Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

917
Eisenbahnzeit
lung des Eisenbahnnetzes machte sich immer dringen-
der das Bedürfnis geltend, die Normalzeit minde-
stens für den innern Eisenbahndienst auf noch
weitere, möglichst grofte Ländergebiete auszudehnen,
da die verschiedenen Zeitrechnungen der einzelnen
Länder und Bahnverwaltungen nicht nur den gegen-
seitigen Verkehr und insbesondere die Aufstellung der
Fahrpläne ungemein erschwerten, sondern auch die
Sicherheit des Betriebes gefährdeten. In Deutsch-
land wurde (1874) eine Einigung dahin erzielt, daß
wenigstens die graphischen Fahrplänc <s. Eisenbahn-
fahrpläne, S. 870a) der deutschen Bahnen nach
mittlerer Berliner Ortszeit aufgestellt wurden. Spä-
ter nahmen einzelne Bahnverwaltungen die Ber-
liner Zeit überhaupt für den innern Dienst an.
In nachfolgender Übersicht ist der Zustand dar-
gestellt, der sich hinsichtlich der Normalzeiten
für den innern Eiscnb ahndienst in Deutsch-
land und den übrigen europ. Hauptländern bis zum
1. Juni 1891 entwickelt hatte.
Berliner
Zeit
Auf allen
Haupt-
bahnen
Nord-
deutschlands,
mit
Ausnahme
von !
Oldenburg, !
und auf deuj
Reichseiseu-!
bahnen l
(s. d.). z
Mittlere Ortszeit
der Hauptstädte der
einzelnen Länder
Besondere Zeit
Auf allen Vahueu in
Baden, Bayern (Pfalz:
^udwigshafeuer Zeit),
Belgien, Dänemark,
Frankreich, Irland,
Italien, Niederlande,
Norwegen, Oldenburg,
Portugal, Rumänien,
Rußland (Petersburger
uud Moskauer Zeit),
Schweiz, Serbien,
Spanien, Türkei,
Ungaru, Württemberg.
Auf alleu Bahuen in
Eu^Iaud und Schott-
laudiGreeuwicherZeit),
iu Oslerreich-IIugaru
(westlich vou Krakau:
Präger, östlich vou
Krakau: Vudaftester
Zeit), iu Schwedeu
(nach eiuem ^ westlich
vom Meridiau des
Stockholmer Obser-
vatoriums bck'geuen
Meridian).
In Baden, Bayern und Württemberg, in Eng-
land, Schottland und Irland, in Frankreich und
Algerien (seit 15. März 1891) sowie in Schweden
galt die E. zugleich für das bürgerliche Leben, in
Belgien, Dänemark, Italien, Niederlande, Oster-
reich-Ungarn, Rußland, Schweiz und Spanien da-
gegen nur für das Verkehrswesen, während im
sonstigen bürgerlichen Leben nach mittlerer Orts-
zeit gerechnet wurde. In Nordamerika sind 1881
unter Aufhebung der zahlreichen, etwa 75 verschie-
denen E. zunächst für das Verkehrswesen 5 Zeiten
eingeführt worden, die Städte und Ortschaften haben
indes nach und nach ihre Ortszeit aufgegeben und
für das gesamte bürgerliche Leben die E. angenom-
men. Seitdem sind die 5 verschiedenen Zeiten noch
auf 4 verringert worden, sodaß in ganz Nordamerika
nur 4 - um je eine volle Stunde voneinander ab-
weichende - Zeiten bestehen. Hieraus ergiebt sich,
daß nur in Baden, Bayern, Württemberg, England,
Schottland, Irland, Frankreich, Schweden und
Nordamerika die Fahrpläne der Eisenbahnen mit
der bürgerlichen Zeitrechnung übereinstimmten, wäb-
rend sie in allen übrigen Ländern von der maß-
gebenden mittlern Ortszeit abweichende Angaben
enthielten. In den Ländern, in denen die E. für
das Verkehrswesen galt, enthielten daher auch die für
das Publikum bestimmten Fahrpläne lediglich die
Zeitangaben für den betreffenden, der Zeitrechnung
zu Grunde gelegten Ort; nur im Deutscbcn Neich
(ausschließlich Bayern, Württemberg und Baden),
wo die E. lediglich für die Verwaltungen selbst, nicht
auch für das bürgerliche Leben oder das Verkehrs-
wesen galt, wurden für das Publikum besondere
Fahrpläne nach mittlerer Ortszeit aufgestellt.
