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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Französische Litteratur

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Französische Litteratur (Neufranzösische Periode seit 1870)

Morand mit Anmut und poet. Empfindung in "Grisélidis" (comédie en vers libres, 1891). Unterdessen bleibt das Pariser Sitten- und Gesellschaftsbild in mehr oder weniger tendenziöser und mehr oder weniger lebenswahrer Behandlung als ?Drame? oder Lustspiel auf der ersten Bühne Frankreichs vorherrschend. Der gediegenste Lustspiel- und Dramendichter der Kaiserzeit, Emile Augier (gest. 1889), war nach dem Kriege wenig fruchtbar, doch trug er noch einmal in der häuslichen Sittenkomödie "Les Fourchambault" (1878) einen großen und wohlverdienten Erfolg davon. A. Dumas (Sohn) fuhr fort, in der Behandlung heikler Gesellschafts- und Lebensfragen sich als guten Beobachter zu erweisen und die Konvenienzmoral mit scharfer Dialektik zu bekämpfen. Seine größten Erfolge trug er auch jetzt in der Darstellung des "gemeingefährlichen Weibes" ("J'ai deshabillé la femme en public") davon, wie in "Princesse Georges" (1872), "La femme de Claude" (1873) und "L'étrangère" (1876). Victorien Sardou zeichnete sich durch Vielseitigkeit und geschickte Mache aus, versuchte sich mit Erfolg in der Charakterkomödie ("Fernande", 1870, "Dora", 1877, "Fédora", 1882), behandelte die Ehescheidungsfrage scherzhaft in "Divorçons" (1881), schilderte kleinstädtisches Treiben in "Les bourgeois de Pont-Arcy" (1878), schrieb das polit. Tendenzstück "Rabagas" (1872, ein Zerrbild Gambettas), das erfolgreiche histor. Lustspiel "Madame Sans-Gêne" (1891) und für Sarah Bernhardt histor. Ausstattungsstücke ("Théodora", "Tosca", "Le crocodile", "Ghismonda"). In dem Geiste des alten Lustspiels dichtete Edouard Pailleron, der in dem erfolggekrönten Stücke "Le monde où l'on s'ennuie" (1881) in feiner und witziger Weise ein modernes Gegenstück zu Molières "Gelehrten Frauen" geschaffen hat. Halévy und Meilhac haben ihr Geschick nicht allein in lebendigen Possen ("Toto chez Tata", 1873, "La boule", 1874, "Tricoche et Cacolet", 1871), sondern auch im Sittendrama ("Froufrou", 1869) bewährt, der letztere hat in den letzten Jahren sich von seinem Mitarbeiter getrennt und allein das Sittenbild in Lustspielform ("Ma cousine", "Décoré" u. a.) gepflegt. Die Originalstücke Alphonse Daudets haben sich nicht lange auf der Bühne behaupten können, sein letztes Werk "L'obstacle" (1890) behandelt in optimistischer Weise das Thema von Ibsens "Gespenstern". Der angesehene Kritiker Jules Lemaître hat in verschiedenen durch geistreichen Dialog und einzelne Feinheiten ansprechenden Komödien und Dramen ("Révoltée", 1889, "Mariage blanc", 1891) doch noch keine große Bedeutung als Bühnendichter erlangt. Henri Becque ("Parisienne", 1890, "Les honnêtes femmes"), Abraham Dreyfous, H. Lavedan ("Le prince d'Aurec", 1892), Georges de Portoriche ("Amoureuse", 1891) versprechen für das höhere Lustspiel und Drama etwas zu leisten; den Bühnen, die das Vaudeville und die ausgelassene Posse pflegen, fehlt es nicht an Produzenten, die in der Wahl ihrer Mittel, komische Wirkungen zu erregen, nicht blöde sind und die Zote nicht verschmähen. Labiche (gest. 1888) ist an komischer Erfindung von keinem seiner Nachfolger übertroffen worden; gleich ihm versorgten Gondinet (gest. 1888) und Clairville (gest. 1879), Barrière (gest. 1877) schon die Possenbühnen des zweiten Kaiserreichs; die