Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Indische Litteratur

gadhar Tilak (A summary of the principal facts and arguments in the Orion, or researches into the antiquity of the Vedas, Poona 1892) wahrscheinlich gemacht, daß die Zeit von 4000 bis 2500 die der Entstehung der meisten Lieder des Ṛgvēda gewesen ist. Man ersieht aus dem Ṛgvēda, daß das ind. Volk, das damals vorzugsweise im westl. Indien, vor allem im Pandschab, saß, bereits auf einer sehr hohen Stufe der Kultur angelangt war. Es stand unter einer Anzahl von Königen, die offenbar eine kostspielige Hofhaltung in befestigten Städten hatten. Den Fürsten und Reichen schmeichelten die Dichter, die dafür reichlich belohnt wurden, untereinander in heftiger Konkurrenz lebten und in öffentlichem Wettstreit sich den Rang abzulaufen suchten. Gold, Kühe und Rosse werden leidenschaftlich verlangt; man frönte dem Würfelspiel, dem Trunke und dem Wettrennen; das Hetärentum war stark entwickelt und geschlechtliche Vergehen häufig. Der Ṛgvēda setzt bereits eine reich entwickelte, mannigfaltige Poesie voraus: Lieder auf Götter und Könige (gāthās), auf freigebige Fürsten und reiche Männer (nārāçaṃsī, danastuti), epische Erzählungen mit eingelegter Prosa (itihāsa), Genealogien der Götter und Menschen, eine reiche Göttersage, Lieder histor. Inhalts, Rätselfragen und Rätselsprüche u. dgl. Man ersieht aus einzelnen Brāhmaṇas und Sūtras, daß bei bestimmten festlichen Gelegenheiten der König oder ein anderer Held der Vorzeit von Lautenspielern besungen wurde, und viele dieser Lieder sind mit verhältnismäßig geringer Umänderung bis in das klassische Epos, das Mahābhārata, hinübergenommen worden und werden schon bei ihrem ersten Erscheinen als alte versus memoriales citiert. In seiner jetzigen Gestalt enthält der Ṛgvēda, vorwiegend Lieder religiösen Inhalts, die Dichtern ganz verschiedener Generationen und sehr ungleichen Talentes angehören. Eine Sammlung von Liedern, wie sie der Ṛgvēda ist, nennt man im Sanskrit Saṃhitā (Sammlung), und es ist üblich, die älteste I. L. in drei Perioden zu teilen, in Saṃhitā-, Brāhmaṇa- und Sūtraperiode. Der ersten teilt man die vier Veden zu, den Ṛgvēda, Sāmavēda, Yajurvēda (Jadschurveda) und Atharvavēda, der zweiten die dogmatisch-spekulativen Traktate, die Brāhmaṇa, der dritten die in kurzen Sätzen abgefaßten Lehrbücher, die Sūtra. Jeder Vēda wurde in einer Anzahl von Schulen studiert, die in ihren Auffassungen oft sehr erheblich voneinander abweichen und deren Anschauungen uns die Brāhmaṇa samt den Āraṇyaka und Upanishad und die Sūtra geben. Die ganze Einteilung ist jedoch nur ein Notbehelf, weil es an chronolog. Handhaben fehlt. Schon innerhalb der Saṃhitās bestehen große zeitliche Schwankungen. So tragen im allgemeinen die den Jadschurveden eigentümlichen Strophen (ṛcas) ein jüngeres Gepräge, die für sie angegebenen Verfasser jüngere Namen, als es im Ṛgvēda der Fall ist. Aber daneben erscheinen auch recht altertümliche Verse mit Verfassernamen, die auch dem Ṛgvēda angehören. Der Inhalt des Atharvavēda, den man für die jüngste Samhitā hält, ist uralt und erklärt die sprachliche Verschiedenheit vollkommen. Viele Lieder des Ṛgvēda reichen ohne Zweifel in die Zeit hinab, wo man sich bereits mit Exegese der ältern beschäftigte, und viele Upanishads gehen bis auf unser Jahrhundert zurück. Zu derselben Zeit, wo die Hymnen des Ṛgvēda entstanden, wurde gewiß auch die weltliche Dichtung geübt, wie die wenigen erhaltenen Proben, unter ihnen das herrliche Loblied auf König Parikshit im Atharvavēda, zeigen, und stets bildeten bestimmte Fürstenhöfe das Centrum der litterar. und wissenschaftlichen Bestrebungen. Auch von andern Kshatriyas wird berichtet, daß sie den Brahmanen an Kenntnissen überlegen waren, und ebenso nahmen von frühester Zeit an Frauen an der Dichtkunst und den Disputationen teil.

