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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Großbritannien und Irland (Geschichte 1853-65)

schließen; 25. Febr. 1856 wurde der Friedenskongreß in Paris eröffnet und 30. März der Vertrag unterzeichnet. (S. Pariser Friede.) Seine Bedingungen: die völlige Erhaltung der Pforte, freie Donauschiffahrt, Zurückdrängung der russ. Grenze, Ausschluß der russ. Schiffe vom Schwarzen Meer, entsprachen zwar den engl. Wünschen, dennoch genügten die errungenen Erfolge nicht vollkommen der öffentlichen Meinung, und Palmerston hatte heftigen Angriffen im Unterhause standzuhalten.

Der Krieg mit Rußland hatte neue, bedenkliche Schwierigkeiten für England in Asien zur Folge. Auf russ. Anreizung erneuerte der Schah von Persien seine Anschläge gegen Herat und besetzte im Okt. 1856 diesen für England in strategischer und kommerzieller Beziehung höchst wichtigen Ort. Die bedrohte Unabhängigkeit Afghanistans zwang England zu bewaffnetem Einschreiten, und nach der Einnahme von Buschehr und zwei siegreichen Treffen knüpfte der Schah Verhandlungen an, die im Friedensvertrag vom 4. März 1857 zur Räumung Herats führten.

Ernster schien das Zerwürfnis mit China, wo der Admiral Seymour eine Verletzung der engl. Flagge ohne vorhergehende Kriegserklärung durch ein zweimaliges Bombardement von Kanton (Okt. und Nov. 1856) rächte. Während dieses Vorgehen starke Anfeindungen der Regierung im Unterhause zur Folge hatte, erfuhr eine Expedition die unter Lord Elgin zur Verstärkung der engl. Truppen nach China ausgesandt war, bedeutende Verzögerung durch einen inzwischen ausgebrochenen Aufstand in Indien, und erst Dez. 1857 konnten die Engländer, denen sich die Franzosen angeschlossen hatten, zum Sturm auf Kanton schreiten, das mit geringem Verlust genommen wurde. Am 20. Mai 1858 eroberte Lord Elgin die Ta-ku-Forts und erschien vor Tien-tsin. Dadurch erzwang er 26. Juni 1858 einen Frieden, der neben hoher Kriegsentschädigung für England dem europ. Handel neue Häfen öffnete und den fremden Gesandten Zutritt in Peking verschaffte. (S. China, Bd. 4, S. 209 fg.)

Jener Angriff auf das Ministerium in der chines. Angelegenheit hatte 3. März 1857 zur Annahme eines Tadelsvotums geführt, das durch die Auflösung des Parlaments beantwortet wurde. Bei den Neuwahlen errang Palmerston einen glänzenden Sieg; er gebot im Unterhause über eine Mehrheit von 274 Stimmen. Kurz nach der Eröffnung der neuen Session brach 10. Mai 1857 in Ostindien infolge religiöser Aufhetzungen und der gewaltthätigen Einverleibung von Oudh durch den Generalgouverneur Lord Dalhousie eine furchtbare Empörung der eingeborenen Truppen aus, die besonders in Mirat und Dehli zu den entsetzlichsten Greueln gegen die dort lebenden Europäer führte. Alle, auch Weiber und Kinder, wurden niedergemetzelt und der Erbe des Großmoguls zum König ausgerufen. Sofort wurden alle verfügbaren Truppen nach Kalkutta entsandt und Sir Colin Campbell mit dem Oberbefehl betraut. Wohl errangen die Engländer entscheidende Erfolge in der Einnahme Dehlis 20. Sept. 1857 und der Entsetzung von Lakhnau (s. Ostindien), aber die Beendigung des Aufstandes sollte das Ministerium Palmerston nicht mehr sehen.

