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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Hauser (Kaspar)
berühmten Findlings. Die Persönlichkeit tauchte
querst in Nürnberg 26. Mai 1828 auf. Anscheinend
ein Burfche von 16 bis 18 Jahren, trug er einen
Brief mit der Adresse des Rittmeisters der 4. Es-
tadron des 6. Chevaulegerregiments (von Wesse-
nig) in Nürnberg in der Hand, dessen Wohnung er
wissen wollte. Zu diesem geführt und von dem-
felben der Polizeiwache überwiesen, gab der Unbe-
kannte hier auf alle an ihn über seine Herkunft ge-
richteten Fragen keine weitere Antwort, als "das
weih ich nicht" oder "ich will ein Reiter werden".
Doch unterzeichnete er feinen Namen unter dem Ver-
nehmungsprotokoll, zeigte überhaupt, daß er im
Schreiben wie imLesen Elementarunterricht genossen
hatte. Seine Fähigkeit zu sprechen dagegen war,
wenigstens in der ersten Zeit, auf wenige Worte
und Sätze in oberbayr. Mundart beschränkt. Im
übrigen war sein Körperbau gesund und ebenmäßig
entwickelt, seine Haut weiß und fein, seine Glieder,
' zumal seine Füße, auffällig zart gebaut. In dem
mitgebrachten Briefe, datiert "von der bayerschen
Hränz, daß Ort ist unbenannt, 1828", teilte der
Schreiber, der sich für einen armen Tagelöhner
usgab, dem Rittmeister mit, der Knabe fei ihm
i. Okt. 1812 "gelegt" worden, er habe ihn auferzo-
gen, jedoch feit 1812 keinen Schritt vor die Thür
gelassen; Lesen, Schreiben und Christentum habe
der Knabe gelernt, derselbe wolle Reiter werden,
^n dem Briefe lag ein ersichtlich sür eine Mystifika-
tion zurechtgemachter, wie von der Mutter geschrie-
bener Zettel, in welchem es hieß, sie sei ein armes
Mägdelein, geboren sei der Knabe 30. April 1812,
sein Name sei Kaspar, sein Vater, ein Chevauleger
vom 6. Regiment, sei tot. H. wurde zunächst vom
Magistrat in Nürnberg als Findling übernommen
und, nachdem eine öffentliche Bekanntmachung be-
hufs Ermittelung der Persönlichkeit keinerlei Auf-
klärung gebracht, auf Kosten der Stadt dem Pro-
fessor G. Fr. Daumer zur Lehre und Pflege über-
geben. Was H. über die Vorgeschichte seines Lebens
erzählte und später in einer Art von Selbstbiogra-
phie niederschrieb, enthielt im wesentlichen immer
nur die Angabe, er habe, solange er denken könne,
stets allein in einem dunkeln Behältnis gesessen,
nur mit einem Hemd und einer Hose betleidet, habe
stets morgens beim Erwachen Brot und einen Krug
Wasser vorgefunden: wer ihn bekleidet, gereinigt,
ernährt, wisse er nicht. Kurze Zeit vor der Weg-
führung nach Nürnberg fei ein Mann, dessen An-
gesicht er aber nicht gesehen, bei ihm erschienen,
habe, hinter ihm stehend, ihn durch Führung der
Hand im Schreiben unterrichtet, ihn dann in einer
Nacht herausgetragen, auf die Füße gestellt, ihn mit
den Sachen, die er bei seinem Erscheinen in Nürn-
berg auf dem Leibe trug, bekleidet, ihn bis in die
Nähe der Stadt begleitet und ihn hier mit dem
Briefe an von Wessenig entlassen. Diese an innern
Unwahrscheinlichkeiten überreiche, bald von den
wundergläubigen Zeitgenossen phantastisch weiter
ausgeschmückte Erzählung wurde in den Jahren der
Romantik die Quelle einer umfangreichen Mythen-
bildung. Das Interesse des ganzen gebildeten Europa
heftete sich an den merkwürdigen Findling, und alles
wurde aufgeboten, um das Rätsel dieser Persönlich-
keit und des, wie man ohne weiteres annatnn, an
ihm verübten Verbrechens zu ergründen. Daß H.
von vornehmer Abkunft, vielleicht ein beiseite ge-
schafftes Fürstenkind, vielleicht der natürliche Solm
eines hohen kath. Prälaten, war die gewöhnliche
Annahme. Doch fehlte es auch nicht an Zweiflern,
die in allem nur einen von H. selbst gespielten Be-
trug erblicken wollten.
