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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Brasilien (Geschichte)

regieren lassen. Schon war die brasil. oder nationale Partei so mächtig, daß man eine Unabhängigkeitserklärung befürchten mußte. Der Prinz-Regent, der den ernsten Willen hatte, das Land vor Anarchie zu schützen, weigerte sich durch die Erklärung vom 9. Jan. 1822, dem Befehle zur Rückkehr nach Lissabon Folge zu leisten, und zwang die portug. Truppen, B. zu verlassen. Er berief im Juni eine Nationalversammlung ein behufs Entwerfung einer Verfassungsurkunde und nahm, nachdem 1. Aug. 1822 die Trennung B.s vom Mutterlande ausgesprochen worden war, 18. Dez. die ihm angetragene Kaiserwürde an. Inzwischen hatte sich aber auch der republikanische Geist immer weiter verbreitet; umsonst versuchten die Brüder Andrada (s. d.), Minister des Kaisers, durch Verschmelzung der republikanischen mit der portug. Partei sich festen Rückhalt zu schaffen. Ihre Entlassung (11. Juli 1823) bedeutete für die brasil. Partei einen Triumph, zumal kurz vorher die noch vorhandenen portug. Truppen durch Waffengewalt gezwungen worden waren, sich einzuschiffen, und brasil. Regimenter sowohl Montevideo im Dez. 1822 als Bahia im Juli 1823 erobert hatten. Dom Pedro bemühte sich vergeblich, dem neuen Reiche nach außen Ansehen zu verschaffen; er konnte nicht einmal die Anerkennung desselben in Europa erlangen. Die Herstellung der absoluten Königsgewalt in Portugal durch die Revolution vom Mai 1823 erfüllte die Brasilier mit größtem Mißtrauen gegen die unter ihnen lebenden Portugiesen, die zum Teil in der Verwaltung und im Heere bedeutende Stellen einnahmen, und veranlaßte eine entschiedene Erklärung gegen die Wiedervereinigung mit dem Mutterlande. Es kam zu Reibungen zwischen den Parteien, und die Presse reizte das Volk so auf, daß in Rio 10. Nov. ein Tumult ausbrach, der die Minister zwang abzudanken. Der Kaiser ließ Truppen gegen Rio vorrücken, wo sie den Versammlungsort des Kongresses umzingelten und die Abgeordneten zwangen, dem Auflösungsdekrete Folge zu leisten. Einige Wochen später berief Dom Pedro eine neue Nationalversammlung und legte derselben 11. Dez. einen Verfassungsentwurf vor, der 9. Jan. 1824 beschworen wurde. Dieses äußerst liberale Grundgesetz legte eine ungewöhnliche Macht in die Hände der Abgeordneten, beraubte sogar den Kaiser eines absoluten Veto und hob alle Vorrechte auf. Das Volk zeigte sich jedoch nicht befriedigt; in Pernambuco brach ein Aufstand aus, der erst nach Eroberung der Stadt 17. Sept. 1824 sein Ende fand. Nach längern Unterhandlungen unter engl. Vermittelung wurde durch einen von Johann VI. 15. Nov. 1825 genehmigten Vertrag B.s Unabhängigkeit vom Mutterlande und Dom Pedros Souveränität anerkannt, der Friede und der Verkehr wiederhergestellt, allein die Frage der Thronfolge nicht gelöst, die gleich nach dem Tode des Königs von Portugal (10. März 1826) Schwierigkeiten hervorrief. Da der Kaiser, laut der Konstitution, ohne Erlaubnis des Kongresses B. nicht verlassen durfte, so trat er zwar die Regierung Portugals an, gab diesem Reiche ebenfalls eine liberale Verfassung, verzichtete aber zugleich 2. Mai 1826 auf die portug. Krone zu Gunsten seiner Tochter Donna Maria da Gloria. (S. Portugal.) Fortan ging die Thätigkeit Dom Pedros völlig in der Bekämpfung der anarchischen Zustände auf. Das weite Land bedürfte vor allem einer geregelten Verwaltung, aber