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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Geschichte
Entwicklung der Geschichtschreibung. Da die G. sich den Verlauf der menschlichen Dinge zeitlich festzulegen und ursächlich zu erklären sucht, so hatte das früheste Altertum, in welchem der Dichter das überlieferte durch poet. Verklärung aus dem Kreise nüchterner Erkenntnis zu entrücken suchte und der Priester, der Alleinbesitzer alles Wissens, das Wirkliche vom überweltlichen abzuleiten lehrte, für die G. kein Verständnis, und im Morgenland, wo Priester und Dichter in dieser beherrschenden Stellung blieben, kam man somit überhaupt kaum über inschriftliche und annalistische Erhaltung der Überlieferung hinaus. Die überdachte und künstlerische Form der G. ging von den Griechen aus, bei denen Herodot, der eine große geschichtlich Thatsache, den Kampf der Griechen und Barbaren, zu erzählen und zu erklären sucht, als ihr Schöpfer zu betrachten und mit Recht der Vater der G. zu nennen ist, obwohl er noch nicht frei ist von: Zurückgreifen auf das überweltliche. Zur vollen Höhe seiner Kritik, rein psychol. Begründung und polit. Auffassung erhob Thucydides die G. in seinem mit gedankenreicher Kürze und dramat. Kunst geschriebenen Werke über den Peloponnesischen Krieg. Ihn erreichen schon Xenophons Werke trotz ihrer geschmackvollen und klaren Darstellungsweise nicht mehr; und nach dem Verlust der polit. Selbständigkeit sank dann in Griechenland die Geschichtschreibung trotz der Erweiterung des geschichtlichen Stoffs und der Vervollkommnung der Untersuchung zur unkünstlerischen Richtung gelehrter Sammlung und Kompilation oder rhetorischer Prunkdarstellung herab. Dieser Geschichtschreibung galt es nur, das Bedürfnis nach Unterhaltung und ungenauem Vielwissen zu befriedigen. Doch haben sich von diesen Mängeln Dionysius von Halikarnaß, Diodorus von Sicilien und besonders der durch seinen universellen und pragmatischen Geist berühmte Polybius freier zu erhalten gewußt; von Polybius stammt auch der Ausdruck "pragmatische G.", während die Behandlung der Frage, "wie soll man G. schreiben", zuerst bei Lucian im 2. Jahrh. n. Chr. auftaucht. Bei den Römern schwang sich die Geschichtschreibung von den Annalen und den kunstlosen Versuchen eines Q. Fabius Pictor und M. Porcius Cato nach ihrer Schulung durch die Griechen zu künstlerischen Leistungen empor. Sallustius, ausgezeichnet durch Schärfe und Gedrängtheit der Zeichnung, Julius Cäsar durch edle Einfachheit der Sprache und durch Sachlichkeit und Anschaulichkeit der Darstellung, Livius durch umfassende und ansprechende, wenn auch vielfach unkritische Erzählung, endlich Tacitus durch überraschende Kraft der Darstellung und psychol. Begründung, freilich auch gehemmt durch Verbissenheit der Auffassung und Dunkelheit des Ausdrucks - hoben die Kunst der Geschichtschreibung fast aus die Höhe der besten griech. Leistungen und wurden so selbst wieder den spätern zu Mustern in derselben. Die geschichtlichen Werke der Römer nach dieser Zeit der Blüte erreichen die Vorzüge jener Zeit nicht mehr, trotz mancher trefflichen Leistungen; hervorzuheben sind unter diesen: Suetonius, Vellejus Paterculus, die Scriptores historiae Augustae, Aurelius Victor, Eutropius, Ammianus Marcellinus, Sulpicius Severus, Orosius, Cassiodorus, Josephus, Appianus, Cassius Dio, Herodianus, Älianus, Eusebius, Zosimus und die Byzantiner. Im Weströmischen Reich erlosch mit dem allgemeinen Verfall von Kunst und Wissenschaft auch die Geschichtschreibung.
