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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Geschichte
durch die schätzbarsten, noch heute unentbehrlichen
Sammlungen eines Duchesne, Baluze, Pagi und
das Glossar von Du Cange bereichert sowie durch
die Arbeiten eines Tillemont, Beaufort und
Rollin, und daneben durch die geschmackvollen
Darstellungen eines Varillas, Saint-R^al, de
Vertot und das gründliche Werk Mszerays, in
dessen Fusistapfcn dann Rapin de Thoyras trat.
Außer diesen sind die Leistungen eines Maimbourg,
Samt-Pierre, Fleury, Vasnage und seines Geg-
ners Vossuet hervorzuheben, die großenteils maß-
gebend auf die neuere Behandlung der G. einwirk-
ten. An sie schlössen sich mit dem mächtigen Heere
ihrer Nachahmer Voltaire und Montesquieu an,
welche die polit. Reflexion in die geschichtlichen Dar-
stellungen einführten. Reicher noch als die Vol-
tairesche Periode und als die Litteratur aller andern
Völker überhaupt ist die neueste Litteratur Frank-
reichs an Historikern. Obgleich in verschiedenen Rich-
tungen auseinander gehend, obgleich mit der viel-
artigsten Mannigfaltigkeit darstellend, vereinigen
sie sich doch fast alle von Samte-Veuve bis zu
Taine in den Vorzügen frischer, geistreicher Auf-
fassung, scharfen, treffenden Urteils und einer künst-
lerisch schönen Darstellungsform, wenn es ihnen
auch nicht selten an Gründlichkeit fehlt. Von den
hervorragendsten franz. Historikern der Neuzeit sind
besonders Guizot, Ch^ruel,Boislisle,Mignet,Sorel,
Taine, Lavisse, Tocqueville zu nennen. (S. auch Fran-
zösische Litteratur, S. 174,175 und 181.) In Eng-
land nahm nach dem Vorgange Miltons, Claren-
dons und Temples die G. durch Hume, Robertson und
Gibbon, welche die Stifter einer neuen histor. Kunst-
schule wurden, einen mächtigen Aufschwung, dem
Ferguson, Mitfort, Macpherson, Gillies, Macaulay,
Seeley, Freeman u. a. sich anschlössen. (S. Englische
Litteratur, Bd. 6, S. 134d fg.)
Dem Aufschwung, welchen in Deutschland die
Geschichtschreibung im 16. Jahrh, nahm, folgte
llnter dem Druck der Gegenreformation eine Ärt
Stillstand; hervorzuheben sind aus dieser Zeit
namentlich F. Ch. von Khevenhiller, V. Th. von
Chemnitz und Hortleder, sowie von den vielen
Provinzialgeschichtschreibern insbesondere Egydius
Tschudi. Vom Ausgang des Dreißigjährigen Krieges
an läßt sich trotz der anfänglichen Zersplitterung,
der Armut und Erstickung des Nationalgefühls, die
er gebracht, ein stetes Fortschreiten der Geschicht-
schreibung wahrnehmen, die sich in wachsendem
Maße mit wissenschaftlichen, universellen und na-
tionalen Motiven erfüllt. Eine selbständige Stel-
lung errang die G. in diesem Zeitalter der Poly-
Historie (1048-1740) allerdings noch nicht; sie blieb
noch im Dienste anderer Wissenschaften, wie früher
der Theologie, so jetzt der Jurisprudenz und Philo-
logie, wie denn auch das Beste dieser Zeit von
Staatsrechtslehrern wie Pufendorf, Conring und
V. von Seckendorf herstammt. Hinsichtlich der Me-
thode that aber die G. durch Leibniz den entscheiden-
den Schritt, indem dieser unbegründete Überliefe-
rungen und willkürliche Darstellungen der Ereignisse
mit Entschiedenheit grundsätzlich verwarf und die
G. als eine auf Untersuchung und ununterbrochene
Quellenmähigkeit angewiesene Wissenschaft zur Gel-
tung brachte. Andererseits aber erscheint die G.
