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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Handel
Sporn ihres eigenen Interesses handeln. Außerdem
aber machen sie es den Produzenten möglich, mit
einem geringern Betriebskapital auszukommen,
weil sie eben die Waren kaufen, bevor noch die
eigentlichen Konsumenten derselben aufgefunden!
sind. Das im H. thätige Betriebskapital dient so
zur Ergänzung desjenigen der Produzenten, wie
denn überhaupt der Kapitalfaktor gegenüber der
Arbeit im H. eine größere Rolle spielt als bei den
eigentlich produktiven Gewerben. Im ganzen wird
übrigens der H. aus seinem Kapital keinen wesent-
lich höhern Gewinnsatz erzielen als die Produzenten
aus dem ihrigen, da der Wettbewerb zwischen den
beiden Kapitalverwendungen beträchtliche Unter-
schiede rasch ausgleichen würde. Für die Konsu-
menten bietet der H. die Möglichkeit, sich zu jeder
Zeit auf die bequemste Art in beliebiger Menge und
mit einer großen Auswahl hinsichtlich der Beschaffen-
heit mit allen Bedarfsgegenständen zu versorgen.
Im allgemeinen wird dabei der Warenpreis für die
Konsumenten nicht über denjenigen hinaus ge-
steigert, den die Produzenten von ihnen verlangen
müßten, wenn sie mit längerm Zinsverlust und be-
sondern Kosten die Versorgung der Konsumenten
selbst übernehmen wollten, wobei noch in Betracht
käme, daß dann die Produktion wegen der Schwie-
rigkeit und Unsicherheit des Absatzes sich in weit
engern Grenzen halten müßte, als es jetzt der Fall
zu sein braucht. Von allgemeiner kultureller Be-
deutung endlich ist derH. insofern, als er in seinem
streben nach Vermehrung der Absatzgelegenheit
auch die fernsten, insbesondere die der Kultur noch
nicht erschlossenen Länder in seinen Bereich zieht,
dort der Civilisation Eingang verschafft und über-
haupt eine wirtschaftliche Allnäherung und einen
sriedlichen Wettbewerb aller Völker herbeiführt.
Eine große Rolle fpielt im H. die Speku-
lation. Sie hat die Aufgabe, mittels einer
Wahrscheinlichkcitsschätzung der zukünftigen Markt-
verhältnisse dem Spekulanten möglichst vorteilhaste
Lieferungsgeschäfte für spätere Termine (s. Termin-
geschäfte) zu ermöglichen. Es ist also unmittelbar
nur das eigene Interesse des Spekulanten maß-
gebend; thatsächlich wird aber dadurch im allge-
meinen, wenigstens im Warenhandel, eine Zeitliche
Verteilung der Zufuhr zu Wege gebracht, welche
den Bedürfnissen der Gesamtheit am meisten ent-
spricht. Wenn irgend ein Produkt etwa infolge einer
ungewöhnlich reichen Ernte auf einen niedrigen
Preis sinkt, so wird es von spekulierenden Kauf-
leuten aufgekauft und zurückgehalten, und diefe
Vorräte kommen bei einem etwaigen spätern un-
günstigen Erntcausfall den Konsumenten sehr zu
statten, wenn auch die zeitweiligen Inhaber der Vor-
räte eincn beträchtlichen Preisaufschlag zu machen
im stände sind. Früher freilich, als die Konkurrenz
wegen der Schwierigkeit der Warenzufuhr aus grö-
ßern Entfernungen oft nur ungenügend sich ent-
wickeln konnte, fnhrte das Aufkaufen notwendiger
Lebensmittel häufig zu einer wucherifchen Ausbeu-
tung der NotlagederBevölkerung; aberjemehrderH.
seine volle Leistungsfähigkeit zu entfalte^vermochtc, !
um so mehr wurden die Übeln Folgen der Spekulation !
