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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Hamburg
setzt hielt. Den Verlust der Stadt 1813 schlägt man,
außer den geraubten Bankgeldern, zu 57 Mill. M.
Bco. an, während sie 1806-14 an 140 Mill. M.
Bco. (210 Mill. Reichsmark) an Frankreich verloren
haben soll.
Bereits 26. Mai 1814 begann der Senat im Ver-
ein mit einer von der Bürgerschaft erwählten De-
putation von 20 Mitgliedern, den sog. Zwanzigern,
die Wiederherstellung des Staates, und es wurde
im wesentlichen die Verfassung, wie sie vo^1810 be-
standen, wieder eingeführt. Als Freie (^tadt trat
H. 1815 dem Deutschen Bunde bei. Während die
eingeäscherten Vorstädte und Landhäuser schöner
als zuvor emporstiegen, hob sich auch der Handel,
dem die Handelskrisen von 1825 und 1826, 1837
sowie die größte von 1857 nur wenig schadeten.
Ein furchtbarer Brand zerstörte 5. bis 8. Mai 1842
einen großen Teil der innern Stadt, überhaupt
4219 Gebäude in 75 Straßen, darunter das Rat-
baus, drei Kirchen und eine große Zahl öffentlicher
Gebäude, kostete mehr als 100 Menschen das Leben,
raubte andern 20000 ihr Obdach und richtete unbe-
rechenbaren Schaden an, der allein für die abge-
brannten Häuser auf 49 Mill. M. geschätzt wird.
Selbst hierdurch zeigte sich jedoch der Kredit der
Stadt nicht beeinträchtigt. Sie entwickelte sofort
ihre großen Hilfsquellen und hob sich aus der Asche
nur um so schöner empor. 17. Mai 1842 wurde
die erste Eisenbahnstrecke bis Bergedorf eröffnet,
die bereits1846bis Berlin verlängert wurde. Schon
nach 1842 begannen die Bestrebungen, die veral-
tende Staatsverfassung umzugestalten. Dieselbe
war eine Aristokratie des Gruudbesitzes und be-
ruhte auf dem durch kaiserl. Kommissarien errichte-
ten Hauptreceß von 1712. An der Spitze des Staa-
tes stand der sich selbst ergänzende Senat, der jedoch
ohne Zustimmung der erbgesessenen, d. h. der bevor-
rechtigten, Grundeigentum besitzenden Bürger keine
Gesetze beschließen konnte. Eine eigene Kommission
von Bürgern, die Kämmerei, hatte die Verwaltung
der Finanzen. Die Neformbestrebungen erhielten
durch die Bewegung von 1848 neuen Anstoß. Die im
Dezember von der gesamten Bevölkerung gewählte
Konstituierende Versammlung von 188 Mitgliedern
arbeitete den Entwurf einer neuen Verfassung aus.
Doch weder dieser noch der später von einer Kom-
mission von neun Mitgliedern (fünf Bürgern uud
vier Senatoren) ausgearbeitete Verfassungsentwurf
(die sog. Neuner-Verfassung) gelangten bei dem
Widerstreben des Senats und zum Teil auch der
Bürgerschaft zur Ausführung, und erst 28. Sept.
1560 konnte die Verfassung veröffentlicht werden, die
mit den Modifikationen vom 13. Okt. 1879 noch in
Kraft ist (s. oben).
1,866 wurde auch für H. bedeutsam. Nachdem es
am Bunde mit Lübeck und Bremen gegen den österr.
Antrag vom 14. Juni auf Mobilisierung gestimmt
batte, trat es bald darauf dem preuh. Bündnis
hei und unterzeichnete 18. Aug. mit den meisten
deutschen Kleinstaaten den Vertrag mit Preußen.
Bereits Anfang 1867 übertrug H. sein Militär-
wesen an Preußen; Mitte desselben Jahres erfolgte
im Einverständnis mit Lübeck und Bremen die Ab-
berufung dcs bisherigen hanseatischen Gesandten
in London und Paris ^ das gesamte Konsularwescn
ging auf den Bund über. Von besonderer Bedeu-
tung wnrde für H. die Neugestaltung Deutschlands
auf wirtschaftlichem Gebiete- die Norddeutsche Ver-
fassung bestimmte (Art. 33 u. 34), daß der Bund ein
gemeinsames Zoll- und Handelsgebiet bilde, daß
aberdieHansestädtemiteinemdemZweck entsprechen-
den Teile ihres Gebietes als Freihäfen außerhalb
der gemeinschaftlichen Zollgrenze bleiben sollten, bis
sie ihren Einschluß in dieselbe beantragen würden.