Die spätere Bildungsgeschichte H.s ist dadurch
psychologisch bemerkenswert, daß die ursprüngliche
Wißbegierde, das erstaunliche Gedächtnis und die
ungewöhnliche Schärfe und Reizbarkeit feiner Sinne,
die ihn anfangs auszuzeichnen schienen, in demselben
Grade abnahmen, in welchem sich der Kreis feiner
Kenntnisse erweiterte, wogegen dre Neigung zur Lüge
und Verstellung immer ersichtlicher zunahm. Die
ganze geistige Entwicklungsfähigkeit H.s blieb eine
eng begrenzte. Am 17. Okt. 1829 wurde H. im
Keller des Daumerschen Hauses aus einer leichten
Schnittwunde an der Stirn blutend vorgefunden;
er wollte, während er sich auf dem Abort befand,
von einem Unbekannten mit fchwarz verhülltem
Gesicht überfallen und niedergeschlagen worden sein.
Alle von den Kriminalbehörden sofort in Bewegung
gefetzten Nachforfckungen blieben fruchtlos. H. wurde
von Daumer entfernt und in das Haus des Kauf-
manns Biberbach in Nürnberg gebracht. Hier lernte
ihn Lord Stanhope kennen, der ihn zu adoptieren
vorhatte, ihn erst nach Ungarn, wo man auf Grund
von Denunziationen, Träumen und Spraä)erinne-
rungen seine Eltern vermutete, auf Reifen schickte,
dann aber bald in seiner Zuneigung für H. wieder
erkaltete und ihn dem Lehrer Meyer in Ansbach zur
weitern Ausbildung überließ. Unter der Oberauf-
sicht des Präsidenten von Feuerbach und des Gen-
darmerielieutenants Hickel wurde H. hier mit gericht-
lichen Schreibarbeiten beschäftigt und wäre ver-
mutlich bald der Vergessenheit anheimgefallen, hätte
nicht fein plötzlicher Tod ihn wieder zum Mittelpunkt
allgemeinster Aufmerksamkeit gemacht. Am 14. Dez.
1833 kam H. mit einer tiefen Stichwunde in der
linken Brusthälfte nach Haufe gelaufen und erzählte,
ein Fremder habe ihn im Flur des Appellations-
gerichts auf den Nachmittag in den Schloßgarten
bestellt, ihn dort beifeite gelockt und meuchlings töd-
lich verwundet. Drei Tage darauf, 17. Dez. 1833,
starb H. an den Folgen der Verwundung. Die hier-
über von neuem eingeleitete Kriminalunterfuchung
mußte ergebnislos 11. Sept. 1831 wieder eingestellt
werden. Die Möglichkeit eines Selbstmords erschien
indessen nicht nur nicht ausgeschlosseil, sondern aus
psvchol. und mediz. Gründen sogar wahrscheinlich, so-
daß selbst das Untersuchungsgericht in seinen an die
oberste Iustizstelle in München erstatteten Berichten
die Annahme der Selbstverwundung für begründe-
ter hielt als die eines Attentats. Ein Dolckmeffer,
welches in jeglicher Beziehung geeignet war, die Ver-
wundung zu bewerkstelligen, wurde mehrere Jahre
nach dem Tode H.s im Gebüsch des (^chloßgartens
in der Nähe des dem Findling mit der Aufschrift
"Hic occultnä oeculto occi8U8 68t" gesetzten Denk-
mals aufgefunden. Die wirkliche Herkunft H.s ist bis
zur Gegenwart unaufgeklärt geblieben. Allem Ver-
muten nach wurde H. in einem Pfarrdorf Altbayerns
von seinem natürlichen Vater im Verborgenen auf-
gezogen, mit der Zeit aber wurde der Junge zu groß,
daß man ihn länger vor der Welt hätte verborgen
halten können. Deshalb fchaffte ihn fein Vater nach
Nürnberg in der Hoffnung, daß er dort beim Mili-
tär unterkomme. Statt dessen fiel er der Polizei in
die Hände und wurde durch vielfaches Experimen-
tieren, das phantastische Leute mit ihm anstellten,
allmählich in die Rolle hineingebracht, die er später
fast unfreiwillig weiter fpielte.
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