Nach fast vollständiger Unterbrechung begann die Geschichtschreibung im Mittelalter wieder mit Annalen und Chroniken, hob sich unter Karl d. Gr. im Anschluß an altröm. Schriftsteller besonders in der Biographie (Einhard, Nidhard) zu einer gewissen Höhe (s. Deutschland und Deutsches Reich, Bd. 5, S. 216 b fg.), dann langsam im 10. bis 12. Jahrh. zu lebendiger Darstellung in verschiedenen Formen. Otto von Freising im 12. Jahrh. versuchte sogar die G. philosophisch zu erfassen und zu gestalten. Aber erst nach der Erneuerung des Studiums des klassischen Altertums, namentlich des griechischen, sind zunächst bei den Italienern als freie Nachahmung der bewunderten röm. Meisterwerke namhafte Leistungen zu verzeichnen. Machiavelli, groß durch diese Betrachtung und helles Urteil, Guicciardini, Meister der psychol. Entwicklung, Paolo Giovio, Rucellai u. a. wurden die Muster der neuen Geschichtschreibekunst, während in Frankreich, anschließend an die Chroniken Froissarts und seiner Nachfolger, jetzt infolge des sich immer weiter verbreitenden Einflusses der altklassischen Litteratur de Thon, d'Aubigné und die große Anzahl Memoirenschreiber dieser Periode, an ihrer Spitze Philippe de Comines, bei den Spaniern und Portugiesen Sepulveda, Mendoza, Herrera und Zurita, Mariana und Ferreras, de Goes, de Varros und Albuquerque, bei den Engländern die fleißigen Forscher W. Camden, Buchanan u. a. den Weg zu einer künstlerisch vollkommenem Sammlung und Gestaltung des geschichtlichen Stoffs bahnten. Auch in Deutschland erwachte mit dem Eindringen des Humanismus und der an die Reformation sich anschließenden Erneuerung des Kampfes gegen Rom, unterstützt durch die Erfindung der Buchdruckerkunst, der Sinn für histor. Forschung mehr und mehr. Lehrstellen für die Historie wurden auf den deutschen Universitäten, die erste in Marburg 1533, gegründet. Joh. Carion in Berlin lieferte in feiner bald weit verbreiteten, später von Melanchthon umgearbeiteten "Chronik" das erste systematische Handbuch der Weltgeschichte, die er, der mittelalterlichen Überlieferung folgend, nach den vier Monarchien bearbeitete (s. Zeitalter). Er, wie auch Sebastian Frank in seiner Geschichtsbibel, und Aventin bedienten sich der deutschen Sprache, während Sleidan sowohl seine Weltgeschichte als auch sein berühmtes Werk über Karl V. lateinisch schrieb. Joh. Reineccius brachte die kritische Behandlung des histor. Stoffs nebst dem Gebrauch, den Text durch fortlaufende Noten und Belegstellen zu erweisen, zur allgemeinen Anerkennung. Zugleich wurde das histor. Material, wie die damals angefangenen Sammlungen älterer Geschichtswerke unter dem Namen der "Scriptores rerum Germanicarum" beweisen, im 16. Jahrh. sorgsam aufgesucht. In den Niederlanden wirkte die Loslösung von Spanien und die sich anschließende Gewinnung einer europ. Stellung und ausgedehnter Kolonien befruchtend auf den Sinn für G., wie insbesondere die G. des niederländ. Aufstandes von H. Grotius, P. C. van Hooft und Wagenaar trefflich dargestellt wurde. Um dieselbe Zeit hatte Frankreichs histor. Litteratur, dank dem großartigen Fleiß von Rechtsgelehrten und Geistlichen, namentlich der gelehrten Benediktiner von St. Maur, aus denen Mabillon, der Begründer der Diplomatik, hervorging, sich