Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

12

Cavour

Giobertis d'Azeglios und Balbos unterstützt, begann dann C. 1847 mit Balbo, Graf Santa-Rosa, Galvagno u. a. gemeinsam die Zeitung "Il Risorgimento" herauszugeben, in der er die Errichtung eines bis zur Adria reichenden savoyischen Königreichs und den Anschluß der Halbinsel an dasselbe verfocht. In dieser Absicht empfahl er den Bruch mit Österreich. Ferner suchte er die fähigen Männer zur Verwaltung heranzuziehen, um dadurch Europa den Beweis zu liefern, daß Italien nur einer tüchtigen Regierung bedürfe, um geordnete Zustände herzustellen. Andererseits hoffte er, daß den unter dem Druck ausländischer, klerikaler oder zurückgebliebener Regierungen lebenden Italienern der Anschluß an das aufblühende und freiheitliche Savoyerreich doppelt verlockend erscheinen würde. Zur Gewährung einer Verfassung 5. März 1848, die er zuerst in einer Journalistenversammlung verfocht, soll er dann persönlich Karl Albert bewogen haben. Im Parlament, wo er 1848 dem rechten Centrum angehörte, verteidigte er das Ministerium Alfieri und den mit dem siegreichen Österreich abgeschlossenen Frieden gegen Gioberti und die Volkspartei. Als dann Gioberti die Kammer auflöste, wurde C. nicht wiedergewählt, nahm jedoch Dez. 1849 seinen Sitz abermals ein, wurde jetzt Führer der Rechten und übernahm bei Bildung des Kabinetts d'Azeglio nach Santa-Rosas Tod (1850) Handel und Marine, nach Nigras Austritt (April 1851) auch die Finanzen. Um die vom Ausland aus bedrohte Preßfreiheit zu stützen, schloß er mit Rattazzi, dem Führer des linken Centrums, das sog. "Connubio" und verschaffte ihm das Kammerpräsidium. D'Azeglio reichte Mai 1852 seine Entlassung ein und entledigte sich bei der ihm übertragenen Neubildung des Ministeriums des unbequemen Kollegen. C. bereiste nun nochmals England und Frankreich, in welch letzterm Lande er die hernach so wichtig gewordenen Beziehungen mit Napoleon III. anknüpfte. C., der, im Gegensatz zu Karl Alberts Grundsatz: "Italien muß sich selbst helfen", für seine Pläne Bundesgenossen suchte, war erfreut, in Napoleon einen Begünstiger von Italiens Emporkommen zu finden. Schon im Nov. 1852 zurückberufen, bildete er, nachdem Cesare Balbo kein Ministerium zu stande gebracht hatte, selbst ein Kabinett, worin er außer dem Vorsitz die Finanzen sowie Ackerbau, Handel und Gewerbe übernahm. C.s innere Politik war auf die Wegschaffung veralteter Beschränkungen gerichtet; er schloß Handelsverträge ab, sorgte für Gesetze, die die Freiheit des Erwerbs begünstigten, und für den Bau von Straßen und Bahnen. Durch Aufhebung der geistlichen Orden und Einziehung ihrer Güter geriet er jedoch in Streit mit Rom, hatte sich aber auch hier der Unterstützung des Königs zu erfreuen. Seine auswärtige Politik, welche darauf abzielte, der ital. Nation das Königreich Sardinien als den Retter Italiens erscheinen zu lassen, führte bald zu einem entschiedenen Gegensatz zu Österreich. Schon 1853 erhob C. Protest gegen die Beschlagnahme der Güter der nach dem Mailänder Aufstand Ausgewanderten und ließ dann für die Verfassung Piemonts und die Unverletzlichkeit desselben England und Frankreich Gewähr leisten, worauf Österreich mit Parma und Modena einen Bund schloß. Die bedeutenden Ausgaben und Lastenvermehrungen, welche die nun nötige Rüstung, die Verlegung der Kriegsflotte von Genua nach Spezia, die Verstärkung von Casale und Alessandria veranlaßten, trugen C. eine