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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Chemische Präparate - Chemische Wage

Chemische Präparate, chemische Produkte, Chemikalien, heißen im allgemeinen die Waren, die durch ein chem.-technisches Verfahren dargestellt werden. Im strengen Sinne des Wortes sind daher z. B. auch Branntwein, Seife, Stearinkerzen, Rübenzucker und Leder C. P. Gewöhnlich nennt man so aber nur die Produkte, die in besondern chem. Fabriken erzeugt werden, z. B. Schwefelsäure, Soda, Chlorkalk, Alaun, Dynamit, anorganische und organische Farben, sowie Heilmittel (Chinin, Morphium, Chloroform, Chloralhydrat) u. s. w. (Vgl. Chemische Industrie.)

Chemische Prozesse, chemische Vorgänge, sind alle Veränderungen, bei denen vorher vorhandene chem. Körper (die Ingredienzien der C. P.) in andere (die Produkte der C. P.) übergehen. Wird ein chem. Körper so verändert, daß zwei oder mehrere neue aus ihm entstehen, so ist der Vorgang ein analytischer, eine Zersetzung. Wenn sich dagegen zwei oder mehrere chem. Körper miteinander so verändern, daß aus ihnen ein einziger neuer entsteht, so wird der Prozeß ein synthetischer, eine Verbindung, genannt. Läßt sich aus den Produkten der Zersetzung durch Synthese der ursprüngliche Körper wiederherstellen, so sind jene die chem. Bestandteile des letztern.

Sehr häufig lassen sich die Zersetzungsprodukte eines Körpers wieder weiter zersetzen. Die neuen Körper werden dann die fernern Bestandteile, gegenüber den nähern, den Produkten der ersten Zersetzung, genannt. Niemals können aber die Zersetzungen beliebig oft wiederholt werden, sondern man gelangt schließlich zu Zersetzungsprodukten, die nicht weiter zersetzt werden können. Diese letzten Bestandteile sind die chemischen Grundstoffe oder Chemischen Elemente (s. d.) und werden als chemisch einfache Stoffe betrachtet, während alle zersetzbaren chem. Körper zusammengesetzte Körper oder chemische Verbindungen heißen. Die meisten der bekannten chem. Verbindungen, deren Zahl eine ungeheuer viel größere als die der chem. Elemente ist, können auf dem Wege der Synthese wiederhergestellt werden.

Ein Beispiel mag diese Verhältnisse näher erläutern.

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Analytische Veränderung: Aus kohlensaurem Calcium (Kalkspat, Marmor, Kalkstein, Kreide) entstehen beim Glühen durch Zersetzung gebrannter Kalk und Kohlensäure als die nähern Bestandteile. Jeder von ihnen kann noch einmal zersetzt werden in die letzten Bestandteile oder Elemente Calcium, Sauerstoff; Kohlenstoff, Sauerstoff.

Erhitzt man Calciummetall oder Kohlenstoff im Sauerstoffgase, so verbinden sie sich mit letzterm und geben gebrannten Kalk [und] Kohlensäure, die, wenn sie bei Gegenwart von Wasser zusammentreffen, sich miteinander verbinden zu kohlensaurem Calcium.

Von den rein analytischen und synthetischen Veränderungen unterscheidet sich eine dritte Gruppe C. P., die man chemische Umsetzungen genannt hat. Bei ihnen ist die Zahl der Produkte der Veränderung gleich der Zahl der Ingredienzien. Eins der letztern mindestens muß ein zusammengesetzter Körper sein. So entstehen z. B. aus Salzsäure (Chlorwasserstoff) und dem Elemente Eisen: Chloreisen und Wasserstoff, indem erstere zersetzt wird und einer ihrer Bestandteile, das Chlor, sich mit dem Eisen wieder verbindet; Eisen und Chlorwasserstoff geben: Chloreisen und Wasserstoff; oder: Chlorquecksilber und Jodkalium liefern beim Zusammentreffen: Chlorkalium und Jodquecksilber.

Solche Umsetzungen zwischen zwei chem. Verbindungen werden auch als Wechselzersetzungen bezeichnet.

Bei dem synthetischen Prozesse wird die zwischen den Ingredienzien vorhandene Affinität (s. d.) wirksam, beim analytischen Vorgange muß sie zur Trennung der durch sie verbundenen Bestandteile überwunden werden, bei der Umsetzung gruppieren sich die in den Ingredienzien vorhandenen Bestandteile unter Überwindung der schwächern Affinitäten durch die in den Produkten wirksam werdenden stärkern Affinitäten in anderer Weise.

Die Vorgänge bei Umsetzungen werden auch Substitutionsprozesse genannt. Wenn z. B. Eisen und Salzsäure sich miteinander umsetzen, so tritt das Eisen an Stelle des Wasserstoffes mit dem Chlor in Verbindung, es ersetzt den Wasserstoff oder wird für ihn substituiert.

Wird durch Temperaturerhöhung eine Verbindung in Bestandteile zersetzt, die sich beim Abkühlen wieder miteinander verbinden, so heißt ein solcher Vorgang Dissociation (s. d.); wird die Zersetzung dagegen durch den galvanischen Strom veranlaßt, so nennt man sie Elektrolyse (s. d.).

C. P. verlaufen in der Natur überall, wo Änderungen der stofflichen Art der Naturkörper stattfinden. Sie führen zur Veränderung der die Erdrinde bildenden Gesteine und Mineralien (geologisch-chemische Prozesse), durch sie bildet die Pflanze organische Stoffe aus den Gemengbestandteilen der Atmosphäre und des Bodens (Assimilationsprozesse) und wandelt das Tier seine Nahrung durch Verdauung in Bestandteile seines Körpers um und zersetzt sie wieder unter Wärmebildung und Leistung von mechan. Arbeit.

Chemische Symbole, s. Chemische Zeichen.

Chemische Technologie, soviel wie technische Chemie, d. h. die Anwendung der chem. Wissenschaft zur Herstellung von chem. Körpern, die Handelsprodukte sind (s. Chemie, Chemische Präparate).

Chemische Tinte, s. Tinte.

Chemische Tusche ist lithographische Tusche, s. Lithographie.

Chemische Umsetzungen, s. Chemische Prozesse.

Chemische Verbindungen, s. Chemie und Chemische Prozesse.

Chemische Verwandtschaft, s. Affinität.

Chemische Vorgänge, s. Chemische Prozesse.

Chemische Wage (Präcisionswage), eine zweiarmige Wage, die durch genaue zweckmäßige Konstruktion und sorgfältige Ausführung Wägungen von solcher Feinheit gestattet, wie sie für chem. Analysen erforderlich ist, d. h. die Wage muß bei einer Belastung von höchstens 200-300 g ein Übergewicht von einem Bruchteil eines Milligramms noch mit Sicherheit erkennen lassen. Solche C. W. sind zum Schutz immer in einem Glaskasten aufgestellt. Um die nötige Empfindlichkeit der Wage zu erreichen, baute man deren Balken möglichst lang und leicht. Derselbe ist daher nicht massiv, sondern durchbrochen

^[Artikel, die man unter C vermißt, sind unter K aufzusuchen.]