Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Indische Litteratur

überaus reiche Litteratur dieser Art gebildet, die Çataka-Dichtung, die als eine der beliebtesten Gattungen der ind. Poesie angesehen werden muß und in der eine Fülle von Lebensweisheit und feiner Natur- und Sittenschilderungen niedergelegt ist. Einer der ältesten Verfasser eines Çatakam, d. h. einer Spruchdichtung in 100 (und oft etwas mehr) Strophen ist Bhallaṭa (hg. in der "Kāvyamālā", IV, 140 fg.), der nicht später sein kann als das 10. Jahrh. und aus Kaschmir stammte. Ganz verschiedenen Zeiten gehören die Sprüche an, die unter dem Namen des Tschānakja, des Ministers des Königs Tschandragupta (s. d.), in zahlreichen Sammlungen vereinigt worden sind (Litteratur bei Monseur, Cāṇakya, Par. 1887). Dem Tschānakja selbst dürfte keiner der Sprüche angehören; aber bereits im 7. Jahrh. war eine Sammlung unter seinem Namen bekannt, die die Pflichten des Königs behandelte. Denselben Stoff hatte sein angeblicher Schüler Kāmandaki verarbeitet; das unter seinem Namen auf uns gekommene Werk, der Kāmandakīyanītisāra (hg. in der "Bibliotheca Indica", Text, Kalkutta 1861; Kommentar, ebd. 1884), ist ebenfalls stark überarbeitet. Ihrem Inhalte nach sind die Çataka teils rein religiös, wie die des Bāṇa und Majūra, teils erotisch, wie das des Amaru, teils didaktisch, wie die Çataka des Kshēmēndra und die Tschānakja-Sammlungen, teils erotisch und didaktisch, wie Bhartṛhari, ihrer Form nach sehr mannigfach. Ein später Autor, Rāmatschandra, hat es verstanden, in seinem Rasikarañjanam (abgefaßt 1523, hg. in der "Kāvyamāla", IV, 80 fg.) die Worte so zu wählen, daß sie je nach der verschiedenen Abteilung und Interpretation sich auf Liebe oder Leidenschaftslosigkeit beziehen, ein Kunststück, das in Indien schon vor ihm beliebt und gefeiert war. Am bekanntesten ist in dieser Hinsicht das Rāghavapāṇḍavīya, dessen Verfasser Kavirādschasūri am Ende des 12. Jahrh. lebte und sein Gedicht so abgefaßt hat, daß es zugleich den Inhalt des Mahābhārata und des Rāmāyaṇa wiedergiebt, für uns eine Albernheit, für den Inder der Gipfel der Kunst. Von der großen Beliebtheit der Spruchpoesie legen die in späterer Zeit gemachten Anthologien Zeugnis ab, die trotz mancher Ungenauigkeit, vieler Irrtümer und Widersprüche für die Geschichte der I. L. von großer Wichtigkeit sind. Die älteste ist die Sattasaī des Hāla in Prākrit; aus dem Ende des 13. Jahrh. stammt die Çarṅgadharapaddhati (hg. von Peterson, Bombay 1889), aus dem 15. Jahrh. die Subhāshitāvali des Vallabhadēva (hg. von Peterson und Durgāprasāda, ebd. 1886); andere sind nur handschriftlich bekannt.

Ins 7. Jahrh. gehört vielleicht auch noch Viçākhadatta, der Dichter des Dramas Mudrārākshasa (hg. von Telang, Bombay 1884; ins Deutsche übersetzt von Fritze, Lpz. 1886), eins der bedeutendsten und eigenartigsten Werke der Inder. Die Grammatik blühte weiter; in dieser Zeit schrieb nicht nur Bhartṛhari seine grammatischen Werke, sondern es entstand auch die Kāçikā, der beste und klarste Kommentar zu Pāṇini, das Werk des Vāmana und Dschajāditja, gegründet auf den großen Kommentar des Patandschali, das Mahābhāshyam, dessen Zeit nicht feststeht.