feindselige Kundgebung des Turiner Pöbels ein. C. ließ sich dadurch nicht einschüchtern, ergriff vielmehr die Gelegenheit, welche der Krimkrieg bot, um einerseits die Truppen zu üben und Savoyen vor Italien und Europa als beachtenswerte Macht erscheinen zu lassen, andererseits die Westmächte von Österreich abzudrängen und für seine ital. Pläne zu gewinnen. Am 10. Jan. (4. März) 1855 schloß er mit den Westmächten einen Bund und begab sich nach dem glücklichen Ende des Krieges nach Paris (1856), um auf dem Kongreß auch die ital. Frage zur Sprache zu bringen. Ein Krieg mit Österreich rückte so immer näher; doch gelang es C., 1858 zu Plombières von Napoleon III. die Zusage einer event. Unterstützung zu erlangen; das Band festigte dann eine Heirat von Napoleons Vetter Jérôme mit Victor Emanuels Tochter Clotilde. Von Plombières aus war C. auch nach Baden zu einer Besprechung mit dem Prinzen von Preußen gereist, ohne aber eine bestimmte Vereinbarung mit diesem zu erzielen. Der am 29. April 1859 wirklich ausgebrochene Krieg verlief für Sardinien günstig, wurde aber durch den Vertrag von Villafranca 11. Juli von Napoleon zum Stillstand gebracht. C. trat nunmehr zurück, und Rattazzi übernahm die Regierung mit La Marmora. Doch schon 23. Jan. 1860 wurde C. wieder zur Leitung des Innern, Auswärtigen und der Marine berufen. Von der innern Lage Österreichs und der europ. Situation begünstigt, betrieb er zunächst die Einverleibung der Emilia (Parma, Modena, Romagna) sowie Toscanas, wofür an Napoleon als Preis der Unterstützung Nizza und Savoyen abgetreten wurden. Unter der Hand half er Garibaldi in seinem Unternehmen gegen Franz II. von Neapel, und indem er Napoleon III. einerseits vor einem Triumphe der Legitimisten, die dem Papste zu Hilfe eilten, andererseits vor dem Siege Garibaldis als einer erwünschten Stärkung der republikanischen Partei Sorge machte, erlangte er vom Kaiser, daß die piemont. Truppen das neapolit. Gebiet und den Kirchenstaat mit Ausnahme der röm. Provinz besetzen durften. Nach Errichtung des Königreichs Italien übernahm C. die Regierung desselben mit dem unveränderten Kabinett. Ihm dankte Italien seine fast vollständige Einigung; nur Venedig und Rom fehlten noch. Über die Herausgabe des letztern hatte C. schon 1853 mit dem päpstl. Stuhl verhandelt, und noch in seinen letzten Augenblicken bewegte es das Herz des Patrioten: "freie Kirche im freien Staat" war sein letztes Wort. Er starb 6. Juni 1861. Als Staatsmann war C. von ungewöhnlich weitem Blick und entschlossenem, zähem Willen; als Redner von großer Klarheit, aber seinen Feinden gegenüber oft voll bittern Hohns; als Mensch einfach und bescheiden, im Umgang heiter und liebenswürdig. In Turin wurde ihm 1873 ein großartiges Denkmal (von Dupré) gesetzt. C.s Vermögen erbte sein Neffe, Ainardo C., und von diesem 1875 Graf de Sales; seine polit. Papiere liegen im Staatsarchiv zu Turin. - Vgl. Discorsi parlamentari del conte di C. (hg. von Massari, 12 Bde., Turin 1863 - 80); Lettere edite ed inedite del conte C. 1821 - 61 (hg. von L. Chiala, 6 Bde., ebd. 1883 - 87; deutsch, 4 Bde., Lpz. 1884 - 86); Bianchi, La politique du comte C. 1852 - 61, lettres inédites avec notes (Turin 1885); Nouvelles lettres inédites (hg. von A. Bert, ebd. 1889); Diario inedito con note autobiografiche (hg. von D. Berti, Rom 1888); M. Castelli, Il conte di C. (hg. von Chiala, Turin

^[Artikel, die man unter C vermißt, sind unter K aufzusuchen.]