Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

405
Hugo (Victor Marie)
nicht aufführbar waren, so war das nur ein geringer
Erfolg der Romantik. Anders in der Lyrik, für sie
eroberten die "0ri6ut9.i68" nene Stoffe, Formen und
Rhythmen; hier wurde die Sprache ihrer Schätze an
Fülle, Klang, Farbe und Kraft zum erstenmal wirk-
lich bewußt und in den Stand gesetzt, starken
Empfindungen und feurigem Aufschwung gerecht zu
werden. Freilich fehlte diesen orientalisch aufgeputzten
Poesien die selbsterlebte Wahrheit. Diese besitzen die
"?6ui1i68 ä'a.utomn6" (1831), die in tiefempfundenen
Liedern die Poesie des Hauses und der Familie ver-
künden. Gleichzeitig hatte H., nachdem er vergeblich
versucht, sein Drama "Nai-ion O6i0rm6" zur Auf-
führung zu bringen, am 26. Febr. 1830 mit "llEi-nHQi
on I'lioiiiikui' caLtiiian" im ^Iisktrk trg.nh2.i8 die
Probe bestanden. Es war zur offenen Schlacht zwi-
schen den Parteien im Publikum gekommen, aber
die Romantiker glaubten gesiegt zu haben. Es
folgten dann die Dramen "1^6 roi 8'amu36" (1832),
nach der ersten Aufführung verboten, "I,ucr6c6
Loi^ia" (1833), "Nai-iL ^uäor" (1833), "^nFsio"
(1835), "Kii7-L1a,8" (1838). Entfernt H. sich hier
von der klassischen Bühne durch Nichtbeachtung der
Einheiten, freie Behandlung des Alexandriners, ge-
linde Beimischung des Komischen, so steht er ihr nahe
durch sein deklamatorisches Pathos. Seine Stücke
sind mehr lyrisch als dramatisch, ohne vernünftige
Handlung mit nur im Umriß gezeichneten Gestalten.
H. liebt auch im Drama die Antithese des Häßlichen
und Schönen, die Erhebung Gesunkener durch ein
reines Gefühl darzustellen. Seine Dramen sind reich
an einzelnen wirkungsvollen Scenen und prächtigen
lyrischen Stellen, sie haben aber kein dauerndes
Leben auf der Bühne gewinnen können und sind
auch ohne Nachfolge geblieben. Nur "Hsi-naui" hat
auch in der neuern Zeit (1867,1878) auf der Bühne
sich wirksam erwiesen. Von den spätern Stücken ist
"Iw^-Via.8" nicht frei von polit. Tendenz, und die
Trilogie "1^68 LurZi-kv68" (1843), die bei der
ersten Aufführung durchsiel, eine so auf die Spitze
getriebene Durchführung seiner dramat. Ideen,
daß sie wohl als Selbstparodie des Dichters gel-
ten könnte. Erst in hohem Alter hat H. wieder
ein Drama veröffentlicht: "I'orhußmaäa." (1882),
ein religiös-polit. Tendenzstück gegen den Fanatis-
mus. Kaum war H. mit "llei-iiaiii" zur Anerkennung
als Dramatiker durch gedrungen, als er durch seinen
Roman "^oti-6-I)Hiii6 äs I>3.ri8" (1831) eine neue
l^eite seiner Begabung offenbarte und in dem Rah-
men einer spannenden, durch ungeheuerliche Gegen-
sätze wirkenden Erzählung ein buntes, lebendiges,
mit einer Fülle, freilich nicht immer zuverlässigen,
archäol. Wissens ausgestattetes Bild zeichnete, in
dessen Mitte sich die ehrwürdige Kathedrale gleich-
sam als die Heldin des Romans erhebt.
Nach den Iulitagen sind die religiösen und polit.
Stimmungen H.s andere geworden. Seine frühere
königstreue und kath. Gesinnung ist verschwunden, in
den "(Ha,ut8 äu oi-6pu8oui6" (1835), die überwie-
gend politisch sind, äußert sich eine auf fociale Sym-
pathien begründete, wenn auch loyale monarchische
Opposition. In den "Voix int6i-i6ur68" (1837) treten
religiöse Zweifel hervor, auch in "1^68 r^0Q8 6t 163
omdi'68" (1840) finden sich derartige Stimmungen.