Im Anfang des 8. Jahrh. lebte der nach Kālidāsa berühmteste Dramatiker Indiens, Bhavabhūti (s. d.), und nicht viel später wird Bhaṭṭanārājaṇa fallen, der Verfasser des Dramas Vēṇīsaṃhāra (hg. von Grill, Lpz. 1871, und sehr oft in Indien), und Murāri, der Dichter des Dramas Anagharāghava (hg. in der "Kāvyamālā", Nr. 5), beide in Indien hochgefeiert. Als Epiker blühte damals Vākpatirādscha, der Verfasser des schon erwähnten, in Prākrit geschriebenen Gaüḍavahō, und als Rhetoriker wahrscheinlich Vāmana, der, wie viele seiner Vorgänger (Udbhaṭa, Bhāmaha, Daṇḍin), auch eigene Strophen in sein Werk, die Kāvyālaṃkāravṛtti, einlegte (hg. von Cappeller, Jena 1875; und von Borooah, Kalkutta 1883; das letzte Kapitel ist deutsch übersetzt von Cappeller, "Vāmanas Stilregeln", Straßb. 1880). Gegen Ende dieses Jahrhunderts (788) wurde der große Çivaist Çaṃkarācārja geboren, ein eifriger und bedeutender Vertreter der Philosophie des Vēdānta, der schon 820 im Alter von 32 J. starb. Çamkara hat Kommentare verfaßt zum Brahmasūtra des Bādarājaṇa selbst, zu einer Anzahl Upanishad, zur Bhagavadgītā. Ihm wird auch eine Reihe eigener kleiner Schriften zur Vēdānta-Philosophie zugeteilt, von denen ihm selbst keine gehören dürfte. Von den zahlreichen ihm zugeschriebenen Gedichten gehören ihm vielleicht an die Ānandalaharī, ein Hymnus auf Pārvatī, die Frau des Çiva, in 103 Strophen, und der Mōhamudgara, eine Predigt im Stile des Abraham a Santa Clara (beide hg. von Häberlin, "Kāvyasaṃgraha", Kalkutta 1847, S. 246 fg. u. sonst).

Aus dem 9. Jahrh. sind bisher sehr wenige hervorragende Dichter bekannt. Zu nennen sind der Rhetoriker Rudraṭa, der durchweg eigene, zum Teil sehr viel citierte und wohlgelungene Strophen seinen Werken einverleibt hat (Kāvyālaṃkāra, hg. in der "Kāvyamālā", Nr. 2; Çṛṅgāratilaka, hg. von Pischel, Kiel 1886, und in der "Kāvyamālā", III, 111 fg.), und Ratnākara, der Dichter des mahākāvya, Haravijaya (hg. in der "Kāvyamālā", Nr. 22), worin er Bāṇa nachahmt, und der Vakrōktipañcāçikā (hg. in der "Kāvyamālā", I, 101 fg.), 50 Strophen, deren Pointe in Wortspielen liegt. Nicht vor diesem Jahrhundert fand auch das Pañcatantra seinen Abschluß in der uns vorliegenden nördl. Fassung; jünger ist der Hitōpadēça, der Auszüge aus dem Pañcatantra giebt. Nichts Bestimmtes läßt sich sagen über die Zeit der Märchensammlungen Vētālapañcaviṃçatikā (hg. von Uhle, Lpz. 1881), Siṃhāsanadvātriṃçikā oder Vikramacarita (Weber, "Ind. Studien", Bd. 15, ebd. 1878, und hg. Kalkutta 1881) und Çukasaptati (hg. von R. Schmidt, Lpz. 1893), die in Indien sehr beliebt und in fast alle neuern Sprachen des Nordens und Südens übersetzt worden sind. Am Ende des 9. und dem Anfang des 10. Jahrh. blühte der Dramatiker Rādschaçēkhara (s. d.).

Das 10. Jahrh. weist erst in seinem letzten Teile einige ausgezeichnete Dichter auf. Mittelpunkt der Pflege der Kunst war damals die Stadt Dhar in Malwa, wo das Geschlecht der Paramāras eine machtvolle Stellung sich errungen hatte. Vākpatirādscha II., bekannter unter seinem Namen Muñdscha (gest. etwa 995), wird als Dichterfreund und freigebiger Fürst gepriesen. Unter ihm lebten die Brüder Dhanaṃdschja und Dhanika, von denen der erste ein rhetorisches Werk, das Daçarūpa (hg. von Hall in der "Bibliotheca Indica", Kalkutta 1865), verfaßte, der zweite es kommentierte. Von beiden giebt es auch Gedichte. Ferner schrieb damals Halājudha seinen Kommentar zu dem Chandaḥsūtra, dem Lehrbuch der Metrik, des Pingala mit eigenen Versen (hg. in der "Bibliotheca Indica", ebd. 1874); diesem Halājudha gehört auch an das Sanskritwörterbuch Abhidhānaratnamālā (hg. von Aufrecht, Lond.