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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Czechische Litteratur

hervor. Huß' bedeutendster Schüler ist Peter von Chelčic (Chelčický, 1390-1460), in dessen Werken ("Netz des Glaubens", "Postille") die Hußsche Lehre ihren theoretischen Ausbau erhält. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrh. entwickelt sich die Buchdruckerkunst in Böhmen (erster Druck der Trojanerroman, Pilsen 1468). Gleichzeitig erscheint die Renaissance. Die Humanisten sind dem Hussitentum in der Mehrheit feindlich gesinnt, so namentlich Bohuslav von Lobkovic; doch finden sich auch Ausnahmen. Besonders wichtig sind die Arbeiten der Juristen Viktorin, Ctibor u. a. sowie die Übersetzungsthätigkeit des Pisecký, Hrubý u. s. w. - Das 16. Jahrh., die fruchtbarste, wenn auch des höhern Schwungs entbehrende Periode, und besonders der Anfang des 17. Jahrh. gilt als "Goldenes Zeitalter". Während bisher nur der Adel und die Geistlichkeit die Litteratur pflegte, wird sie jetzt zum Volkseigentum. Die Volksbildung steht auf hoher Stufe durch die Schulen der Brüderschaft. Die wenig bedeutende Poesie besteht aus lat. Dichtungen, Romanübersetzungen, geistlichen Liedern, Nachahmungen des Meistergesangs (Psalmendichtung). Von Prosa sind zu nennen: Darstellungen der Zeit-, Volks- und Kirchengeschichte, dann vor allem die zum Volksbuch gewordene "Czech. Kronik" des Wenzel Hajek von Libočan, die meisterhafte Bibelübersetzung der Böhmischen Brüder (sog. Kralitzer Bibel, gedruckt 1579-93 zu Kralitz), die angeregt wurde durch Jan Blahoslav, der das Neue Testament übersetzte und außerdem u. a. das Liederbuch der Brüder ("Kancional bratrský") redigiert hat. - Den Schluß der Periode bildet Daniel Adam von Veleslavin, dessen Schriften (Wörterbücher, "Geschichtlicher Kalender") ebenso wie die seiner Nachfolger sich durch ein besonders reines Czechisch auszeichnen.

Die dritte Periode (1620-1780) ist die Zeit des Verfalls. Die Auswanderung der besten Geister Böhmens nach der Schlacht am Weißen Berge, die systematische Vernichtung czech. Bücher durch die Jesuiten, die Gleichgültigkeit der Geistlichkeit rauben dem Volk alle Bildungsmittel. Unter Joseph II. wird das Deutsche die Sprache der Volksschule, czech. Bücher werden zu Seltenheiten. Die Litteratur lebt noch einige Zeit unter den Emigranten und durch diese bei den ungar. Slowaken fort. Außer geistlichen Liedern, Psalmen u. s. w. erscheinen nur Kalender, Lesebücher, kath. Elementarbücher u. ähnl. Unter den Ausnahmen ragt hervor der letzte bedeutende czech.-prot. Schriftsteller, der Emigrant Amos Comenius (s. d.), der berühmte Bahnbrecher der modernen Pädagogik, dessen allegorisches "Labyrinth der Welt", ein Werk voll lebendiger Plastik und feiner Satire, neben der Kralitzer Bibel die Hauptlektüre der czech. Protestanten bildete.

