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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Höhere Gewalt - Höhere Schulen
Höhere Gewalt (lat. vis ma^or; frz. korcs ma.-
^6111-6), ein außergewöhnlicher Zufall, für den der-
jenige nicht haftet, dem fönst die Gesetze einem andern
gegenüber die Haftung für den Zufall (f. Gefahr,
Bd. 7, S. 641) auferlegen. Das Außergewöhnliche
kann darin feinen Grund haben, daß eine Abwehr
des gewaltsamen Ereignisses überhaupt die Kräfte
eines einzelnen übersteigt (Naturereignisse wie Erd-
beben, Überschwemmung, Blitzschlag, ferner Überfall
durch Feinde, aber auch innerer Verderb einer Ware,
übermäßiger Infekten fraß, Heuschrecken); oder darin,
daß es ganz außergewöhnlicher Vorsichtsmaßregeln,
welche für einen Fall diefer Art auch von einem forg-
fältigen Menschen nicht angewendet zu werden pfle-
gen, bedürfen würde, um die Beschädigung durch
einen solchen plötzlich eingetretenen und nicht vorher-
gesehenen Zufall abzuwenden; oder darin, daß nach
der Absicht der Parteien die für den Zufall über-
nommene Haftung sich nur auf die im gewöhnlichen
Verlauf der Dinge eintretenden Zufälle erstreckte.
Die H. G. übt ihren Einfluß, wenn dadurch die
Wahrung gesetzlicher oder verabredeter Fristen ver-
hindert wurde: die Anspruchsverjährung (s. d.) ist
gehemmt, folange der Berechtigte durch Stillstand
der Rechtspflege an der Rechtsverfolgung gehindert
ist; nach dem Deutschen Entwurf, fofern diefe Ver-
hinderung innerhalb der letzten sechs Monate der
Verjährungsfrist stattgefunden hat. Das Gleiche foll
gelten, wenn in anderer Weise durch H. G. solche
Verhinderung herbeigeführt wird. Vgl. auch Gesetz
über die Nationalität der Kauffahrteifchiffe vom
25. Okt. 1867, §. 167. Die Deutfche Civilprozeß-
ordnung und Strafprozeßordnung gewähren Wie-
dereinfetzung (s. d.), wenn infolge von Naturereig-
nissen und andern unabwendbaren Zufällen pro-
zessuale Fristen versäumt werden. Die Spruchpraxis
läßt H. G. als Entschuldigungsgrund gelten, wenn
sie thatsächlich den Versicherungsnehmer oder dessen
Hinterbliebenen an der Vornahme der an vorbcdun-
gene Fristen gebundenen Benachrichtigung des Ver-
sicherers oder der Klageerhebung gehindert hat, so-
fern nur nach Beseitigung des Hindernisses das
Versäumte in kurzer Frist nachgeholt wurde. Die
für die Protesterhebung im Wechselrecht vorgeschrie-
bene Frist ist eine absolute; nur die Engl. Wechsel-
ordnung und das skandinav. Gesetz lassen H. G. als
Entschuldigungsgrund gelten, wenn die Präsenta-
tion verzögert wurde oder ganz unterblieb oder nicht
notiert wurde, wenn der Protest nicht rechtzeitig
erhoben bez. notifiziert wurde. Das Schweizer Obli-
gationenrecht Art. 813 spricht positiv aus, daß durch
Verjährung oder durch Nichtbeobachtung einer zur
Erhaltung des Wechselrechts vorgeschriebenen Frist
oder Formalität die wechselrechtlichen Verbindlich-
keiten aus dem Wechsel selbst dann erlöschen, wenn
die Verjährung oder Versäumnis durch H. G. herbei-
geführt worden ist. Sofern ein gesetzlicher Anspruch
auf Entschädigung wegen Verletzung im Gewerbe-
betrieb begründet ist (f. Hastpstichtgesetze), wird der
Beklagte mit dem Einwand gehört, daß der Unfall
durch H. G. verurfacht ist.
In Vertragsverhältnissen ist H. G. Befreiungs-
grund von einer sonst begründeten Verpflichtung
unter andern bei der Pacht (f. d. und Miete), der
Werkverdingung (s. d.), dem Frachtvertrag (s. d.), der
Haftung des Gastwirts (s. Delikt, Bd. 4, S. 905).