Aber, obgleich H. in diesem Zeitraum durch seine
poet. Verherrlichung Napoleons auch nicht wenig
zur Ausbildung der Napoleonischen Partei und
Legende beigetragen hat, nahm er im ganzen eine
freundliche Miene gegen die Monarchie Ludwig Phi-
lipps an. So wurde er im April 1845 zum Pair
von Frankreich ernannt. 1841 hatte sich die Akade-
mie verstanden, das Haupt der Romantiker aufzu-
nehmen. Nach dem Sturz des Iulikönigtums wurde
H. in die Konstituierende Versammlung gewählt. Er
zählte sich erst zur Ordnungspartei und beging dann
die äußerliche Inkonsequenz, plötzlich zur äußersten
Linken überzuspringen. Seiner innern Natur nach
handelte er vielleicht konsequent; er war Gefühls-
politiker und hatte sich schon längst infolge im Ge-
müte wurzelnder Neigungen für Voltsfreiheit, Volks-
souveränität und für die Religion der Humanität
begeistert. Schon in seinem Seelengemälde "1^6 ä6r-
ni6r ^our ä'im couäamiiH " (1829) hatte er gegen
die Todesstrafe plädiert. Die polit. Ereignisse der
folgenden Jahre machten ihn zu einem immer ent-
schiedenern Anhänger demokratischer und socialpolit.
Ideale, die denn auch in den größern Werken seiner
letzten 30 Jahre durchaus in den Vordergrund tre-
ten. Die Ironie der Weltgeschichte wollte es, daß der
Mann, der unter Ludwig Philipp die Napoleonische
Legende am meisten gehegt hatte, ein erbitterter
Widersacher Louis Napoleons werden sollte. Nach
dem Staatsstreich (2. Dez. 1851) wurde H.s Name
auf die Proskriptionsliste gesetzt. H. flüchtete nach
Belgien, dann auf die Infel Ierfey und nahm schließ-
lich seinen Wohnsitz auf Guernsey, dem "Felsen",
wo er sich ein fürstliches Haus (Haut6vi1i6-Il0U36)
baute und es ablehnte, von der Amnestie vom
15. Aug. 1859 Gebrauch zu machen. Aus der Ver-
bannung schleuderte er das mit aller Bitterkeit
durchtränkte Pamphlet "^apoieon 16 ?6tit" (Brüss.
1852) und bis zur Unvernunft leidenschaftliche Ge-
dichte: "1.68 c^tiin6nt8" (Brüss. 1852), gegen Na-
poleon III. Eine reife Leistung aus dieser Zeit ist
die Sammlung "1.68 c0Qt6inMti0Q8" (2Bde.,1856
-57), deren Gedichte meist dem eigenen Leben ent-
nommen sind, innig und warm, schlicht und wahr-
haftig, ohne gesuchte Antithesen und pomphafte Ver-
gleiche. Darauf folgten noch "(HHQ80U8 ä68 ru63 6t
ä68 doi8" (1865), ein Erzeugnis sonderbarer Ver-
irrungen. Eine Reihenfolge epifcher Visionen auf
geschichtlicher Grundlage stellt die "I^6^6nä6 ä68
äi6ci68" (1. Tl. 1859; 2. und 3. Tl. 1877; 4. Tl.
1883) dar, welche den Fortschritt der Menschheit
"zum Lichte" in einzelnen typischen Bildern durch
alle Zeitalter hindurch bis auf die Gegenwart ver-
folgen follte. Dann begiebt er sich in "1^68 mi86-
i'kdi63" (10 Bde., 1862), die zugleich alle glänzenden
Seiten und alle Schwächen seines poet. Denkens
und seiner Darstellung offenbaren, auf das Gebiet
des socialen Romans (vgl. Barbey d'Aurevilly, 1^63
mi86i-Hdi68 ä6 Victor II., 1862); auch "1^68 ti-a-
vHi1i6ur8 ä6 1a N6r" (3 Bde., 1866) und "I^'!i0iuin6
hui rit" (4 Bde., 1869) sind sociale Romane.
Einige Tage nach dem 4. Sept. 1870 kehrte H.
nach Paris zurück. Eine seiner ersten Handlungen
war, daß er den siegreich vorrückenden Deutschen in
einem glühenden Aufruf zumutete, umzukehren und
den gottlosen Gedanken der Belagerung einer Stadt
wie Paris aufzugeben. Bei den Wahlen 8. Febr.
1871 wurde er vom Depart. Seine in die National-
versammlung zu Bordeaux gewählt, wo er seinen
Sitz auf der äußersten Linken nahm und 8. März
seine Entlassung gab. Am 18. März, im Moment
des Ausbruchs der Commune, brachte H. die Leiche
seines plötzlich am Schlagftuß gestorbenen ältesten
Sohnes Charles Victor von Bordeaux nach Paris,
begab sich sodann nach Brüssel und trat, nachdem