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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Histologie
gewebe, eine solche von Knorpelzellen als Knorpel-
gewebe u.s.w. Alle Zellen eines solchen Gewebes
haben im allgemeinen eine gleiche, aber ganz cha-
rakteristische Form, die für ihre jedesmalige Funk-
tion besonders zweckmäßig erscheint; sie sind unter-
einander durch sog.Intercellnl ar-(Kitt-) Sub-
stanz en fest verbunden, sodaß sie auch äußerlich ein
einheitliches Ganzes bilden. Indessen giebt es auch
einige Gewebe, auf welche die gegebene Definition
insofern nicht paßt, als bei ihnen die verbindende
Kittmasse wegfällt und an ihre Stelle eine Flüssigkeit
tritt,in welcher dann die Gewebezellen isoliert umher-
schwimmen. Zu derartigen Geweben würden, wenn
man den Namen Gewebe beibehalten will, z. B.
Blut und Lymphe des Tierkörpers zu rechnen sein.
Daß bei niedern Tieren, wo die einzelnen Funk-
tionen des Lebens noch nicht so scharf voneinander
getrennt sind, auch die Gewebe noch nicht die aus-
gesprochen specifische Ausbildung erlangt haben wie
bei den höchst organisierten Klassen, ist selbstverständ-
lich (s. Zelle,zoolog.). So kommt es auch, daß man die
typischen Formen der Gewebe am deutlichsten bei den
letztgenannten Tieren, d. h. bei den Säugetieren und
dem Menschen findet, bei welch letzterm sie auch von
seiten der Anatomen und Arzte zuerst genauer unter-
sucht wurden. Ursprünglich ein Zweig der beschrei-
benden Anatomie, entwickelte sich das Studium der
Struktur der Gewebe allmählich zu einer selbstän-
digen Wissenschaft, der fog. mikroskopischen
Anatomie, Geweblehre oder H., mit deren Em-
porblühen die Namen Henle, Gerlach, Hensen,
Virchow, Mar Schultze, Kölliker, Remak, Waldeyer,
Beale, Carpenter, Ranvier u. s. w. untrennbar
verknüpft sind. Erst später ging man auch dazu über,
den Bau der Gewebe in den einzelnen, verschieden
hoch organisierten Tierklassen zu vergleichen und da-
durch weitere Aufschlüsse über den p'hysiol. Wert des
Ganzen sowie der einzelnen Gewebebestandteile zu
gewinnen; es entstand als Gegenstück zu der ver-
gleichenden Anatomie die vergleichende H., die,
wie die erstere in der Entwicklungsgeschichte des
Einzeltiers (der Ontogenie), in der Lehre von der
Entwicklung der Gewebe, der Histogenese, eine
weitere Stütze fand. Zu den Hauptförderern dieser
letztgenannten Wissenschaften gehören namentlich
Joh. Müller, Leydig, von Siebold, Max Schultze,
F. E. Schulze, Vütschli, die beiden Hertwig u. a.
Die einzelnen Gewebe treten im Körper der Tiere
nur selten isoliert auf; meist verbinden sich mehrere
derselben zu einem Ganzen höherer Ordnung, das
dann, einer besondern physiol. odermechan. Funktion
dienend, als Organ (s. d.) bezeichnet wird. Gegenwär-
tig unterscheidet man gewöhnlich folgende Gewebe:
1) Epithel- oder Öberhautgewebe, welches
fast alle innern Höhlungen des Körpers auskleidet,
vor allem aber die Oberstäche desselben überzieht
(s. Haut). Es repräsentiert bei niedern Tieren eine
einfache Zellenlage, die vielfach nach außen eine
festere, chitinige oder gar kalkige Masse als Kuti-
kularbildung absondert (Insektenpanzer, Muschel-
schalen); bei den Wirbeltieren ist es mehrfach ge-
schichtet und verhornt nach außen allmählich; Nägel,
Haare, Federn u. s. w. sind Produkte des Oberhaut-
gewebes. 2) Nervengewebe bildet den wesent-
lichen Bestandteil des Nervensystems der Tiere
(s. Nerven). Man unterscheidet bei ihm zwei verschie-
dene Elemente: Zellen (Ganglienzellen), welche von
außen kommende Reize verarbeiten, und Fasern
(Nervenfasern), welche von den Zellen gegebene Im-
pulse fortleiten und andern Zellen übermitteln.
