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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Irland (Geschichte)

trat die fenische Mördergesellschaft der Unbesieglichen (s. d.) zusammen, die geradezu den polit. Mord predigten und deren Dolchen 6. Mai 1882 der erste Sekretär für I., Cavendish, und der Unterstaatssekretär Burke im Phönixpark zu Dublin zum Opfer fielen. Neue Zwangsmaßregeln und die Hinrichtung der Mörder machten einigen Eindruck; aber der Kampf dauerte fort und äußerte sich, durch O'Donnovan Rossa von Amerika aus geleitet, in einer Reihe von Dynamitattentaten gegen öffentliche Gebäude in London und andern brit. Städten, neben denen auch zahlreiche Verbrechen gegen Leben und Eigentum von Pächtern und Grundbesitzern verübt wurden.

In dieser Lage vollzog sich bei Gladstone der Systemwechsel, der ihn vom Zwangsgesetz zur Anerkennung der Home-Rule-Bestrebungen führte. Die irische Frage sollte nach ihm jetzt nicht durch Zwangsmaßregeln, sondern durch die weitesten Zugeständnisse an die irischen Forderungen gelöst werden. Durch die von ihm durchgeführte Parlamentsreform von 1884/85 kamen bei den Neuwahlen 1885 unter 100 irischen Abgeordneten nicht weniger als 86 Home-Rulers ins Unterhaus, die durch ihren Anschluß an die Opposition sowohl 1885 das Ministerium Gladstone wie im Jan. 1886 das Ministerium Salisbury stürzten. Als dann aber Gladstone 3. Febr. 1886 das Amt wieder übernahm, legte er 8. April eine Home-Rule-Bill, den 16. ein Landankaufsgesetz dem Hause vor, von denen die erstere die Errichtung eines irischen Parlaments und einer irischen Regierung in Dublin beabsichtigte, während die Landankaufs-Bill 50 Mill. Pfd. St. zum Ankauf großer irischer Landgüter forderte, die in Staatspächtereien für irische Farmer umgewandelt werden und in den Besitz der Pächter übergehen sollten. Diese Pläne Gladstones erregten eine ungeheure Bewegung, nicht nur in I., wo die Protestanten sich ihnen gegenüber so feindlich verhielten, daß es in Belfast zu offenen Kämpfen mit den Katholiken kam, die nur durch Herbeiziehung von Militär bewältigt werden konnten. Auch in England erhob sich ein heftiger Widerstand gegen diese Zerreißung der Reichseinheit, die Home-Rule-Bill wurde 7. Juni 1886 vom Unterhause abgelehnt, und als Gladstone das Unterhaus auflöste, ergaben die Neuwahlen für die Anhänger der einheitlichen Regierung den Sieg. Gladstone mußte dem konservativen Salisbury Platz machen.