neueste Possendichtung ist im allgemeinen durch den Naturalismus ungünstig beeinflußt worden, doch verdienen Ernest Blum und Raoul Toché, Grenet-Dancourt, Jules Moineaux, Alexandre Bisson ("Feu Toupinel", 1890) und Albin Vallabrègue genannt zu werden. Geradezu herrschend ist die Gewohnheit geworden, erfolgreiche Romane für die Bühne einzurichten und zwar mit Vorliebe solche, die dem Zuschauer eine Reihe Situationen des krassen Naturalismus vorführen. Auf diese Weise sind Zolas "Ventre de Paris", "Renée", "Germinal", Daudets "Fromont", "Sappho", "L'Immortel" u. d. T. "La lutte pour la vie", der Gebrüder Goncourt "Renée Mauperin" und "Germinie Lacerteux", Theuriets "Raymonde" und andere Romane von Claretie, Glouvet, Bourget, Ohnet u. s. w. dramatisch zugerichtet worden. Der Schaulust, der Befriedigung der Phantasie, des Gemüts und der Vaterlandsliebe dienen historische und Militärstücke, wie "Sainte-Russie", ein russ.-franz. Verbrüderungsstück von Gugenheim und Lefaure (1890), Volksschauspiele, die aus Feuilletonromanen Xaviers de Montépin u. a. hervorgegangen sind, solche von socialistischer Tendenz u. a. m. Das siegreiche Vordringen der naturalistischen Schule auf dem Gebiete des Romans hat den Wunsch hervorgerufen, das Drama der Zukunft zu schaffen, da nach Goncourt die "kranke Bühnenkunst ihr Ende erreicht hat". Es galt, die Fesseln der theatralischen Konvention in Form und Inhalt zu sprengen und den Dichtern die Möglichkeit zu gewähren, Stücke, die anderswo wegen sittlicher und Anstandsbedenken oder wegen technischer Mängel zurückgewiesen waren, aufzuführen und eine Probe ablegen zu lassen. So entstand unter der Leitung des Schauspielers Antoine mit Unterstützung reicher Liebhaber und bekannter Schriftsteller (Zola, Maupassant, Goncourt) das "Théâtre libre" (seit 1891 in der Porte-Saint-Martin), ein Tummelplatz für die Versuche der Verkannten, Zurückgewiesenen und kühnen Anfänger, Naturalisten und Symbolisten und solcher, die das Handwerk der Kunst verschmähen. Ibsens, Tolstois, Turgenjews, Strindbergs, G. Hauptmanns Werke wurden hier gespielt, neben denen von Alexis, Céard, Hennique, J. Jullien, G. Ancey, Brieux, Descaves, Méténier u. a. Den Erfolg hat diese Bühne bisher gehabt, daß sich die Kritik angelegentlich mit ihr beschäftigt hat. Neben dem "Freien Theater" besteht noch ein "Théâtre des nouveautés" als zweite Versuchsbühne (seit 1890) für ungezügelte und zügellose Talente. Der Merkwürdigkeit wegen verdienen auch die Marionetten Signorets Erwähnung, welche humoristische Mysterien, wie "Le mystère de la nativité" und "Tobie" (1890), poetisch wertvolle Dichtungen von Maurice Bouchoz, aufführen, endlich die Herberge zum "Chat-noir" mit ihren ausgelassenen und sinnreichen Darstellungen von poetisch-musikalischen Mysterien und Parodien.

Die erfolgreichsten Leistungen der beiden letzten Jahrzehnte gehören unstreitig der erzählenden Dichtung an, dem Roman und der Novelle; mehr als in der dramat. Litteratur drängt sich hier wie auch in der lyrischen Poesie eine herbe, trostlose, zum Pessimismus herabsinkende Lebensauffassung hervor; denn auf dem von Balzac, Flaubert, Edmond und Jules de Goncourt gewiesenen Wege fortschreitend, entscheiden sich die Naturalisten, an ihrer Spitze Emile Zola, grundsätzlich für ein darstellendes Verfahren, das die Erscheinungen, Äußerungen und Umgebungen des sichtbaren Lebens genau beobachtet und mit urkundlicher Treue ("art documentaire") den "physiol. Menschen" nachzeichnet, wie