgemeinden Gutsbezirke Wohnstätten Haushaltungen Einwohner pro qkm

Potsdam 20 638,82 70 1518 999 136 802 316 618 1 404 626 68

Frankfurt 19 195,49 65 1643 1 013 128 250 254 226 1 137 157 59

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Die höchste Gerichtsbehörde der Provinz ist das Kammergericht zu Berlin, unter dem die 9 Landgerichte Berlin I und II, Cottbus, Frankfurt a. O., Guben, Landsberg a. d. Warthe, Potsdam, Prenzlau und Neuruppin mit 1. Jan. 1891 insgesamt 102 Amtsgerichten stehen. Die evang. Provinzialkirche, zu welcher die Landeshauptstadt mitgehört, wird von drei Generalsuperintendenten und dem Konsistorium zu Berlin geleitet und ist in 77 Kirchenkreise geteilt, während die kath. Geistlichkeit unter dem Fürstbischof von Breslau durch den Delegaten in Berlin steht. In betreff des Berg- und Hüttenwesens gehört B. nebst Pommern und Sachsen seit 1861 zum Oberbergamt zu Halle. Von den 433 Mitgliedern des Abgeordnetenhauses wählt die Provinz 36 in 18 Wahlkreisen, zum Deutschen Reichstage 20 Abgeordnete. Militärisch bildet die Provinz den Ersatz- und Garnisonsbezirk des 3. Armeekorps (Generalkommando in Berlin, Kommando der 5. Division in Frankfurt a. O., der 6. Division in Brandenburg a. d. H.) und wesentlich den Garnisonsbezirk des Gardekorps (Generalkommando und Kommandos der 1. und 2. Infanterie- und der Kavallerie-Division sämtlich in Berlin). Mediatisierte Reichsherrschaften enthält B. nicht, dagegen von früher nicht reichsunmittelbarem, aber befestigtem Grundbesitze, der zu einem erblichen Sitze im Herrenhause berechtigt, sieben Standesherrschaften (Baruth, Sonnenwalde, Pforten, Drehna, Staupitz, Lübbenau, Amtitz), eine Herrschaft (Neuhardenberg), zwei Majorate (Boitzenburg und Gorlsdorf) und einen alten Besitz (Ratzin und Mansfeld). Die frühern kommunalständischen Verbände werden infolge der Provinzialordnung vom 29. Juni 1875 durch den Provinziallandtag mit dem Sitz in Berlin ersetzt, zu welchem jeder Kreis zu 50-100 000 E. je drei, die übrigen Kreise je zwei Abgeordnete wählen. Das Wappen der Provinz ist ein roter Adler in silbernem Felde (s. umstehende Figur). Die Provinzialfarben sind Rot-Weiß.