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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Gewerbegehilfen - Gewerbegerichte
in der Förderung egoistischer Triebe und unlauterer
Konkurrenz. Die G. paßt daher wie jede Freiheit
nicht für jede Kulturstufe eines Volks. Sie setzt ein
bohes Maß von Einsicht, Tüchtigkeit, Selbstbeherr-
schung und Aufopferungsfähigkeit des Einzelnen
voraus, welche Eigenschaften "erst in allmählicher
Entwicklung gewonnen werden können: daher nach
Auflösung der Zünfte das Konzessionssystem
regelmäßig den Übergang zur G. vermittelte. Aus
den Wirkungen der G. erklärt fich auch das in
neuester Zeit wieder schärfer hervorgetretene Be-
dürfnis des Zusammenschlusses gleichartiger In-
teressen in Innungen (s. d.), Gewertvereinen ss. d.)
u. s. w., sowie die Notwendigkeit, die G. in einzelnen
Teilen durch die Gesetzgebung zu beschränken.
(Weiteres s. unter Gcwerbegesetzgebung.)
Gewerbegchilfen, gewerbliche Arbeiter, welche
nach überftandener Lehrzeit im Dienste eines Ar-
beitgebern stehen und nicht selbständig ein Gewerbe
betreiben.
Gewerbegenossenschaften oder Genossen
schaften schlechtweg, in Österreich Bezeichnung für
die Innungen, d. h. die durch die Gewerbeordnung
geregelten Verbände derjenigen, welche gleiche oder
verwandte Gewerbe in einer oder in nachbarlichen
Gemeinden betreiben. Selbst die im wefentlichen
auf dein Princip der Gewerbefreiheit aufgebaute Ge-
werbeordnung vom 20. Dez. 1859 hatte die Veitritts-
Pflicht zu den G. festgesetzt, indem jeder, der im Be-
zirke einer Genossenschaft das Gewerbe, für welches
ein solcher Verband bestand, selbständig betrieb,
schon durch den Antritt des Gewerbes Mitglied der
Genossenschaft wurde; dieselbe Bestimmung findet
sich auch in dem Gesetze vom 15. März 1883, be-
treffend die Abänderung und Ergänzung der Ge-
werbeordnung. Unter dem Einflüsse dieses Gesetzes
sind die G. wesentlich vermehrt worden, indem die
Errichtung von solchen, welche den Gewerbebehörden
übertragen crscbeint, in weitem Umfange bewerk-
stelligt worden ist. Während nämlich der Motivew
bericht zur Regierungsvorlage einer neuen Ge-
werbeordnung von 1880 eine Gesamtzahl von
2570 G. ausweist, bestanden 1801 nach einer offi-
ziellen Statistik 5113 G., von denen freilich nicht
alle eine nennenswerte Thätigkeit entwickelt haben
dürften. Bei der großen Ausdehnung, welche dem
Genossenschaftswesen gegeben wurde, war es nicht
möglich, bloß G. zu errichten, welche ein einzelnes
Gewerbe umfassen: sondern häufig mußte, um die
Verbände nicht zu schwächlich zu gestalten, die kaum
im Interesse regen genossenschaftlichen Lebens gele-
gene Vereinigung zahlreicher Gewerbe zu einer Ge-
werbegenossenschaft stattfinden, der oft ein ziemlich
ausgedehnter Bezirk zugewiesen wurde. So zählt die
eben erwähnte Statistik nur 722 Fachgenossenschaf-
ten, d. i. Genossenschaften für einzelne Gewerbe,
auf, während 2252 sog. Kollektivgenossenschasten
für Gruppen verwandter Gewerbe und 2139 sog.
Reihengenossenschasten aufgezählt werden, die alle
Gewerbe eines Bezirks in sich schließen. Die Zwecke,
welche das Gesetz den G. zuweist, sind sehr mannig-
fach. Neben der Forderung der gemeinsamen ge-
werblichen Interessen ihrer Mitglieder haben sie
insbesondere Sorge zu tragen für die Erhaltung
geregelter Zustände zwischen den Gewerbeinhabern
und ihren Gehilfen, für ein geordnetes Lehrlings-
wesen, für die Gründung vonFachlehranstalten u.s.w.