Die wissenschaftliche Litteratur der klassischen Zeit erwuchs unmittelbar aus der vedischen. Von früher Zeit an wurde die grammatische Forschung gepflegt. Als älteste Werke der Indischen Grammatik hat man die sog. Prātiçākhya anzusehen, Lehrbücher der Phonetik, deren zu jedem Vēda eines gehört. Das Ṛkprātiçākhya ist hg. von Regnier (3 Bde., Par. 1857-59) und von Max Müller mit deutscher Übersetzung (Lpz. 1869); das zum Sāmavēda gehörige Ṛktantravyākaraṇa von Burnell (Mangalur 1879), das Vājasanēyiprātiçākhya von Albr. Weber ("Ind. Studien", Bd. 4, Berl. 1858), das Tāittirīyaprātiçākhya von Whitney (New-Haven 1871), das Atharvavēdaprātiçākhya ebenfalls von Whitney (ebd. 1862). Die Prātiçākhya umfassen nur einen einzelnen Teil der Grammatik; noch enger ist das Gebiet der Çikshās, deren Hauptzweck ist, die Regeln für die richtige Recitation der Veden zu geben. Es sind meist junge Werke, von denen man schon 30 dem Namen nach kennt, eine Anzahl vollständig. Die Etymologie behandelte Jāska im Nirukta (hg. von Roth, Gött. 1852; und in der "Bibliotheca Indica" zugleich mit den Kommentaren des Dēvarādscha und Durga, 4 Bde., Kalkutta 1882-91), einem Kommentar zu einem Teile eines gleichnamigen ältern Werkes. Aus Jāska ersieht man, daß sich schon frühzeitig mehrere Richtungen schroff gegenüberstanden und daß es eine große Zahl grammatischer Schulen gab. Den Gipfelpunkt erreichte das grammatische Studium in dem Werke des Pāṇini, dessen Zeit allerdings noch gar nicht bestimmt ist, an das sich die Vārttika des Kātjājana oder Vararuci und der große Kommentar des Patandschali, das Mahābhāshyam oder Vyākarana-Mahābhāshyam (hg. von Kielhorn, 4 Bde., Bombay 1880-85; Bd. 1 in 2. Aufl., ebd. 1892), sowie die später zu erwähnende Kāçikā anschließen. Unbestimmt ist auch die Zeit des Bhaṭṭōdschidīkshita, des Verfassers der Siddhāntakāumudī (hg. zuletzt Bombay 1888) und des Varadarādscha, des Verfassers der Laghukāumudī (hg. von Ballantyne, 2. Aufl., Benares 1867 u. ö. in Indien). Einer andern Richtung als Pāṇini, der von Burnell (On the Aindra School of Sanskrit Grammarians, Mangalur 1875) Schule der Aindragrammatiker genannten, gehört an das Kātantram (hg. von Eggeling, Kalkutta 1874-78; unvollendet), ins 13. Jahrh. gehört Bōpadēvas Mugdhabōdha. Außerdem giebt es noch eine große Zahl von Grammatiken und Werken grammatischer Richtung, die sog. Dhātupāṭha, Gaṇapāṭha u. s. w.

Im Anschluß an die Upanishads entwickelte sich die ind. Philosophie, von der sechs Systeme als orthodox gelten (s. Indische Philosophie) und aus den Dharmasūtra die Dharmaçāstra, ursprünglich aus Prosa und Versen gemischt, dann rein in Versen geschrieben und als solche eigentlich Smṛti zu nennen. Die erste Stelle nimmt ein das Dharmaçāstra des Manu, nächst ihm das des Jadschnavalkya. Das des Nārada (die Nāradasmṛti) hat