Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Industriepatronen - Industriesystem
Kurse sinken und nur schwer, zumeist mit Verlust,
wiederverkäuflich werden. Im allgemeinen hat man
auch zu bedenken, daß die Entwicklung eines Unter-
nehmens nicht nur abhängig ist von der Fähigkeit
der Leiter, sondern auch von den Preisbewegungen
der Noh- und Hilfsstoffe und der Fabrikate, von
der Höhe der Arbeitslöhne, von etwaigen Verän-
derungen der Zollpolitik u. s. w. Daneben ist noch
die Möglichkeit eines plötzlichen Wechsels der Kon-
junktur (s. d.) in Anschlag zu bringen. Kapital-
anlagen in I. müssen es daher auf eine verhältnis-
mäßig hohe Verzinsung bringen, und diese "Prämie
in der Rente" muß bei den sog. "schweren Papieren",
d. h. Aktien mit hohem Agio (s. d.), um so mehr
beansprucht werden, als mit der Steigerung des
Kursniveaus die Gefahr eines Verlustes wächst.
Unterstützt wird die Möglichkeit, einIndustriepapicr
richtig zu bewerten, durch ein sorgfältiges Studium
der Bilanzen (s. d.) und der dieselben erläuternden
Geschäftsberichte. Eine vergleichende Durchsicht dcr
letztern läßt am ehesten die wirtschaftlichen Bedin-
gungen eines Unternehmens erkennen und leitet zu
weiterm Nachforschen über die Verhältnisse des-
selben an. Regelmäßig wiederkehrende Dividenden
von angemessener Höhe lassen ein Papier "solider"
erscheinen, als große Schwankungen der verteilten
Gewinnbeträge. Bei einer Reihe von ertragslosen,
"dividendenlosen" Geschäftsjahren hat man zu er-
forschen, ob die Ursache hierfür in einer verfehlten
Anlage des Unternehmens oder in einer anhaltend
ungünstigen Konjunktur oder in einer schlechten
Leitung liegt. Die mehr oder minder gute Beschaffen-
heit einer Bilanz richtet sich nach der Höhe und der
Art der vorhandenen Reservefonds ls. d.), ob die-
selben durch einen entsprechenden Bestand an Effekten
(s. d.) gedeckt sind oder nur buchmäßige Rückstellun-
gen bilden; ferner nach der Höhe der flüssigen Mittel,
d. i. des Betriebskapitals, wozu neben dem vor-
handenen Barbestand, den Effekten, dem Wechsel-
bestand, den Debitoren, auch die Vorräte an Roh-
materialien, Halbfabrikaten und Waren gerechnet
werden können, nach dem Verhältnis des Betriebs-
kapitals zum Grundkapital und zu den schwebenden
Verbindlichkeiten, endlich auch nach der Höhe der
Abschreibungen (s. d.) und der angemessenen Be-
wertung der sog. "toten Vermögensobjekte", wie
Grundstücke, Gebäude, Maschinen u. s. w. Zu
letzterer gelangt man dadurch, daß man das zum
jeweiligen Kurswerte berechnete Grundkapital zu-
züglich aller Schulden, aber abzüglich der Betriebs-
mittel des Unternehmens, gewissermaßen als Kauf-
summe dem gesamten Buchwert der Anlagen, Fabri-
ken u. s. w., bez. dem bei einer Liquidation (s. d.)
voraussichtlich zu erzielenden Kapitalwert (Schmelz-
wert) abschätzend gegenüberstellt. Aus dem Gesag-
ten erhellt, daß die richtige Beurteilung des Wertes
eines Industriepapiers eine schwierige Aufgabe ist,
die selbst in geschäftlichen und wirtschaftlichen An-
gelegenheiten erfahrene Kapitalisten oft nicht zu er-
füllen im stände sind. Solche Werte eignen sich
daher nicht als Kapitalanlage für solche Personen,
die auf den Bezug einer festen Rente angewiesen sind.
Industriepatronen, Sprengpatronen, welche
in der Hauptsache komprimierte Schießbaumwolle
enthalten; derselben sind jedoch, um sie wohlfeiler
zu machen, andere Explosivstoffe, Salpeter, salpeter-
saures Baryum u. s. w., beigemengt.