3) Muskelgewebe besorgt die Bewegungsleistung
des Organismus. Die Muskelgewebe sind meist
lang gestreckt (daher der Name Muskelfasern)
und in hohem Grade kontraktil. Bei vielen niedern
Tieren sowie bei den sog. unwillkürlichen Muskeln
der Wirbeltiere sind die Muskelgewebe glatt, es
sind mehr oder weniger lange spindelförmige ela-
stische Fasern; eine erhöhte Kontrattionsfähigkeit
besitzen die Muskelgewebe der Insekten und Krebse
sowie die sog. willkürlichen Muskelgewebe der
Wirbeltiere, deren Substanz in eine ganze Anzahl
hintereinander gelegener feiner Scheibchen zerfällt
(quergestreiftes Muskelgewebe). Eine
Mittelstellung nehmen die Muskelgewebe der Spul-
würmer und Blutegel ein, bei denen ein kontraktiler
Mantel eine weniger kontraktile Innenmasse um-
giebt(Muskelröhren). 4) Drüsengewebe wird
gebildet von meist großen, plasmareichen, mit Blut-
gefäßen in Verbindung stehenden Zellen, welche
aus dem Blute gewisse Stoffe entnehmen und diese
als Sekrete nach außen abgeben (s. Drüsen). Bei
den niedern Tieren übernimmt vielfach die einzelne
Drüsenzelle die Funktion der Drüsengewebe (ein-
zellige Drüsengewebe), bei den höhern Tieren
gruppieren sich die Drüsengewebe zu schlauch- oder
traubenähnlichenGebilden (mehrzellig eDrüsen-
gewebe). Ein sehr wechselndes Aussehen besitzen
die Gewebe der Vindesubstanz. 5) Das ge-
wöhnliche Bindegewebe besteht aus sehr ver-
schieden geformten Zellen, die große Festigkeit be-
sitzen und durch Ausläufer in eine innige gegen-
seitige Verbindung treten. Bindegewebe findet sich
überall im Tierkörper, wo es sich um Festigung
anderer Gewebe und ihrer Elemente oder Schutz
derselben gegen äußere Insulten handelt. So um-
hüllt Bindegewebe die Elemente der Nervengewebe
und verbindet dieselben zu soliden Strängen (Ner-
ven) , es umhüllt und verbindet die Muskelfasern
zu einem einheitlichen Ganzen (den Muskeln), es
stützt und verbindet die Zellen des Drüsengewebes
zu Drüsen u. s. w. Besondere Modifikationen des
Bindegewebes sind Sehnen- und Fettgewebe.
Zu den Geweben der Vindesubstanz gehören auch
das fast nur bei Wirbeltieren vorkommende 6) Knor -
pelgewebe, dessen Zellen durch eine fast durch-
sichtige, aber ziemlich feste elastische Zwischensubstanz
verbunden sind (s. Knorpel), und das nur den
höhern Wirbeltieren eigentümliche 7) Knoch en-
ge webe, bei welchem die Grundsubstanz durch Auf-
nahme von Kaltfalzen eine ungemeine Festigkeit er-
langt (s. Knochen).
Manche Gewebe können sich, wenn sie Verletzungen
erlitten haben, wieder ersetzen (regenerieren); durch
eine besondere Fähigkeit derRegeneration(s.d.) zeich-
nen sich vieleniedere Tiere (Polypen, Würmer), unter
den Wirbeltieren besonders Amphibien und Repti-
lien aus. Bei andern wird die entstandene Lücke
nur durch neugebildetes Bindegewebe ausgefüllt.
(S. Narbe.) In Krankheiten erleiden die Gewebe
mannigfache Veränderungen; es können sich aber
durch trankhafte Vorgänge auch neue Gewebe bil-
den, die mit normalem Gewebe mehr oder weniger
Ähnlichkeit haben. Ebenso sprechen sich Erkrankungen
von Organismen auch in einer krankhaften Be-
schaffenheit der Farbe aus. Die Lehre von solchen
Umänderungen der Gewebe in krankhaften Zustän-
den , die path ologische H., ist eine verhältnis-
mäßig junge Wissenschaft, als deren hervorragendste