Die vierte Periode bildet die Wiederbelebung der C. L., und sie reicht bis zur Gegenwart. Die Zeit bis etwa 1820 ist die Zeit der Vorbereitung. Den ersten Anstoß zur Wiederbelebung giebt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. das rein gelehrte Interesse für die Geschichte und Litteratur, wie es in den Arbeiten des Historikers Gelasius Dobner (1719-90) und seines Kreises hervortritt. Bahnbrechend wirken besonders die epochemachenden Arbeiten Joseph Dobrovskýs auf dem Gebiet der czech. Sprache und Litteratur sowie der vergleichenden Slawistik. Es erscheinen Ausgaben und Neudrucke älterer Denkmäler. Gleichzeitig beginnt eine auf weitere Kreise berechnete Thätigkeit. Dem Mangel an Unterhaltungslektüre wird durch Übersetzungen und originale populäre Schriften (V. Kramerius 1759-1808) gesteuert. Es erscheinen die ersten, bei der völlig unausgebildeten Schriftsprache noch ungelenken poet. Versuche der ersten Dichterschule, deren Haupt Antonin Puchmayer (1769-1820) ist. In die achtziger Jahre des 18. Jahrh. fallen die ersten von den Brüdern Tham eingerichteten Theatervorstellungen in czech. Sprache und die ersten Zeitschriften. - Die Früchte dieser ersten litterar. Bestrebungen sind zunächst spärlich. Es fehlte an einem Mittelpunkte der litterar. Thätigkeit. Ein solcher ersteht in dem 1818 gegründeten Böhmischen Museum und der 1830 gegründeten, damit verbundenen Gesellschaft zur Herausgabe czech. Bücher "Matice česká". - Von 1820 bis 1848 verfolgte die Litteratur eifrig auch nationale Tendenzen. Eine neue Dichterschule entsteht, deren Schöpfer Joseph Jungmann neben dem accentuierenden Vers der alten Schule den quantitierenden einführt und durch Übersetzungen klassischer Werke der franz., engl. und deutschen Litteratur neue Vorbilder schafft. Als Motivquellen für die nationale Dichtung dienen einigermaßen die 1817 angeblich gefundenen Poesien der Grüneberger und der Königinhofer Handschrift. Fleißig werden auch Volkslieder und Sagen gesammelt und Volksgebräuche beschrieben. Die nationale Bewegung wird allmählich zu einer allgemein-slawischen (panslawistischen); deren Hauptvertreter sind: die Gelehrten V. Hanka (1791-1861: Ausgaben altczech. Denkmäler, Übersetzung slaw. Volkslitteratur); P. Šafařík (1795-1861), der bedeutendste und kritischste der Richtung ("Slaw. Altertümer", "Slaw. Ethnographie", mustergültige Ausgaben); Franz Palacký (1798-1876: "Geschichte Böhmens"); Joseph Jungmann (1773-1848), dessen "Geschichte der böhm. Litteratur" (1825) ebenso grundlegend für die litterarhistor. Forschung war, als sein größeres "Böhm. Wörterbuch" wichtig für die Entwicklung der Schriftsprache wurde. An der Spitze der nationalen Dichterschule stehen Jan Kollár (1793-1852) mit seiner "Tochter des Ruhms" ("Slávy Dcera") und Franz Ladislav Čelakovský (1799-1852: Dichtungen im Geiste russ. und czech. Volkslieder, philosophisch-erotische Gedichtsammlung "Die hundertblätterige Rose"). Von andern sind zu nennen die Lyriker Joseph Vl. Kamarýt, K. Vinařický, Boleslav Jablonský; die Epiker Jan Hollý, J. E.^[Jan Erazim] Vocel (Wocel), K. Jaromir Erben, der berühmte Sammler czech. Volkslitteratur (1811-70); die Satiriker und Humoristen Langer, Nubeš, Koubek, vor allen aber der Publizist Karl Havliček Borovský (1821-50); die Dramatiker V. K. Klicpera, Turinský und Joseph Kajetan Tyl. Im Drama, dem auch die vollständige Shakespeare-Übersetzung zum Aufschwunge verhalf, herrschen histor. Stoffe vor, ebenso im Roman, dem Walter Scott als Vorbild dient. Hier sind zu nennen Jan J.^[Jindřich] Marek (Jan z Hvězdy), der erste Novellist, Prokop Chocholoušek, Joseph Kajetan Tyl. Das Volksleben behandeln V. Hlinka (Fr. Pravda), Ehrenberger und mit besonderm Erfolg Božena Němcová (1820-62), deren "Babička" (Großmutter) vielfach übersetzt ist. - In den Revolutionsjahren nach 1848 erlahmte die czech. Belletristik, um erst nach 1850 wieder aufzuleben. Ein Umschwung findet statt. An Stelle der nationalen Schule, die in K. J.^[Jaromir] Erben ihren letzten bedeutenden Vertreter findet, tritt unter Byrons Einfluß eine neue kosmopolitische, die ihre

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