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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Geschichte
Geschichte mehr als je bisher in den Vordergrund tritt,
während Heerens Arbeiten das Verdienst zulommt,
in anziehender Darstellung den Blick weiterer Meise
auf die Handels- und Kolonialgeschichte der alten
Völker hingelenkt zuhaben. Aber noch sehlte der kräf-
tige, bewegende nationale Gedanke.
Volle Ausbildung methodischer Forschung brachte
das neue mächtige Aufblühen der Studien des klassi-
schen Altertums und die Erhebung in den Frei-
heitskriegen. Mit diesen beginnt die Entfaltung
der modernen deutschen .Historiographie, welche
durch ihre Methode, die planmäßige Erforfchnng
der ältesten Zeugnisse und ihr Verfahren der Quellen-
kritik beherrschende Stelluug gewonnen hat. Die
ersten Ansätze dieser modernen deutfcben Geschicht-
schreibung stehen in Verbinduug mit dem Auf-
treten der romantifchen Schule und find auf I. von
Müller und Herder zurückzuführen. Einen wesent-
lichen Beitrag zur Grundlegung der deutscdcn G. bo-
ten sodMu die germanistischen Arbeiten I. Grimms,
dessen kleinere methodologische Arbeiten zugleicd von
Bedeutung waren, und von den Philosophen dieser
Zeit gewann Einfluß ausier Schelling namentlicb
Hegel, dessen Betonung der "^taatsidee und der Ver-
nünftigkeit in der G. wie feine Ideenlebre neben
Kants und Lessings Anschauungen bis in die Gegen-
wart hereinwirken. Mehr im Gegensatz als in An-
lehnung an die Romantische schule, als ein Werk der
sog. "Historischeil Schule", wurde jedoch die wissen-
schastliche Methode und histor. Kritik geschaffen,
welche das Wesen der modernen deutschen Geschicht-
schreibung ansmachen. Epochemachend wirlte bicr
Savignys "G. des röm. Rechts im Mittelalter"
und Eichhorns "DeutscheRechtsgcsckichtc", vor allen:
aberNiebuhrs "Römische G.", in welcher zum ersten-
mal eine sagenhaste Überlieferung nicht nnr zer-
trümmert, fondcrn aus den Trümmern durch Sicd-
tung und Ergänzung ein neuer, ursprünglicherer
Bau hergestellt wurde.
Die Unternehmungen von F. Wilken, A. Menzel,
H. Luden' und I. K. Pfister, eine deutsche G. zu
schaffen, erwiefen sich jedoch uoch als verfrüht. Für
diese bandelte es sich zunächst um Sammlung und
brauchbare Herausgabe des Quellenmaterials, ein
Gedanke, der schon in der Zeit der Humanisten auf-
getaucht war (f. S.8911>) und im 18.Jahrb. Semler,
Gatterer, I. von Müller und Woltmann befonders
lebhaft bewegt hatte. Seine Verwirtlicbung ift dem
Freiherrn von Stein, der von ihm ins Leben ge-
rufenen Gesellschaft für ältere deutsche Geschichts-
tunde, welche alsbald ihr "Archiv" herausgab, und
dem von ihr herangezogenen, begabten und uner-
müdlichen G. H. Pertz zu verdanken, welcher seit
18W der Herausgabe der "NmiumnitH (^6i-mnnm6
IÜ8t0!'ic^) (s. d.) vorstand. Andere grundlegende
Arbeiten wurden veröffentlicht und vorbereitet durch
F. I. Böhmer, aus dcsfen Nachlaß uoch 1870 ^'ck^r
die "^cw im^i-ii LoiecUi" herausgab und dem
I. E. Kopp, der Begründer der modernen Auf-
fassung der Echweizergeschicbte, und Eh. F. Stalin,
der Verfafser der als Provinzialgeschichtc niuster-
gültigen württembergischen G., nahe standen. In
Österreich arbeitete in der Urknndenveröffcntlickung
seit l.8.')() Chmel; den Bann, der jedoch hier über
den Archiven lag, brach erst die Gründung der
Akademie der Wissenschaften (1846) und Arnetbs
Gefchichte Maria Theresias. - Eine Reihe bedeuten-
der Werke gingen dann von Männern aus, die nickt
unmittelbar zum Kreise der Genannten gehörten:
von Rühv, Stenzel, Raumer, Löbell; diesen sind
mit ihren darstellenden Arbeiten Lappenberg, Dahl-
mann und Wilken anzureihen. Den Übergang zu
der immer entschiedener katholisierenden Reihe
neuerer deutscher Geschichtschreiber, H. Leo, K. A.
