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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Griechische Kunst
befindlichen Schachtgräbern zur Bekrönung dienten. Der prunkhafte Eindruck, den die Architektur macht, wird noch gesteigert durch die Masse von goldenen, silbernen und bronzenen Schmuckgegenständen und Geräten, mit denen die Grabstätten ausgeschmückt waren. Mit goldenen Masken war das Antlitz der Toten bedeckt. Feinere Arbeit als diese zeigen die Schmucksachen und Waffen, so die eingelegten Goldklingen, die in Technik und Dekoration von ägypt. Kunst abhängig sind, und vor allem die kürzlich in einem Kuppelgrabe bei Baphion unweit Amyklä (Peloponnes) gefundenen Goldbecher (abgebildet "Ephemeris archaeologike", Athen 1889, Taf. 9). Bewegte Scenen, welche die Bändigung wilder Stiere schildern, sind auf ihnen in getriebenem Relief dargestellt. Mit Erstaunen sieht man die kühne und freie Zeichnung, und wie hier bereits in den Versuchen, die Figuren in Verkürzung und das Terrain perspektivisch darzustellen, Kunstmittel gebraucht sind, die späterhin der archaischen G. K. gänzlich unbekannt waren und erst nach und nach selbständig wiedergefunden wurden. Die geschnittenen Steine und die bemalten Thonvasen mit ihrer aus Spiralen und Linearstreifen, aus Seepflanzen, Muscheln, Polypen, Sternen zusammengesetzten Dekoration vervollständigen das einheitliche Bild dieser Kultur. Die Frage nach ihrer Herkunft ist bisher nicht gelöst. Man streitet, welchem Stamme das Volk angehörte, ob es Karer, Pelasger oder Achäer waren, die damals in jenen Gegenden seßhaft waren, man schwankt auch, ob diese Kultur dort, wo sie am glänzendsten auftritt, in Mykenä und an der griech. Küste überhaupt, heimisch war oder, wie es wahrscheinlicher ist, aus der Fremde kam. (Vgl. Schuchhardt, Schliemanns Ausgrabungen, Lpz. 1890, S. 349 fg.) Sicher ist eine gewisse Beziehung zu den Vorgängen und Verhältnissen, welche die Homerischen Gedichte schildern (vgl. Helbig, Das Homerische Epos, 2. Aufl., Lpz. 1887), ebenso sicher, daß diese Kunst ganz durchsetzt ist von orient. Formenwesen und daß sie ihren Ursprung nur in einem Volke haben kann, welches mit Ägypten in lebhaftester Verbindung stand; vieles weist darauf hin, daß sie vom Osten her, aus Asien, nach Griechenland gelangte.
Als die G. K. im 8. Jahrh. v. Chr. frisch einsetzte, lag für sie die mykenische Kultur in ferner Vergangenheit. Der weite Abstand und die Verschiedenheit zeigt sich am bestimmtesten darin, daß der mykenischen Baukunst der Grundgedanke der griechischen, der säulengetragene Tempel, fehlte. Aber eine gewisse Anknüpfung glaubt man darin zu erkennen, daß im Mykenischen die Konstruktion der Säulenstellung zwischen Anten, die für die griech. Bauweise charakteristisch ist, bereits vorliegt; auch im mykenischen Säulenkapitäl hat man die Urform des dor. Kapitäls zu erkennen gemeint. Ein halbes Jahrtausend liegt dazwischen, die Zeit der Wanderungen der griech. Stämme; nur Erzeugnisse des Handwerks, wie die sog. geometr. Vasen mit einfacher Liniendekoration und Bronzegegenstände mit ähnlicher Ornamentik, sind aus jener Zeit erhalten.
