Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

206
Französisches Theater
Französisches Theater. Die dramat. Kunst
in Frankreich tonzentriert sich völlig in Paris. Kaum !
hat die Provinz irqend ein ausgezeichnetes Theater
auszuweisen, und sogar größere Städte müssen sich
mit herumziehenden Schauspielertruppen begnügen.
Daher kommt es, daß man bei Besprechung des!
F. T. nur die Pariser Bübne ins Auge zu fassen hat.
Täglich sind in Paris einige zwanzig Schauspiel-
häuser geöffnet. Obschon die großen Theater, je nach
Umständen ^n^Ui-e8 i'o^nx, imix^iaux oder n.^-
tionanx genannt, die teuersten und auch sehr besuckt
sind, so ist der Ertrag nie dem Aufwande gleich; die
Negierung giebt ihnen daher eine ansehnliche Geld- ^
Unterstützung. Die kleinen Theater, die teilweise den "
großen in Hinsicht des Umfangs wenig nachgeben,
werden von Unternehmern mit Hilfe von Attien
unterhalten; Bankrotte sind daher bei ihnen nichts
seltenes. Die Gesamteinnahme der Pariser Theater
betragt im Durchschnitt jährlich 20-30 Mill. Frs.,
wovon ein Zehntel an die öffentlichen Armen- und
Krankenhäuser abgegeben wird.
Es bestehen in Paris folgende wichtigere Thea-
ter: 1) Die Große Oper (früher in der Straße ^
Lepelletier, im Okt. 1873 durch Feuer zerstört), ein !
180l -74 von Ch. Garnier errichtetes Pracht-
gebäude (In iwnvel Opm'I. mit der Aufschrift ^ca-
<1()ini6 nationale 66 mukiquk) am Boulevard des
Eapucines. Diese Bühne giebt nnr große Opern, !
sog. Hcldenopern, in franz. Sprache, die vollständig !
gesungen werden, und große pantomimische Ballette. !
iNehr Pracht, Eleganz, Geschmack und Genauigkeit !
in Kostümen wie in Dekorationen, mehr Pomp in
der Menge der Choristen, Statisten, Figuranten
und Komparsen, kurz eine glänzendere scenische Ein-
kleidung und tunstmäßigere Ausführung des Gan-
zen findet sich nirgends. Die Große Oper hat eine
eigene Schule, in welcher viele junge Lente beiderlei
Geschlechts erzogen und für die verschiedenen Be-
stimmungen und Bedürfnisse der Oper herangebildet
werden. Auch hat es hier nie an großen Talenten
in der Sing- und Tanzkunst gefehlt. Die Sänge-
rinnen Guimard, Maillard, Dorus-Gras, Stolz
und die Sänger Garat, Lais, Nourrit, Duprez sind
beriibmte Namen in den Annalen dieses Theaters,
wo Vestris und Gardel, die Taglioni und Fanny !
Elßler als Tänzer und Tänzerinnen vor allen ge- ^
glänzt haben. 2) Die Komische Oper (0^6i^ co ^
mi(iu6), die eigentliche Nationaloper der Franzosen, '
hatte ihren Sitz unweit der Großen Oper am Platze
Boieldieu, dicht am Boulevard des Italiens. Das
Gebäude wurde 1887 ein Naub der Flammen; die
Vorstellungen finden gegenwärtig in einem der
Theater auf dem Platze du Chätclet statt. Die auf
dieser Bübne einheimische Gattung ist auch in
Deutschland sehr beliebt geworden. Die Komponi-
sten, welcke für diese Oper gearbeitet haben, find
Isouard, Berton, Gre'try, Monsigny, Dalayrac,
Boieldicu, Auber, Adam. 3) Das 'li^^tio ti-an-
^ais, auch (^0in6äi6 trai^iii86 genannt, um die Mitte !
des 16. Jahrh, im .Hotel de Bourgogne, hatte von !
1689 bis 1770 seinen Saal in der Straße Fosse's
St. Gcrmain und siedelte 1806 in sein jetziges Haus
an der Südwestseitc des Palais-Royal (Nai8s>ii äo !
Molii're) über. Das klassische Erbe der franz. Bühne !
bildete den Hauptbestandteil seines Repertoire und >
cs behauptete durch alle Anfechtungen hindurch sein
Ansehen. Hier war es, wo ein Lekain, Baron, Moli?,
Larive, Baptiste, Talma, Monroseu. a., eine Clairon, !