durch ihre günstige Wirkung auf die Marktzufuhr
überwogen. Freilich werden viele Spekulations-
geschäfte nicht mit der Absicht einer künftigen Liefe-
rung oder Abnahme effektiver Waren geschlossen,
sondern nur in der Hoffnung, durch eine der ur-
sprünglichen entgcgengcjclUc Operation einon Diffe-
renzgewinn zu erzielen (s. Disferenzgeschäfte). Solcke
Spielgeschäfte sind allerdings an sich ohne volks-
wirtschaftlichen Nutzen und häufig soc^ar geradezu
verwerflich. Jedoch sind sie bei ihrem Abschluß von
den reellen Lieferungsgeschäften äußerlich gar nicht
zu unterscheiden; nicht selten geht ein Geschäft der
einen Art, ohne daß es ursprünglich beabsichtigt
war, in die andere über, und der Markt hat von
den nur auf Differeuzen ausgehenden Spekulanten
höchstens den Vorteil, daß für alle Zeitgeschäfte
Angebot und Nachfrage stets in größerer Aus-
dehnung vorhanden ist. Im Effektenhandel nimmt
die Spekulation einen noch weit größern Raum ein
als im Warenhandel, und auf diefem Gebiete tritt
sie besonders häufig mit dem Charakter eines bloßen
Spiels auf. Sie leistet auch als solches durch Er-
weiterung des Marktes wohl einige Dienste, im
ganzen aber ist sie doch als ein übel zu betrachten.
III. Geschichte des Handels. Das Bedürfnis nach
einem durch den ß. zu vermittelnden Güteraustausch
warim Alt ertum verhältnismäßig gering; nament-
lich derVinnenhandel konnte bei den primitivenvolks-
wirtschaftlichen Zuständen der einzelnen Länder eine
größere Bedeutung nicht gewinnen. Günstiger waren
die Vorbedingungen für den Außenhandel. Viele
den fremden Nationen eigentümliche Erzeugnisse
wurden im Inlande als Luxusartikel angesehen, die
von den Wohlhabenden teuer bezahlt wurden und
wegen ihres hohen specifischen Werts den schwie-
rigen Transport aus großen Entfernungen noch
lohnend machten. Dabei bot die Schiffahrt gegen-
über dem beschwerlichen Landverkehr ganz besondere
Vorzüge, welche sich noch steigerten, als im Laufe
der Zeit auch Massenartikel (Getreide u. s. w.),
deren Beförderung dem mit Karawanen betriebe-
nen Landhandel nur in geringem Maße oder gar
nicht möglich war, Gegenstand des auswärtigen H.
wurden. So konzentrierte sich der H. der Alten
Welt naturgemäß um das Mittelmeer, das nach
seiner ganzen Gestaltung auch bei einer noch un-
vollkommenen Schiffahrtstechnik eine verhältnis-
mäßig bequeme Verbindung zwifchen seinen reichen
Uferla'ndern darbot. Die Phönizier, die Karthager
nnd später die Griechen traten hier als bedeutende
Handelsnationcn auf, und ihre zahlreichen Kolo-
nien bildeten bald ein System von Märkten, das
die wirtschaftliche Erschließung des ganzen bekannten
Abendlandes anbahnte. Nachdem Rom die Welt-
herrschast erlangt hatte, wurde es auch zu einem
Mittelpunkt des H., allerdings nicht durch seine
eigene wirtschaftliche Energie, sondern wegen des in
seinen Mauern vereinigten Luxus und Reichtums
und seiner zahlreichen Bevölkerung, indem es ver-
mittelst des Seehandels die unterworfenen Pro-
vinzen zur Befriedigung des heimischen Bedarfs
heranzog. Mit dem allmählichen Verfall des West-
römifchen Reichs wurde dieser Handelsverkehr fast
völlig vernichtet. In der Osthälfte des Reichs da-
gegen dauerten die Beziehungen zu den asiat. Völ-
kern fort und gewannen im Laufe der Zeit sogar er-
heblich an Ausdehnung.
In der That behauptete während der ersten Hälfte
des Mittel alters Konstantinopel als Welthan-
dclsplatz die erste Stelle, indem sich hier der gegen-
seitige Verkehr des Morgen- und Abendlandes ver-
einigte. Neben das Byzantinische Reich traten seit
dem 7. Jahrh, als Handelsvolk die Araber. In-
dem sie erobernd nach Nordafrika und Spanien vor-
drangen, wußten sie gleichzeitig das gewerbliche