I. Baukunst. In der griech. Baukunst ist Holz und Stein nebeneinander verwendet, namentlich in der ältern Zeit das Holz nicht nur für das Gebälk, sondern auch in weiterm Umfange, z. B. für die Säulen, wie am Heratempel in Olympia, dessen ursprüngliche Holzsäulen erst nach und nach durch steinerne ersetzt wurden. Man hat angenommen, daß der Holzbau überhaupt das ursprüngliche und der griech. Steinbau, speciell die Architektur des dor. Tempels, erst aus ihm abgeleitet ist, worauf besonders das System der über dem Architrav angeordneten Triglyphen, insofern sie als Andeutung der einst vortretenden Köpfe der Querbalken aufgefaßt werden können, hinzuweisen scheint. Jedenfalls war aber der Steinbau schon in der ältesten Zeit neben der Holzkonstruktion üblich. Das verwendete Steinmaterial ist je nach Gegend und Zeit verschieden; vorzugsweise wurde der in Griechenland sowie in Unteritalien und Sicilien einheimische Kalkstein verwendet. Da dieser wegen seiner löcherigen Struktur keine gleichmäßige Glättung gestattet, überkleidete man die Oberfläche mit Stuck und bemalte diesen, während am Gebälk die Stein- oder Holzfläche durch eine Verkleidung von bemalten Terracottaplatten verdeckt wurde. In Griechenland wurde der Kalkstein bald durch den Marmor verdrängt und auf die Fundamente beschränkt. Früher noch als in Griechenland war die Technik des Marmorbaues in Kleinasien entwickelt. Neben dem massiven Bau aus Kalkstein und Marmor wendete man Fachwerk an und benutzte zu diesem an der Luft getrocknete Lehmziegel. An deren Stelle traten feit der hellenistischen Zeit gebrannte Ziegel, und es kam zugleich damit eine reiche Verwendung bunter Marmorsorten auf, mit denen die Innenwände der Gebäude dekoriert wurden.
Die Schönheit der griech. Architektur entwickelte sich vor allem an den Tempeln (s. d.). Das Gemach der Gottheit, die Cella, ist ein länglich-viereckiger Raum mit einer Vorhalle, die sich mit zwei Säulen zwischen zwei Anten nach vorn öffnet und der meist ein geschlossener Raum auf der Rückseite der Cella entspricht. Diese einfache Form, der Antentempel, wird durch einen um die Cella herumgeführten Säulenumgang erweitert, der fast bei keinem der erhaltenen griech. Tempel fehlt. An dem so festgestellten Schema des Grundrisses wurde nichts geändert, aber mannigfache Modifikationen ergaben sich im Verlaufe der Entwicklung. So wurde die Cella reicher ausgestattet durch eine vor die Vorhalle selbständig vortretende Säulenreihe (Prostylos) und diese wohl auch wie beim Parthenon (s. d.) an der Rückseite wiederholt (Amphiprostylos). Man vergrößerte auch den Umgang und führte statt einer (Peripteros) auf jeder Seite zwei parallele Säulenreihen um die Cella herum (Dipteros) oder gab dem Umgang eine für zwei Säulenreihen ausreichende Breite (Pseudodipteros). Unabhängig von diesen Einteilungen der Tempel bezüglich des Grundrisses ist die Bestimmung derselben nach den Säulen- und Gebälkformationen, d. h. der Säulenordnung (s. d. und Kapital) und dem Gebälk (Gesims, Fries, Architrav). Der dorische und ionische Stil (s. Taf. I, Fig. 1 u. 3) sind in der ältern Zeit örtlich verschieden, indem dieser in Kleinasien, jener im westl. Griechenland vorherrscht, aber es ist fraglich, ob beide von Anfang an nebeneinander bestanden, und nicht vielleicht der ion. Stil, dessen charakteristische Form, das Volutenkapitäl, in phöniz. oder assyr. Vorbildern seine Wurzel hat, der später entstandene ist. Die allmähliche Ausgestaltung läßt sich nirgends mehr genau erkennen. Als die ältesten dor. Tempel gelten das Heraion in Olympia (s. d.) und der Tempel von Assus (s. d.). Völlig entwickelt erscheint das System des dor. Stils zuerst an den Bauwerken des 6. Jahrh. v. Chr., am besten an den wohlerhaltenen Tempeln zu Pästum (s. d. und Taf. I, Fig. 8) mit ihren mächtigen Säulen, ihren