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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Exegeten - Exekutive
Wege. Trotzdem bezeichnen die Auslegungen eines
Luther, Melanchthon, Calvin und Veza den An-
fang einer neuen Periode in der Geschichte der E.
Matthias Flacius stellte in seiner "Olaviä Zcrip-
tur36 8acra6" (1567) zuerst die neuen Hermeneu-
tischen Grundsätze zusammen; Glassius und Bur-
torf machten sich um Erforschung der biblischen
Sprache verdient. Allerdings führte zuerst die über-
handnehmende Orthodoxie, welche anch die Schrift-
forschung namentlich in den sog. Beweisstellen für
dogmatische Sätze an eine exegetische Tradition
band (orthodoxe E.), danach der nur auf Erbau-
lichkeit der Auslegung sehende Pietismus einen
neuen Stillstand im Ausbaue der E. herbei; desto
gröher waren aber die Fortschritte, die sie seit Mitte
des 18. Jahrh, machte, besonders nachdem Joh.
Aug. Ernesti und I. Sal. Eemler tüchtige Grund-
sätze über Hermeneutik aufgestellt hatten.
Aus einer Verbindung der neuern philol. Grund-
sätze mit den Ergebnissen der histor. Bibelkritik
ging die neuere, grammatisch-historische E. hervor.
Außer den lexikographischen und grammatischen
Arbeiten von Gcsenius, Ewald u. a. für das Alte,
von Winer, Vuttmann, K. H. A. Lipsius, Wahl,
Bretschneider, Wilibald Grimm für das Neue Testa-
ment, sind namentlich zahlreiche Kommentare zu
nennen, welche die biblischen Schriften nach den
Grundsätzen der neuern E. behandeln: für das
Alte Testament von Rosenmüller, Hirzcl, Gesenius,
Ewald, Tuch, Umbreit, De Wette, Knobel, Hitzig,
Olshausen, Camphausen, Merx, Smend u. a.; für
das Neue Testament von Fritzsche, Lücke, Paulus,
De Wette, Meyer, Lünemann, Theile, Nückert,
Bleek, Holtzmann, Weiß, Holsten, Lipsius, Schmie-
del, von Soden u. a. Auch die neuere Entwicklung
der histor. Kritik durch F. Chr. Vaur und die sog.
Tübinger Schule hat sür die E. der neutestament-
lichen Schriften reiche Früchte getragen. Im Gegen-
satze zu dieser grammatisch-historischen E. kam na-
mentlich seit der Reaktionszeit 1850 die sog. theo-
logische E. wieder auf, eine Mischung orthodoxer
und erbaulicher Schriftauslegung. Vertreter dieser
Richtung sind: Herm. Olshausen, Hengstenberg,
Harleß, Delitzsch, Keil, Kurz, Hävernik,'von Hof-
mann (in Erlangen), Vaumgarten, Luthardt,
Auberlen, Köhler'u. a. - Vgl. Neuh, Gefchichte
der heiligen Schriften Neuen Testaments (fünftes
Buch; 6. Aufl., Braunfchw. 1887); Diestel, Ge-
schichte des Alten Testaments in der christl. Kirche
(Jena 1868); Immer, Hermeneutik des Neuen
Testaments (Wittenb. 1873).
Exegeten, s. Exegese.
"ein Denkmal, dauernder als Erz, habe ich er-
richtet", Citat aus Horaz' "Oden" (III, 30, i).
Exekrieren (lat.), verwünschen, verfluchen;
Exekration, Verwünschnng, Fluch; exekrabel,
fluchwürdig, abscheulich.
Exekutieren (lat.), ausführen, vollstrecken, be-
sonders ein Urteil vollstrecken, einen Verbrecher hin-
richten (vgl. Exekution).
Exekution (lat.), im allgemeinen die Erzwingung
einer geschuldeten Leistung (einer positiven oder
negativen) auf rechtlich geordnetem Wege. Sie
kommt für das Privat- wie für das öffentliche Recht
in Betracht. Betreffs des erstern Gebietes, also we-
gen der E. in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten,
s. Zwangsvollstreckung. Auf letzterm Gebiete ist
zu unterscheiden zwischen E. im Strafprozesse,
worunter insbesondere auch die Vollstreckung der
Todesstrafe verstanden wird, E. im Verwaltungs-
wege, d. h. zur Erzwingung von Anordnungen der
Verwaltungsbehörden, und E. im staatsrecht-
lichen Sinne. Wegen der beiden erstern E. s. Voll-
streckung der Strafurteile und Verwaltungszwang.