alle Versuche, eine solche zu schaffen, scheiterten an dem bösen Willen oder der Unfähigkeit der Brasilier. Die durch die republikanische Partei genährte Unzufriedenheit mit den Zuständen zeigte sich auch in der immer deutlicher hervortretenden Neigung zu provinzieller Sonderung. Am meisten schadete der Regierung ein kostspieliger und unglücklicher Krieg gegen die La-Platastaaten (1825-28, s. Uruguay), und geradezu gefährlich wurde das zurückkehrende, meist aus Fremden bestehende Heer, welches wegen ausbleibender Löhnung im Lande raubte und plünderte, während eine in Rio stehende Abteilung in offenen Aufruhr ausbrach und erst durch die Besatzung der fremden Kriegsschiffe zur Ruhe gebracht wurde. Die Erklärung des Kaisers, die Rechte seiner Tochter in Portugal mit Waffengewalt gegen den Usurpator Dom Miguel (s. d.) verteidigen zu wollen, erregte das Mißfallen der Brasilier, die eine Verwendung der brasil. Staatsmittel zu Gunsten des Familieninteresses Dom Pedros fürchteten und ohnehin in der zunehmenden Zahl fremder Offiziere Ursache zur Beschwerde fanden. Der Kongreß von 1829 bestand fast nur aus Oppositionsmännern und wurde 3. Sept. aufgelöst. Als dann 6. April 1831 eine neue Empörung ausbrach, dankte Dom Pedro am folgenden Tage zu Gunsten seines Sohnes ab und schiffte sich 13. April nach Europa ein.

Für den sechsjährigen Dom Pedro II. ernannten die Kammern eine Regentschaft, die, zwischen den Republikanern (Faroupilhas) und Monarchisten (Caramuros) stehend, sich nur mit Mühe zu erhalten vermochte. Der Plan der Regierung, B. in eine Föderativmonarchie umzuschaffen, scheiterte an den Kämpfen der Parteien in Pernambuco und Bahia. Häufig wechselten die Minister und die Glieder der Regentschaft, da bald die eine, bald die andere Partei das Übergewicht gewann. Ein Aufstand in Rio veranlaßte die Absetzung des d’Andrada e Silva, des bisherigen Erziehers des Kaisers, und brachte den Marquis de Itanhaem an seine Stelle. Am 6. Aug. 1834 nahm der Kongreß aus eigener Machtvollkommenheit eine wichtige Änderung der Verfassung vor, durch die jede Provinz, nach dem Vorbilde der Vereinigten Staaten Nordamerikas, einen Gesetzgebenden Körper erhielt, dessen Wirkungskreis sich auf alle politischen, kirchlichen und municipalen Einrichtungen erstreckte. Für die Dauer der Unmündigkeit des Kaisers wurde ein Regent auf 4 Jahre gewählt, demgemäß Okt. 1835 die bisherige Regentschaft entlassen und Diego Antonio Feijo zum alleinigen Regenten des föderativen Kaisertums ernannt. Diese neue Verfassung rettete wenigstens die bedrohte Einheit des Reichs und die Erblichkeit der Monarchie und fand in der Hauptstadt und einigen Provinzen Beifall, regte aber in andern den Parteihaß um so mehr auf. In Para war im Jan. 1835 ein blutiger Aufstand ausgebrochen, der erst im Jan. 1836 von den Regierungstruppen mit Hilfe einer engl. Flotte unterdrückt wurde; ähnliche Unruhen ereigneten sich in Bahia. In Rio Grande do Sul erkannten 1837 nur noch die Hauptstadt und der Hafenort Porto-Alegre die Regierung an, während in den übrigen Gegenden der Provinz nach Vertreibung der Truppen die Unabhängigkeit proklamiert worden war. Feijo dankte schon im Sept. 1837 ab; ihm folgte, von den Deputierten erwählt, der zeitherige Kriegsminister Pedro Araujo de Lima. Als er die Auflösung der Deputiertenkammer auszusprechen wagte, beseitigte ihn diese sofort, indem sie eigenmächtig den jungen Kaiser für volljährig erklärte. Am