Der Krieg hatte bedeutenden Einfluß nicht nur auf das Vorgehen gegen China, sondern er schwächte in jener Zeit Englands europ. Stellung überhaupt. Vor allem verschärfte er die große Geld- und Handelskrise, die sich von Amerika aus über Europa verbreitete. Jedoch wurde die Stellung des Ministeriums durch all diese Vorgänge nicht erschüttert; erst die Folgen eines ungeahnten, England unmittelbar gar nicht berührenden Ereignisses führten dessen Sturz herbei. Es war das Attentat Orsims auf Napoleon III., das von England aus vorbereitet war und seitens der franz. Regierung zu der Forderung führte, die polit. Flüchtlinge in England besser zu überwachen oder des Landes zu verweisen. Die deshalb vor das Unterhaus gebrachte sog. Mordverschwörungsbill wurde in erster Lesung 9. Febr. 1858 mit großer Mehrheit angenommen, die öffentliche Bewegung aber, die sich für das bedrohte Asylrecht erhob, führte zu einem die Regierungspolitik tadelnden Beschluß, worauf Palmerston 20. Dez. 1858 seine Entlassung einreichte.

In das Ministerium seines Nachfolgers Derby traten im allgemeinen die Mitglieder des Kabinetts von 1852 wieder ein, Disraeli wurde Schatzkanzler, Malmesbury erhielt das Auswärtige, Walpole das Innere. Zunächst wurde die drohende Verwicklung mit Frankreich befriedigend gelöst, der Chinesische Krieg, der von neuem ausgebrochen war, mit Erfolg weiter geführt, und auch die Ereignisse in Indien nahmen einen günstigen Verlauf. Seit Dehlis Fall lag das ganze Gewicht des Aufstandes in Oudh und seiner Hauptstadt Lakhnau. Im März 1858 wurde diese mit Sturm genommen, und die weitere Unterwerfung ging zwar langsam von statten, aber die Kraft des Aufstandes war gebrochen. Das Vorgehen des Vicekönigs Lord Canning, der massenhafte Güterkonfiskationen verhängte, führte zu Weiterungen, deren Ergebnis der Rücktritt des Vorsitzenden im ind. Kontrollamt, Lord Ellenborough, war. Sein Nachfolger Lord Stanley (s. Derby, Edward Henry), der Sohn des Grafen Derby, nahm eine Umgestaltung der ind. Verwaltung vor, durch die an Stelle des Direktorenhofs der Ostindischen Compagnie ein von der Krone zu ernennender und dem Parlament verantwortlicher Minister mit einem Rat von 15 Mitgliedern eingesetzt wurde.

In einer innern Frage erlitt das Ministerium eine Niederlage: es mußte der von ihm zuerst bekämpften Zulassung der Juden ins Parlament beitreten (Juli 1858). Die wachsende Agitation für eine Parlamentsreform bewog das Kabinett zur Einbringung einer von Disraeli vertretenen Reformbill, die aber abgelehnt wurde und zur Auflösung des Unterhauses führte. Zu derselben Zeit nahm der Konflikt zwischen Österreich einerseits und Frankreich und Sardinien auf der andern Seite eine immer drohendere Gestalt an und führte endlich zum Kriege. (S. Italienischer Krieg von 1859.) Während die öffentliche Meinung auf seiten der Freiheitsbewegung Italiens war, ließ das Ministerium eine Hinneigung zu Österreich durchblicken und erlitt eine Niederlage durch ungeschickte, erfolglose Vermittelungsversuche. Das neue Parlament begann seine Thätigkeit mit einem Mißtrauensvotum gegen das Kabinett, worauf Derby Juni 1859 seinen Abschied einreichte und Palmerston wieder an seine Stelle trat. Russell übernahm das Auswärtige, Gladstone die Finanzen, Sir George Lewis das Innere, Sir Charles Wood das ind. Kontrollamt. Die unruhige Politik Napoleons rief in England großes Mißtrauen hervor, und die Einverleibung Savoyens und Nizzas gab zu ziemlich gereizten Erklärungen der brit. Regierung Anlaß;