noch in den tüchtigen Handbüchern der Göttinger
Professoren, wie sie um die Mitte des 18. Jahrh,
erschienen, mehr als ein zufälliges Aggregat von
einzelnen Handlungen und Begebenheiten, denn
als ein innerlich zusammenhängendes, künstlerischer
Darstellung zugängliches Ganzes. Die deutsche
Geschichtschreibung dieser Zeit zeichnete sich aber
in den Arbeiten eines Mascov und Bünau, Secken-
dorf, Arnold u. a. auch vor dem Besten der gleich-
zeitigen gelehrten Litteratur in Frankreich aus durch
unermüdlichen Fleiß im Ansammeln des Materials,
Ernst und Gründlichkeit der Forschung, Wahrheit
und 'Unparteilichkeit der Gesinnung, Unbefangen-
heit und Gerechtigkeit auch in der Beurteilung an-
derer Völker und ihre auch weiterhin beharrlich
verfolgte univerfalhistor. Richtung. - Während
das Studium von Hume, Robertson und Gibbon
zu einer durchgeistigten: und pragmatischen Be-
handlung der G. anregte, erklomm mit der sieg-
reichen Entfaltung der nationalen Litteratur im
Zeitalter Friedrichs d. Gr. auch die Geschichtschrei-
bung in Deutschland eine höhere Stufe ihrer Ge-
staltung und setzte zugleich der ausschließliche Ge-
brauch der deutschen Sprache ein. Leibniz hatte
sein Hauptgeschichtswerk noch lateinisch geschrieben.
Schon Mosheim, der Vater der modernen deutschen
Kirchengeschichtschreibung, bediente sich nicht mehr
ausschließlich der lat. Sprache. Andererseits ist die
Nachbildung der antiken Ausdrucksweise noch im
Stil des bedeutendsten Historikers dieser Epoche,
Johannes von Müller, wohl zu erkennen. Ihm
nahe stand Ch. W. von Dohm, dessen Denkwürdig-
keiten aber an Bedeutung bei weitem nicht an die
Friedrichs d. Gr., Hardenbergs u. a. heranragen.
Neben I. von Müller ist an erster Stelle A. L.
Schlözer zu nennen, der zuerst teilnahm an der
Übersetzung des seit 1730 in England erschienenen
großen universalgeschichtlichen Sammelwerkes, das
dann von John Gray und William Guthry in einen
geniehbarern, von Ch.G.Heine ins Deutsche über-
tragenen Auszug gebracht wurde. Die Bedeutung
als Forscher und Kritiker teilt Gatterer mit Schlözer,
ohne ihn jedoch an Weite des Blickes und polit. Sinn
zu erreichen. In dieser Beziehung stand schlözer
L. Th. Spittler gleich, dessen Arbeiten hinsichtlich
der Sprache und Kunst der Darstellung wieder
einen wesentlichen Fortschritt bezeichnen. Neben
Spittler, der sich in seiner Thätigkeit Rattlers gründ-
licher, aber wenig formvollendeter Forscherarbeit
anschloß, leistete I. Möser das Bedeutendste auf
dem Gebiete nicht nur der Landesgeschichte, sondern
der deutschen G. Dagegen ruhte die eigentliche
Reichsgeschichte bei dem Verfall des Reichs, ab-
gefehen von Pütters Grundriß und Häberlins
"Umständlicher Reichshistorie".
Gegen Ende des 18. Jahrh, wirkte aber vor allem
die litterarisch-ästhetische Strömung dahin, daß man
mehr nach anziehender Darstellung als gelehrter
Forschung verlangte und Schriften beanspruchte,
welche sich in Vollendung der Form den klassischen
Geschichtswerken des Altertums und den besten Er-
zeugnissen der histor. Litteratur Italiens, Frank-
reichs und Englands an die Seite stellen könnten,
Forderungen, denen Schiller in seinen geschicht-
lichen Schriften,Woltmann und Zschokke entsprachen.
Gleichzeitig begann die Philosophie ihre Konstruk-
tionen der G. aufzudrängen und verlangte, daß
nach dem Maßstabe ihrer Moral die Vergangen-
heit und deren Größen gemessen werden sollten.
Weite Verbreitung fand die von auscMürtem Ka-
tholicismus und dem liberalen Absolutismus der
Josephinischen Zeit durchdrungene G. der Deut-
schen von N. I. Schmidt, in welcher die Kultur-