Die G. haben ferner einen schiedsgerichtlichen Aus-
schuß zur Austragung der zwischen den Genossen-
schaftsmitgliedern und den Genossenschaftsange-
hörigen, d. i. den Hilfsarbeitern, entstehenden
Streitigkeiten zu bilden; auch können sie Kranken-
kassen für die Gehilfen bilden. Die Funktionäre aus
dem Stande der Hilfsarbeiter wäblt die ständig
konstituierte sog. Gehilfenversammlung. Bei vielen
G. fällt die Notwendigkeit der Bildung der ge-
dachten Institutionen fort, sofern nämlich, wie
namentlich auf dem Lande, kein oder ein nur sehr
spärliches Hilfspersonal vorhanden ist. 1891 be-
saßen 2857 G. schon Gehilfenversammlungen mit
genehmigten Statuten: es bestanden ferner 2657
schiedsgerichtliche Ausschüsse und N0" genossen-
schaftliche Krankenkassen fund daneben noch 195
eigene Lehrlingskranlenkassen). Die G. stellen beute
einen beachtenswerten Faktor im öffentlichen Leben
Österreichs dar, indem sie dem Gewerbestand zu
einer nicht zu unterschätzenden Organisation ver-
holfen baben; ibre positiven Leistungen sind hin-
gegen viel geringer anzuschlagen, indem nur eine
Minderzahl Wertvolles auf dem Gebiete des Fach-
schulwesens, der Arbeitsvermittelung u. s. w. zu
stände gebracht hat. Auch die Gehilfen haben sich
manchmal ihrer Vereinigung in der Gehilfenver-
sammlung mit Vorteil zu bedienen gewußt. - Vgl.
Statist. Studien über die Entwicklung der öster-
reichischen G. lin der "Statist. Monatsschrift",
Wien 1888); Seltsam und Posselt, Die österr.
Gewerbeordnung (2. Aufl., ebd. 1885); Weigels-
perg, Kompendium der auf das Gewerbewesen
bezugnehmenden Gesetze s3. Aufl., ebd. 1889-94);
Heilinger, Osterr. Gewerberecht (ebd. 1894-95);
Mataja, Artikel Gewerbliche Genossenschaften (im
"Osterr. Staatswörterbuch", ebd. 1895).
Gewerbegerichte und Ginigungsämter.
-^ I. Gewerbegerichte sind die zur Entscheidung
von Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Ar-
beitnehmern, sofern dieselben aus dem Arbeitsver-
hältnis sich ergeben, berufenen Gerichte. Es handelt
sich also um Streitigkeiten, die sich auf den Antritt,
die Fortsetzung oder Aufhebung des Arbeits- oder
Lohnverhältnisses, auf die gegenfeitigen Leistungen
während der Dauer desselben oder auf die Aus-
stellung oder den Inhalt gewisser Zeugnisse beziehen
sowie um die über Anrechnung und Berechnung der
Krankenkassenbeiträge sich ergebenden Streitigkeiten
G. 53,Absatz 2 des Krankenversicherungsgesetzes vom
15. Juni 1883). Nach dem Gesetz vom 29. Juli 1890
ist die gewerbliche Rechtspflege der charakterisierten
Art gegenwärtig den Gewerbegerichten, den In-
nungsgerichten und den Gemeindevorstehern anver-
traut. Der Schwerpunkt liegt in den erstern, deren
Einsetzung den Gemeinden und weitern.^ommunal-
verbänden überlassen bleibt. Sie sind staatliche Ge-
richte, die im Namen des Landesherrn Recht sprechen,
uud stehen nnt den Amtsgerichten auf einer Stufe;
Berufung ergeht von ibnen an das Landgericht.
Das Gewerbegericht ist zusammengesetzt aus einem
Vorsitzenden, dessen Stellvertreter und mindestens
vier Beisitzern, von denen zwei Arbeitgeber, zwei
Arbeitnehmer sein müssen. Der Vorsitzende und sein
Stellvertreter dürfen weder Arbeitgeber noch Arbeit-
nehmer sein und werden durch den Magistrat oder
durch die Gemeindevertretung gewählt. Eine be-
sondere Vorbildung, z.B. Befähigung Zum Richter-
amtc oder zum höhcrn Verwaltungsdienste, ist für
sie nicht vorgesehen. Die Beisitzer werden in un-
mittelbarer und geheimer Wahl in gleicher Anzahl
von den Arbeitgebern und Arbeitern gewählt. Das