Sofort setzte die irische Bewegung mit neuer Kraft ein. Es wurde die Losung ausgegeben, die Zahlung des Pachtzinses an die Grundherren überhaupt zu verweigern und das Geld in eine von der Nationalliga geleitete Kasse zu zahlen. Die konservative Regierung schritt gegen diesen "neuen Feldzugsplan" ein, auf Grund alter Gesetze ließ sie im Dez. 1886 einige der agitierenden Führer, Dillon und O'Brien, in Dublin vor Gericht stellen und erreichte deren Verurteilung zu sechs Monaten Gefängnis. Den 28. März 1887 wurde ein neues irisches Zwangsgesetz eingebracht, das vor allem eine Reform der Strafrechtspflege in I. bezweckte und 9. Juli im Unterhaus, dann am 18. im Oberhaus zur Annahme gelangte. Der Lord-Statthalter erhielt damit die Berechtigung, in bestimmten Landesteilen den Kriegszustand zu proklamieren und auch eine außerordentliche Gerichtsbarkeit zu üben. Ein gleichzeitiges, dem Zwangsgesetz zum Ausgleich angefügtes Landgesetz schuf eine Erleichterung für die Pachtzahlung und den käuflichen Erwerb der Güter durch die Pächter. Sofort machte die Regierung von den neuen Machtmitteln Gebrauch, verhängte mehrfach den Ausnahmezustand, löste die Nationalliga auf (20. Sept.) und ging gegen Versammlungen und die Führer mit Energie und Strenge vor. Es kam zu heftigen Reibungen, ja selbst ernsten Zusammenstößen. Trotzdem ließen die Iren sich keineswegs einschüchtern, sie suchten im Gegenteil ihre Kräfte zusammenzufassen und ihre Organisation zu verbessern. Am 31. Okt. 1887 versammelten sich Abgeordnete der verschiedenen irischen Nationalvereine zu einem Kongreß in Brüssel, wo zunächst noch eine abwartende Haltung beschlossen wurde. Dagegen wußte sich die engl. Regierung des päpstl. Beistandes zu versichern. Am 20. April 1888 erließ der Papst eine Encyklika, in der das Boycotten und die Anwendung von Gewalt verurteilt wurden. Der Erlaß rief freilich große Aufregung unter den Iren hervor, hatte jedoch wenig Wirkung, ebenso wie ein zweiter und dritter, die folgten und bestimmt waren, die Erregung zu beschwichtigen. Ebenso wurde ein Angriff auf Parnell, den Führer der irischen Bewegung, abgeschlagen, der in einer Veröffentlichung der "Times" des Einverständnisses mit den Phönixpark-Mördern beschuldigt wurde. Angebliche Briefe Parnells erwiesen sich als Werk eines Fälschers, und die "Times" mußte sich zu einer hohen Entschädigung an Parnell verstehen, dessen Unschuld im Febr. 1890 auch das Parlament förmlich anerkannte. Währenddessen schritt die Regierung mit Energie in ihrem Bemühen fort, den Gesetzen in I. Achtung zu verschaffen trotz des Widerstandes mit Protesten und offener Gewalt. Vereine wurden unterdrückt, die Einfuhr von Waffen und Munition starken Beschränkungen unterworfen (Okt. 1889), und ausdrücklich wies Salisbury die Vermutung zurück, die Regierung denke daran, ihre Politik irgendwie im Sinne der Home-Ruler zu ändern. Einen argen Stoß gab es der Sache der Iren, daß Parnell in einem Ehebruchshandel 18. Nov. 1890 als schuldig verurteilt wurde, worauf es in der irischen Nationalpartei zu einer Spaltung in Parnelliten und Antiparnelliten kam (s. Home-Rulers), die auch nach Parnells Tode (6. Okt. 1891) andauerte. Ein bedeutsamer Wandel in der irischen Frage trat ein, als bei den allgemeinen Parlamentswahlen im Juli 1892 eine Mehrheit für Home-Rule ins Unterhaus gelangte und Gladstone im August die Regierung übernahm. Am 13. Febr. 1893 legte er seine Home-Rule-Bill dem Unterhause vor (s. Großbritannien und Irland, Bd. 8, S. 456 b) und brachte sie glücklich durch alle Stadien der Beratung, sodaß sie 1. Sept. in dritter Lesung mit 301 gegen 267 Stimmen angenommen wurde. Sie scheiterte jedoch im Oberhaus, wo die Lords sie 8. Sept. mit der erdrückenden Mehrheit von 419 gegen 41 Stimmen verwarfen.

Litteratur. Die alten irischen Chroniken gab O'Connor u. d. T. Rerum Hibernicarum scriptores veteres in der Urschrift mit lat. Übersetzung heraus (4 Bde., Lond. 1814-26). - Lappenberg (in Ersch und Grubers "Encyklopädie", Sekt. II, Bd. 24, Lpz. 1846); Haverty, History of Ireland (Lond. 1860); Mitchel, History of Ireland (2 Bde., Glasg. 1869); Richey, Lectures on the history of Ireland (Dublin 1869); MacGee, A popular history of Ireland (Lond. 1870); Lecky, The leaders of public opinion in Ireland. Swift, Hood, Grattan and