Eine entsprechende Bestimmung findet sich in dem
Deutschen Postgefetz vom 28. Okt. 1881, §. 11, und
in dem übereinkommen über den internationalen
Frachtverkehr vom 14. Okt. 1890, Art. 5,18,30. Nach
dem Schweizer Obligationenreckt Art. 181 kann die
Konventionalstrafe nicht gefordert werden, wenn die
Erfüllung des Vertrags durch einen in der Perfon
des Gläubigers eingetretenen Zufall oder durch H.G.
unmöglich geworden ist. Selbstverständlich ist es,
daß soweit der Zufall überhaupt ohne Bedeutung
für die Verpflichtung eines Kontrahenten ist, auch
die H. G. nicht in Frage kommen kann. So bei
Gattungsobligationen, wenn die H. G. nicht die
ganze Gattung (s. d.) trifft. Das ist wichtig bei der
Beurteilung der Wirkungen eines Ausfuhrverbotes.
Bloße Erfchwerung der Lieferung, wie eine plötzlich
eingetretene Zollerhöhung, lassen sich nicht unter den
Gesichtspunkt der H. G. ziehen. Hier kommt die recht-
liche Wirkung Veränderter Umstände (s. d.) in Frage.
- Vgl. Gerth, Der Begriff der vig m^or im röm.
und Reichsiecht (Berl. 1890). ftiefchulen.
Höherer Artilleriekurs zu Wien, s.Artille-
^ Höhere Schulen, in Österreich-Ungarn und in
einzelnen deutschen Staaten, wie in Baden, auch
Mittelschulen genannt, Lehranstalten, die sich
von den niedern Schulen (Volksschulen und Ele-
mentarschulen) durch den Zweck eines über das Maß
der Volksschulen hinausgehenden Unterrichts, von
den Universitäten und den andern Hochschulen
durch den vorbereitenden Charakter ihrer Unter-
weisung, von den Fachschulen durch das Ziel einer
allgemeinen geistigen Bildung scheiden. - Die
älteste und ursprünglich einzige Form der H. S. sind
die Gymnasien (f. Gymnasium). Neben ihnen
haben sich seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrh,
die Realschulen (s. d.) entwickelt, die den Realien
einen breitern Spielraum gewährten, die griech.
Sprache zu Gunsten der neuern fallen und im
Lateinischen eine Beschränkung eintreten liehen.
Aus ihnen sind die Realgymnasien (s. d.) und
die Oberrealschulen (s.d.) hervorgegangen, von
denen die letztern das Lateinische ganz aus dem
Lehrplan entfernt haben. Abgekürzt ist die Schul-
zeit in den Höhern Bürgerfchulen (f. Bürger-
schulen), die je nach den Verhältnissen lat. Unter-
richt erteilen oder nicht (lateinlose Bürgerschulen,
auch Realschulen zweiter Ordnung oder schlechtweg
Realschulen genannt). Neben den vollen Gymnasien
und Realgymnasien bestehen noch unvollständig ein-
gerichtete, denen 1 - 2 Klassen fehlen: Progym-
nafienund Prorealgymnasien. EinzelneH.S.
haben noch besondere Bezeichnungen, wie Lyceum,
Pädagogium, Ritterakademie, Fürstenschule, Lcm-
desschule, Klosterschule, Domschule u. s. w.; diese
Namen enthalten bisweilen eine Andeutung über
die Entstehung der Schulen, eine begriffliche Be-
deutung haben sie nicht mehr. Über die Zahl der
H. S. im Deutfchen Reiche f.Deutfchland und Deut-
fches Reich (Bd. 5, S. 156 d). - Zu den H. S. für
die männliche Jugend sind in neuerer Zeit noch
Mädchen-(Töchter-)Schulen hinzugetreten, die
nach Lehrplan, Ausstattung, Bildung ihrer Lehr-
kräfte und Art ihrer Arbeit als H. S. zu bezeichnen
sind und in einzelnen deutschen Staaten eine staat-
liche Organisation erhalten haben, in andern, wie
in Preußen, einer solchen zur Zeit noch entbehren.
Auch zwei (private) Mädchengymnasien (s. d.)
bestehen seit 1893 (in Karlsruhe und Berlin). -
Über die franz. H. S. s. Frankreich (Bd. 7, S. 75);
über die englischen f. Englisches Schul- und Uni-
versitätswesen, sowie Großbritannien und Irland
(Bd. 8, S.419d).