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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Flechten (Gewächse)
unterscheiden sich in keinen wesentlichen Punkten von
denen anderer Pilze, die nicht mit Algen zusammen-
leben. Es sind meist teller-, schüssel-, flaschen- oder
lrugförmige Gebilde, in denen die Entwicklung von
Sporenschläuchen stattfindet. Die Sporen treten bei
der Neife aus den Schläuchen aus und können nun-
mehr einen Kcimfchlauch treiben; aber die Weiter-
entwicklung dieses Keimschlauchs unterbleibt nach
den bisher angestellten Versuchen vollständig, weun
nicht die Möglichkeit gegeben wird, daß die keimende
Spore in Verbindung mit einer zur Ernährung
geeigneten Alge treten kann. Nur bei wenigen F.,
so bei den Graphideen ss. d.), hat man gefunden,
daß sich anfangs keine Gonidien im Thallus vor-
finden und daß erst in einer spätern Lebensperiode
solche von dem Pilze umsponnen werden; erst in
diesem Stadium kann man von einem Flcchten-
thallus bei den Graphideen sprechen, anfangs
sind sie als normale Ascomyceten zu betrachten.
Die Apothecien stehen bei den gymnocarpen F.
stets auf der Oberfeite, wenn der Thallus laub-
oder krustenartig ist und mit der einen Seite der
Unterlage anliegt; bei den strauchartigen Formen
finden sie sich an den Rändern oder an den Spitzen
der Verzweigungen, bei einigen Arten stehen sie auf
besonders ausgebildeten Zweigen, Pooetien, so
bei iülaäoniH (s. o.), bei andern stehen sie auf kleinen
Stielchen, wie bei I)Ä60ni)^o3; bei den meisten
jedoch sitzen die Apothecicn direkt dem Thallus auf
oder sind in denselben eingesenkt. Diejenige Schicht
der Apothecien, in der die Sporenschläuche stehen,
und der Rand derselben sind oft lebhaft gefärbt,
meist braun oder rot, und heben sich dadurch deut-
lich von dem meist blassen Thallus ab.
Die Bildung der Apothecien (s. Taf. I,
Fig. 4) hat man neuerdings vielfach als Folge
eines geschlechtlichen Akts angesehen. Man kennt
nämlich schon seit längerer Zeit eigentümliche
Organe am Thallus der allermeisten F., die man
als Spermogonien (s. Taf. I, Fig. 13) be-
zeichnet hat und die mit den bei vielen andern
Ascomyceten bekannten gleichnamigen Organen
im wesentlichen übereinstimmen. In diesen Sper-
mogonien, die als kugel- oder flaschenförmige
oder auch anders gestaltete kleine Behälter dem
Thallus eingesenkt sind, werden Spermatien ge-
bildet. Bei einigen Collema-Arten hat man nun
beobachtet, daß vor dem Auftreten der Apothecien
nicht weit unterhalb der Außenfläche des Thallus
eigentümliche, vielleicht als weibliche Geschlechts-
apparate anzusehende Gebilde entstehen, von denen
nach außen einzelne Kyphen (Trichogyne) wachsen;
an diese Trichogync sollen sich nun die als männ-
liche Befruchtungszellen anzusehenden Spermatien
anlegen und dadurch eine Befruchtung bewirken,
als deren Folge die Entwicklung der Apothecien und
der in diefen zur Ausbildung gelangenden Sporen
(Ascosporen) anzusehen wäre. Es ist jedoch frag-
lich, ob diese Auffassung richtig ist, denn in neuester
Zeit ist es gelungen, die Spermatien der F. zum
Keimen zu bringen, womit die geschlechtliche Natur
derselben sehr unwahrscheinlich geworden ist. Auch
sind zahlreiche Fälle beobachtet worden, in denen
die Entwicklung der Apothecien jedenfalls ohne
einen solchen Vorgang stattfindet.