Lübeck trat in den Zollverein ein, in H. aber sprach
sich wie in Bremen die überwiegende Mehrheit für
die Erhaltung der Freihafenstellung aus. Der Ein-
tritt Schleswig-Holsteins und Mecklenburgs in den
Zollverein von 1867 machte auch den Anschluß eines
Teiles des hamburgischen Gebietes notwendig,
worauf 1882 weitere Teile folgten, sodaß das Frei-
hafengebiet 1885 noch 74 likm mit 473293 Bewoh-
nern umfaßte. Für diesen Teil seines Gebietes zahlte
H. an die Bundeskasse den auf die Zollvereinsbevöl-
kerung entfallenden Kopfanteil, für die städtische und
vorstädtische Bevölkerung nebst einem Teil der Be-
wohner der Vororte, zusammen 378946 E., aber ein
Zuschlagsaversum von 5 M. pro Kopf.
Für den in der Reichsverfassung vorgesehenen
freiwilligen Eintritt der noch dem Zollgebiete an-
gehörenden Gebietsteile in dasselbe war nach der
Ansicht der Reichsregierung mit der Eröffnung der
Schutzzollpolitik der rechte Zeitpunkt gekommen, doch
war in H. der bei weitem überwiegende Teil der Be-
völkerung nicht geneigt, die großen Vorteile, welche
dem Handel und Verkehr aus der Freihafenstcllung
erwuchsen, ohne weiteres aufzugeben. Erst als die
Einziehung der zu Preußen gehörigen Unterelbe
(zwischen Holstein und Hannover) in den Zollverein
in Aussicht gestellt wurde (der Anschluß fand als-
dann 1. Jan. 1882 statt) und Preußen beim Bun-
desrat die weitere Aufnahme von Wandsbek bean-
tragt, gleichzeitig aber auch die Einziehung benach-
barter Hamburger Gebietsteile in das Zollgebiet
für notwendig erklärt hatte, begann man auch in
H. sich mit dem Gedanken des Anschlusses an das
Zollgebiet mehr zu befreunden, insbesondere da
die Erhaltung eines wenn auch sehr verkleinerten
Freihafens nicht verweigert wurde. So kam denn
die Vereinbarung vom 5. Mai 1881 zwischen H.
und dem Reiche zu stände, wonach ein bestimm-
ter Bezirk der (^tadt H. als Freihafen dauernd ver-
blieb; innerhalb dieses lediglich von außen zollamt-
lich zu bewachenden Freihafenbezirks sollte die Be-
wegung der Schiffe und Waren von jeder Zollkon-
trolle befreit und unbeschränkte Anlegung von in-
dustriellen Großbetrieben gestattet sein; jedoch soll-
ten Wohnungen in dem Freihafengebiete nur info-
weit bestehen bleiben, als es zu Betriebs- und Auf-
sichtszwecken dringend erforderlich wäre. Diefe
Vereinbarung wurde 15. Juni 1881 in der Bürger-
schaft nach langem hitzigen Redekampf mit 106 gegen
46 Stimmen angenommen; bald darauf wurde mit
den höchst umfangreichen Vorarbeiten begonnen und
zwar zunächst mit der Herstellung verschiedener Bau-
projekte, da über die Ausdehnung des zukünftigen
Freihafengebietes die Ansichten in der Bürgerschaft
sehr weit auseinandergingen. Nachdem das Reichs-
gesetz vom 16. Febr. 1882, betreffend die Ausfüh-
rung des Anschlusses H.s an das Zollgebiet, einen
Zuschuß des Reichs zu dcn Kosten der Bauten, An-
lagen, Grundstückserwerbnngcn u. s. w. biö zum
Betrage von 40 Mill. M. gewäbrt hatte, wurde
von der Bürgerschaft 21. Febr. 1883 der Gcneral-
debauungsplan genehmigt und für dessen Aus-
führung 106 Mill. M. bewilligt. Dieser Plan hat
bereits während seiner Ausführung wesentliche Er-
weiterungen erfahren, sodaß die Gesamtkosten des-