Es leuchtet ein, daß die außerordentliche Ver-
schiedenheit der Zeitrechnungen, die hiernach immer
noch im innern und in noch größerm Umfange im
äußern Eisenbahndienst (dem Publikum gegenüber)
bestehen geblieben war, für die Eisenbahnverwal-
tungen selbst und für das Publikum große Unzu-
träglichkeiten und Unbequemlichkeiten mit sich brin-
gen mußte. Wer z. B. von Petersburg nach Paris
fahren wollte, mußte auf den Übergangsstationen,
wo eine andere Zeitrechnung beginnt, seine Uhr erst
genau nach dieser stellen und bei der Fahrt durch
Norddeutschland und Elsaß-Lothringen außerdem
uoch die maßgebende, auf jeder Station verschiedene
mittlere Ortszeit berücksichtigen. Auf der kurzen
strecke Strahburg-Ulm hatte er feine Uhr vier-
mal zu stellen, wenn er mit der E. gleichgehen
wollte. Um wenigstens derartige Unbequemlichkeit
zu vermeiden und die Rechnung nach einer Zeit
zu ermöglichen, war gewöhnlich an den Vahnhofs-
uhrcn der preuß. Stationen kenntlich gemacht, um
wieviel Minuten die Ortszeit von der Berliner
Zeit abweicht.
Zur Beseitigung der vorbezeichneten Übelstände
hatte die Direktion der königlich ungar. Staats-
eisenbahnen im Nov. 1889 bei der geschäftsführen-
dcn Direktion des Vereins deutscher Eisenbahn-
verwaltungen (s. Eisenbahnverein) einen Antrag
auf Einführung einer einheitlichen E. innerHall)
des Vereinsgebietes gestellt. Der Antrag schloß sich
an den Vorschlag der Europäischen Gradmessungs-
kommission in der Sitzung zu Rom vom 15. Okt. 1883
an, wonach der Meridian von Greenwich den An-
fangsmeridian für eine, wissenschaftlichen Zwecken
dienende Weltzcit ss. d.) bilden sollte, und beruhte
auf der in Nordamerika 1884 zuerst praktisch ge-
wordenen Annahme von Stundenzonenzeiten,
nach der die Heitberechnung auf dem ganzen Erd-
ball nach 24 ze um eine volle Stunde voneinander
entfernten Zonenzeiten geregelt werden soll. Bei
der schon obenerwähnten Zeitrechnung in Nord-
! amerika wurden die um 75, 90, 105 und 120 Grad
! westlich von Greenwich liegenden, also um je 15
^ Längengrade lzu 4 Zeitminuten ^ 1 Stunde) von-
einander entfernten und von Greenwich um 5, 6, 7
und 8 Stunden abweichenden Meridiane als zeit-
bcstimmend für 4 Zonen eingeführt. Zugleich wurde
festgestellt, daß die genannten Meridiane nicht die
Grenz-, sondern die Mittellinien der einzelnenZonen
bilden sollen, sodaß eine Stundenzone - abge-
sehen von geringen, durch die polit. Einteilung der
Länder begründeten Abweichungen - stets durch
die 7^ Grad westlich und 7^ Grad östlich von dem
betreffenden Meridian belegenen Längengrade be-
grenzt wird. Von den hiernach in Nordamerika be-
stehenden vier E. (?aciüo ^im6, NouulHiu 'lims,
(^6ntra1 'liino und Nastern ^iino) umfaßt die östl.
Zeit (75. Meridian) die östl. Staaten und Canada,
die Mittelzeit (90. Meridian) die mehr westlich
in den mittlern Staaten und Canada belegenen
Bahnen, während für die noch mehr westl. Ge-
biete die Zeit des 105. und 120. Meridians <Ge-
birgs- und Pacisic-Zeit) gilt. Japan hat 1888 eben-
falls diefe Zonenanordnung eingeführt und den
135. Längengrad östlich von Grcenwich als Grund-
lage der Zeitrechnung angenommen. Die erste
^ Zone dieser auf das Stundenzonensystem begrün-
l deten Zeitrechnung würde jene bilden, deren Mittel-
' linie der Meridian von Grcenwich ist, und die
^ von den Längengraden 7° 3t/ westlich und i° 30^