Bei allen F. erfolgt die Apothecienbilduna, aus-
schließlich durch die flechtenbildenden Pilze, dle Go-
nidien beteiligen sich niemals daran, es sind also
die Apothecien nur als Fruchttörpcr dcr Pilze zu
betrachten. Die Algen tragen allerdings, wie schon
erwähnt, ebenfalls zur Vermehrung der F. bei, aber
in einer ganz andern Weise. Die Gonidien besitzen
nämlich die Fähigkeit, sich zu teilen; da nun durch
rasch aufeinander folgende Teilungen derselben, wo-
bei die neugebildeten Zellen von einem dichten Hy-
phengeflecht umsponnen werden, häufig die sie um-
gebende Nindenschicht zerrissen wird, so treten die
einzelnen Gonidien mit ihren Umhüllungen von
Pilzfäden als ein feines Pulver aus dem Thallus
hervor. Diefelben können nunmehr zu Gruppen
vereinigt oder auch einzeln weiter wachsen, wodurch
ein neuer Flechtenthallus gebildet wird. Man be-
zeichnet diesen Vorgang als Soredienbildung
und nennt die einzelnen Gonidien mit den sie
umspinnenden Pilzhyphen Soredien. (S. Taf. I,
Fig. 6.) Bei manchen F. tritt diese soredien-
bildung ungemein häufig auf, so daß der ganze
Thallus zu einer pulverigen Masse wird. Man hat
früher folche Anhäufungen von Soredien unter be-
sondere Gattungen vereinigt, so unter den Namen
VariolariH, I^pra, i'uIveiai-iH u. a., da sie ein ganz
anderes Aussehen haben wie die übrigen F. und
auch keine Apothecien bilden. Sie können den ver-
schiedensten Flechtenarten angehören, die Bildung
derselben wird begünstigt durch einen schattigen
Standort. An manchenStellen bilden diese Soredien
umfangreiche gelbe oder graue Überzüge an Fels-
wänden oder Baumstämmen. Die Vermehrung der
F. mit heteromerem^hallus geschieht wahrscheinlich
größtenteils durch soredienbildung, seltener durch
Vereinigung der aus den Apothecien stammenden
Sporen mit Algen; bei den Gallertflechten dagegen
erfolgt die Fortpflanzung wohl ausschließlich auf
die letztere Weise. Die künstliche Vermehrung der
F., d. h. die Aussaat von Sporen auf die dazu-
gehörigen Algen, ist schon bei mehrern Flechten-
arten erperimentell versucht worden und hat auch
in der That zur Bildung von normal entwickelten
F. geführt. Es ist dies gerade der beste Beweis
dafür, daß die F. keine selbständigen Pflanzen,
sondern die Folge eines eigentümlichen Parasitis-
mus von Pilzen auf Algen sind. Gegenwärtig wird
diese Ansicht wohl von allen Botanikern als zweifel-
los richtig anerkannt; diefelbe wurde von Schwen-
dener auf Grund genauer anatom. Untersuchungen
des Flechtenthallus zuerst aufgestellt und Mler von
Bornet, Stahl u. a. erperimentell bestätigt. Die
neuerdings von dem ital. Botaniker Mattirolo
näher untersuchten Flechtengattungen (^oi-a und
NipjäollsuiH beweisen, daß nicht bloß Ascomyceten,
sondern auch Basidiomyceten als flechtenbildende
Pilze auftreten können.
Die Algengattungen, die in den F. als Goni-
dien sich finden, sind sehr verschiedenartige. Bei den
meisten Laub- und Strauchflechten gehören sie der
Familie der Palmellaceen an, bei den meisten
Gallertsiechten dagegen den Nostochaceen. Außer-
dem können noch Algen aus den Familien der Ri-
vulariaceen, Scytonemaceen, Confervacecn, Chroo-
lepideen, Sirosiphonaceen, Coleochaeteen u. a. als
Gonidien auftreten. Da viele der genannton Algen
eine sehr ausgedehnte Verbreitung haben und Felsen,
Baumstämme u. dgl. überziehen, so erklärt sich dar-
aus auch das ungemein häusige Auftreten von F.
an solchen Orten. An nackten Felsen stellen sie die
ersten Anfänge pflanzlichen Lebens dar. Die Be-
festigung der F. an dem Substrat, auf dem sie
wachsen, geschieht meist durch feine, aus wenigen