Industriepflanzen, auch Fabrikpflanzen,
die Pflanzen, die in der Industrie ausgedehnte Ver-
wendung finden. Da in den meisten Fällen große
Mengen der betreffenden Pflanzen gebraucht wer-
den, fo sind die I. zum größten Teile wichtige Kul-
turpflanzen (s. d.). Zu den wichtigsten I. gehören
dieTertil- oder Gespinstfaserpflanzen (s.Ge-
spinstfasern), die Farbepflanzen (s. d.) und
Farbhölzer (s. d.), die Nahrungspflanzen
(s. d.), die Gewürzpflanzen (f. Gewürze), die
Ol und Fette liefernden Pflanzen (s. d.)
und die Pflanzen, aus denen Kautschuk, Gummi,
Harze und Valfame (s. die einzelnen Artikel) ge-
wonnen werden, die Gerbepflanzen (f. Gerb-
fäuren), die Korkeiche (s. Eiche), Weberkarde
(s. vipZacug), verschiedene Jod liefernde Algen
(s. Jod) u. s. w. Außerdem sind noch anzuführen
diejenigen Bäume und Sträucher, deren Holz zu
Bauzwecken (s. Bauholz), in der Tischlerei, in der
Maschinenfabrikation u. s. w. (s. Nutzholz) oder als
Brennholz (s. Heizmaterialien) dient.
Induftrierecht, die Gesamtheit aller die In-
dustrie (s. d.) betreffenden rechtlichen Bestimmungen.
Dahin würden die Ergebnisse der gesamten Fadrik-
und Gewerbegesetzgebung sowie die das gewerbliche
Eigentum betreffenden Rechtssätze gehören (nament-
lich Patentrecht, Musterschutz, Markenschutz).
Induftrieritter, Betrüger, die als vornehme
Personen auftreten und ihre raffinierte Gaunerei
ins Große treiben.
Industrieschulen, in Bayern die staatlichen
technischen Bildungsanstalten der mittlern Stufe.
Sie stehen den in Österreich und Sachsen als höhere
Gewerbeschulen (s. d.) bezeichneten Lehranstalten
nahe. I. bestehen seit 1868 zu München und Nürn-
berg und seit 1870 zu Augsburg; die 1873 zu Kaisers-
lautern begründete ist 1887 wieder aufgehoben wor-
den. Die I. haben einen doppelten Zweck: Sie
sollen für ausgedehntern Gewerb- und Fabrikbetrieb
eine abschließende technische Ausbildung vermitteln
und zugleich für Techniker der Privatindustrie als
Vorbereitungsanstalten für die Münchener Tech-
nische Hochschule dienen. Sie schließen ihren zwei-
jährigen Kursus an den der Realschulen an. Sie
besitzen eine mechan.-technische, eine chem.-technische
und eine bautechnische Abteilung, die Münchener
noch eine Handelsabteilung und seit 1877 als Neben-
anstalt eine Baugewerkschule. Die mechan.-techni-
schen Abteilungen sind mit Maschinenbaulehrwerk-
stätten verbunden, in denen die Schüler in den be-
treffenden Hand- und Maschinenarbeiten unterrichtet
werden. Sachsen besitzt seit 1877 eine königl. Indu-
strieschule zu Plauen im Vogtlande. Dieselbe ist eine
kunstgewerbliche Fachschule für die Textilindustrie
und hat drei Abteilungen: für Musterzeichner,'für
Fabrikanten und für Frauenindustrie sowie ein Mu-
seum für moderne Textilindustrie. Der Name I.
wurde früher ost und wird vereinzelt auch setzt noch
für technische Fach- und Fortbildungsschulen niede-
rer Stufe gebraucht. (S. Fachschulen und Techni-
sches Nnterrichtswesen.) - Vgl. Das industrielle
Vildungswesen in Bayern sin Supplement zum
"Centralblatt für das gewerbliche Unterrichtswesen
in Österreich", Bd. 1, Wien 1884).
Industriesystem, das von Adam Smith (s. d.)
begründete System der Volkswirtschaftslehre, wel-
ches davon ausgeht, daß die Arbeit die Quelle und
der Schöpfer des Nationalreichtums sei. Das Wort
Industrie ist also hier in einem weitern Sinne an-
gewandt und gleichbedeutend mit wirtschaftlicher
Arbeit überhaupt.