Dumesnil, Contat, Fleury, Raucourt, Duchcsnois,
Georges, Mars, Rachel u. a. spielten. Seit der
Revolution giebt man auf dem ^Iieatr6 li-an^a^
auch neue Stücke von allerlei Gattung. Die Mit-
glieder dieses Theaters haben ihre eigene, von
Napoleon I. in Moskau dekretierte Verfassung, die
durch die Erlasse vom April 1850 und Nov. 1859
ergänzt worden ist. Die Verwaltung liegt in den
Händen eines Ausschusses von sechs Mitgliedern,
dessen Direktor (seit 1885 Claretie) vom Staate
ernannt wird. Dieses Komitee besorgt die finan-
ziellen Angelegenheiten, die Ernennung der fest
angestellten Mitglieder (8oci^ii'68 im Gegensatz
zu den 1^n8ionnaii-68) und entscheidet über An-
nahme und Zurückweisung der eingereichten Stücke.
Der jährliche Staatszuschuß betrügt gegenwärtig
240000 Frs. 4) Das Oä^on, auf dem Platze de
l'Odeon unweit des Lurembourgpalastes, eine Art
Vorstufe für das ^Ii6lUi-6 lrai^aig. Lange (mit
Unterbrechungen seit 1789) hat in Paris auch eine
Italienische Oper bestanden, die 1841 - 70 ihren
Sitz in der 8^116 VOntadour hatte, während des
Deutsch-Französischen Krieges einging, nach dem
Frieden (1872) wieder eröffnet wurde, sich aber
dauernd nicht behaupten konnte.
Diesen Theatern erster Klasse reiht sich eine große
Anzahl Bühnen zweiten, dritten und folgenden
Ranges an. Zunächst die Vaudevilletbeater: das
(^mnH86 6r3.mHti<iu6 am Boulevard Bonne-Nou-
velle, das VauäeviNo am Boulevard des (5apu-
cines, die Variöt^ am Boulevard Montmartre,
das ^nöiUi-6 NontkmZier im Palais-Royal, daher
auch ^Ii69>tr6 du ?kiHi8-Ii0M genannt. In diesen
Theatern zeigt sich besonders die unverwüstliche
Fröhlichkeit der Franzosen, ihr leichter Witz und
ihr Talent, der geringsten Kleinigkeit und den un-
bedeutendsten Tagesvorfällen Stoff zum Lacken ab-
zugewinnen. Auch in Bezug auf Spiel und Dar-
stellung sind diese Bühnen bemerkenswert. Die
Operette, die sich in neuerer Zeit in die meisten
Vaudcvilletheater eingedrängt hat, besitzt außerdem
zahlreiche besondere Bühnen: L0uss68-?ai'i8i6li8,
^s"1iL3'äi'llM9.tilin68, ^0ii68-N3.rissn^ und (H^tean-
ä'^au. Die ^0i't6-83.iM-Nai'tin, die K6N3.i?5kncc,
das ^mdiAu-eoiuihuk, das (^1i^t6i6t, das ^k<Mi'6
1> i i(1n6-äi'Hinatilin6, dasikö^ti-k (^Innv und^liß^trs
iz6Hum3,i'e1iai8 geben hauptsächlich Dramen und
Melodramen, bisweilen auch Lustspiele und oft Feen-
stücke. Die l^l6t6, ehemals ein Theater gleicher Art,
hat sich unter dem Namen Opei-a n^tiongi-i^iicine
in eine zweite Französische Oper umgestaltet. Hin-
sichtlich der Kostüme, Dekorationen und Verwand-
lungen wetteifern dieseBühnen mit der Großen Oper.
Eine Neugründung ist das ^iiölUre lidro, wo, gegen-
wärtig im Mittelpunkt von Paris, von Schrift-
stellern der Zolafchen Richtung und begeisterten
Liebhabern dem naturalistischen Zukunftsdrama eine
Stätte bereitet worden ist.
Geschichte. Öffentliche dramat. Aufführungen
wurden in Frankreich während des Mittelalters vor-
zugsweife von Liebhabern und nur bei besondern
Gelegenheiten veranstaltet. Seit dem 15. Jahrh,
besaß eine Handwerkerbrüderschaft (^m^rei io äo 1a
M881011, s. d.) die erste ständige Bühne in Paris und
das Privileg für die Aufführung geistlicher Stücke.
1548 wurden ihr geistliche Aufführungen jedoch
untersagt und nur weltliche Spiele gestattet. Zugleich
wandte sich der Geschmack der Gebildeten den in den
Kollegien aufgeführten regelmäßigen Schulstücken
zu, auch fanden sich vorübergehend ital. Wandcr-