Menzel in seiner "Neuern G. der Deulsche/l",
F.tzurtcr, (5. Höfler, Varthold und Gfrörer, bildete,
ohne es zu wollen, I. Voigt.
Dicfer Richtung, welche noch jüngst in Ianssen
und in Pastor bedeutende Forscher hervorgebracht
hat, stehen gegenüber die von Ranke ausgegangene
und die Heidelberger schule, welche beide, wenn
auch von prot. Einflüssen und Neigungen uicht un-
berührt, fich doch in rücksichtcnfreiem streben nach
Wahrheit und konfessioneller Vorurteilslosigkeit
vereinigen. Die großen Hauptwerke Rankes lseit
18^4), auf welchen außer Niebuhr den größten Ein-
fluß Thucydides und Fichte ausgeübt haben, be-
handeln die Weltbewegung des 10. und 17. Jahrh.,
welche die moderne Entwicklung bis auf die Gegen-
wart herab bestimmt hat: den religiös-polit. Wclt-
tampf der german.-roman. Völker im Zeitalter der
Reformation und Gegenreformation. Von Anfang
an künftlcrifche Tendenzen in feiner Darstellung ver-
folgend, bahnte er auch in stofflicher Beziehung eine
Umwälzung für die G. der Neuzeit an durch feine
umfassende Forfchung, geistvolle Kritik, scharfe und
glücklicke Charakteristik, fesselnde, auf der genialen
Hervorhebung des Wefentlichen beruhende Grup-
pierung und vor allem durch seine große univcrfal-
biftor. Auffassung. Gleichzeitig bildeten feine Ber-
liner histor. Übungen, in denen namentlich das
Mittelalter behandelt wurde, den Ausgangspunkt
der fog. "Rantcfchen Schule", welcher die größere
Zahl der ältern bedeutenden Historiker dieses Jahr-
hunderts angehört: der selbst wieder schule bildende
G. Waitz mit seinen Arbeiten zur deutschen G., vor
allem seiner grundlegenden "Vcrfassungsgeschichte",
W.vonGiesebrecbt mit seiner weitwirtenden "Deut-
schen Kaisergeschichte", H. vou Sybel, dessen nam-
hafteste Schüler H. von Noorden und W. Mauren-
breckcr waren, mit seinen kritischen Untersuchungen
zur G. des Mittelalters und der Neuzeit. Außer
diesen sind von der Schule Rankes zu nennen
R. Röpell, Adolf Schmidt, S. Hirfch, Rud. Köpke,
W. Dönniges, Ernst Herrniann, W. Wattenbach,
Tb. Iaffe und Ernst Dümmler. - Das Haupt der
"Heidelberger Schule" war F. Ch. Schlosser, seiner
ganzen Denkweise und Bildung nach ein ^ohn des
18. Jahrh., vor dessen Augen die sogenannte
diplomat. Geschichtschreibung, wie sie in hervor-
ragender Weise Ranke und nach ihm Sybel ver-
treten, niemals Gnade gefunden, wie er überhaupt
zur polit. Geschichtschreibung geringere Befähigung
mitbrachte und für die mehr und mehr Platz grei-
fende nationale Stimmung Deutschlands weniger
Verständnis besaß. Gegen Einseitigkeiten der
Rankeschen Schule bildet aber Schlosser und die
von ihm ausgehende Geschichtschreibung ein heil-
sames Gegengewicht. Schlossers Verdienst ist die
Verbindung der Litteratur- und Kulturgeschichte mit
der politischen G. nach Gibbons Vorgang und die
Verbreitung des Interesses für G. in breiten
Schichten des dcutfchen Bürgertums feiner Zeit,
dem er durch feinen schwungvollen Liberalismus
und selbst durch den Fehler seiner Voreingenommen-
heiten und moralisierenden Tendenzen verständ-
licher war als die nücbternen konservativen Preußen.
Überflügelt wurde Schlosser von feinen Schülern