Die letztere kann bei einem Staatenbund oder
Bundesstaat derart erforderlich werden, daß ein-
zelne Glieder vom Ganzen zur Erfüllung ihrer ver-
fassungsmäßigen Verpflichtungen gegen das Ganze
angehalten werden, was naturgemäß durch militär.
Mittel geschehen wird. Schon das ehemalige Deutsche
Reich besaß eine (seit 1555 so genannte) Exeku-
tion s o r d n u n g, welche, gestützt auf die Einteilung
des Reichs in Kreise und auf die Autorität des Reichs-
kammergerichts, den Land- und Neligionsfrieden
im Reiche sichern sollte, indes bei dem Übergewicht,
welches die Landeshoheit bereits erlangt hatte, ihren
Zweck nicht zu erfüllen vermochte. Auch der infolge
des Pariser Friedens vom 30. Mai 1814 begründete
Deutsche Bund sah in der Bundesakte vom 8. Juni
1815 und in der Wiener Schlußakte vom 15. Mai
1820 (Art. 31 fg.) eine Bundeserekution vor,
welche indes an sich schwerfällig und, wie die Ereig-
nisse bis zum I. 1866 gelehrt haben, hinsichtlich
ihrer Wirksamkeit zweifelhafter Natur war. Die Ver-
fassung des Deutschen Reichs vom 16. April 1871
hat zur Sicherstellung der den Einzelstaaten ver-
fassungsmäßig obliegenden Bundespstichten den
Art. 19 aufgenommen. Darin ist bestimmt, daß,
wenn Bundesglieder ihre Bundcspflichten nicht er-
füllen, sie dazu im Wege der E. angehalten werden
können, welche vom Bundesrate zu beschließen und
vom Kaiser zu vollstrecken ist.
Exekutionsordnung, s. Exekution.
Gxekutionssystem, im Gegensatz zu dem Aban-
donsystem (s. Abandon), welches durch Abandon
des Schiffsvermögens oder der Ladung, die Ver-
hinderung der Exekution (Zwangsvollstreckung) er-
möglicht, das Princip mancher Seerechte, nach wel-
chem den Gläubigern des Reeders und der Ladungs-
interessenten auf Grund eines zu ihren Gunsten
gefällten Urteils gestattet wird, eine normale Exe-
kution in das Vermögen der Schuldner zu voll-
ziehen, wenn auch regelmäßig nur in einen beschränk-
ten Teil des Vermögens (Schiffsvermögen, s. d.)
oder zwar in das ganze Vermögen, aber nur bis
zu eurer von vornherein festgesetzten Grenze. Die
letztere Art der Beschränkung ist dem engl., die erstere
dem deutschen, schwed. und norweg. Seerecht eigen.
Exekuttve, Exekutivgewalt oder Voll-
streckende Gewalt, der Gegensatz zur legislati-
ven und zur richterlichen Gewalt nach der seit dem
18. Jahrh., namentlich unter dem Einfluß von Mon-
tesquieu aufgekommenen Theorie von der Teilung
der Gewalten im Staate. Diefe Theorie hat lange
Zeit die wissenschaftliche Auffassung des Staates be-
herrscht, ist in viele Verfassungen, namentlich auch
in die der nordamerik. Union, ^owie in die belgische
und von hier aus in die preußische übergegangen
und hat noch jetzt eine weite Verbreitung in den
polit. Anschauungen der Menge. In der Wissen-
schaft ist sie überwunden; es ist von verschiedenen
Standpunkten aus, neuerdings besonders von Ger-
ber und Laband, dargethan worden, daß diese
Theorie mit dem Begriff und Wesen des Staates als
einer organischen Einheit im Widerspruch steht, daß
sie logisch unhaltbar und praktisch unausführbar ist.
Die Theorie von der Teilung der Gewalten war