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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Japan (Geschichte)

Anmerkung: Fortsetzung des Artikels 'Japan (Geschichte)'

vorübergehend getrübt durch Verwicklungen mit China wegen der Besetzung eines Teils von Formosa (1874) durch die Japaner infolge der Ermordung der Bemannung japan. Schiffe durch die Bevölkerung dieser Insel. Durch die Vermittelung des engl. Gesandten Sir Harry Parkes kam indessen das Zerwürfnis 31. Okt. zu einem gütlichen Austrag. China bezahlte den Javanern 500000 Taels Entschädigung, und diese verließen Formosa wieder. Den Verwicklungen mit Korea Anfang der siebziger Jahre lag der Umstand zu Grunde, daß der Beherrscher dieses Reichs die Annahme des Schreibens, worin der Kaiser ihm die neue Ordnung der Dinge anzeigte, verweigerte und sich sogar anmaßte, dem Kaiser Vorwürfe über die Reformen zu machen. Mehrmals stand ein Krieg in Aussicht, der jedoch durch den Einfluß verständiger Minister, wie Iwakura und Okubo, verhindert wurde. Im Mai 1876 gelang es J., Korea auch dem Weltverkehr zu eröffnen. Es schloß einen Freundschaftsvertrag mit diesem Lande ab, wonach den japan. Kaufleuten drei Häfen, Fusan, Gensan und die Hauptstadt Soul, geöffnet wurden und J. das Gesandtschaftsrecht zugestanden wurde. Dieser Vertrag schuf ein neues Absatzgebiet, war aber zugleich die Quelle für neue Verwicklungen (1882, 1884, 1885 und 1893), in denen J. seine Rechte energisch geltend machte. In J. selbst offenbarte sich in kleinern Aufständen der Bevölkerung das Bestreben, der fortschreitenden Reform Einhalt zu thun. Diese reaktionären Bewegungen, die u.a. im Mordversuche auf den Premierminister Iwakura, 14. Jan. 1874, Ausdruck fanden, wurden ohne Mühe unterdrückt.

Gefährlicher wurde für die Regierung der sog. Satsuma-Aufstand 1877, dessen Führer, Saigo Takamori, ehemaliger Minister und einer der populärsten Männer war, und dessen Niederwerfung sieben Monate dauerte. Saigo und die hervorragendsten Führer der Insurgenten fielen auf dem Schlachtfelde. J.s Staatsschuld war durch die eingegangene Verpflichtung der Regierung, die Pensionen der Daimio und Samurai abzulösen, durch die großen Ausgaben, die die Aufstände und die vielen Neuerungen verursachten, zu einer Höhe von 375 Mill. Yen angewachsen. Das bare Geld war sehr knapp geworden und das Papiergeld zu einer kolossalen Menge angewachsen. Infolge einer vernünftigern Finanzwirtschaft Anfang der achtziger Jahre sind die Schulden jedoch vermindert worden. Von andern Fortschritten in der Verwaltung ist noch zu erwähnen, daß man 1882 zwei große Gesetzbücher, das Strafrecht und die Strafprozeßordnung, beide nach franz. Muster ausgearbeitet, publizierte und auch an die Abfassung des Civilrechts gegangen ist. Das Handelsrecht sollte Anfang 1893 in Kraft treten. Seit 1887 giebt es auch eine Prüfungsordnung für den Civildienst im allgemeinen und für die Richter. Durch diese und ähnliche Reformen sucht J. bei der oft angefangenen, aber nie vollendeten Vertragsrevision die Beseitigung der Konsulargerichtsbarkeit der fremden Mächte, die es als besonders demütigend empfindet, zu erlangen. Als Entgelt dafür will die Regierung die völlige Erschließung des Landes gewähren. Deutschland und Amerika hatten sich in einem vor kurzem abgeschlossenen Vertrage zu diesem Zugeständnis entschlossen, doch ist die Ratifikation infolge einer lebhaften Opposition im Volke, die ihren Ausdruck in einem Attentat gegen den ↔ Minister Okuma 18. Okt. 1889 fand, hinausgeschoben worden. Daher leben die Fremden mit Ausnahme der Unterthanen von Mexiko und Portugal noch nach den Bestimmungen der alten Verträge.

Am 11. Febr. 1889 krönte die Regierung ihr Reformwerk durch Verkündigung der schon längst versprochenen Verfassung, die 1890 in Kraft trat. Man hat dabei das preuß. Staatsgrundgesetz zum Muster genommen. Leider wurde der Tag der Verkündigung, der im ganzen Lande als nationaler Feiertag gefeiert wurde, durch eine blutige That entweiht. Der Unterrichtsminister Mori, der lange als Diplomat im Auslande gelebt und zum Christentum übergetreten war, war am Morgen dieses Tages in seinem Hause erstochen worden, angeblich, weil er bei einem Besuche des höchsten Shintotempels in der Provinz Ise die Ehrfurcht gegen die einheimischen Götter verletzt habe. Je näher der Zeitpunkt der Einführung der konstitutionellen Regierungsform kam, desto lebhafter wurde das polit. Leben. Polit. Parteien und Klubs bildeten sich, neue Parteiorgane entstanden, und hervorragende Parteiführer, wie der ehemalige Minister und spätere Führer der Dschijuto (der liberalen Partei), Itagaki, durchreisten das Land. 1882 wurde jener in einer öffentlichen Versammlung in der Stadt Gifu verwundet. Bald, als infolge der Agitationen und des herausfordernden Benehmens der Soshi der öffentliche Frieden gefährdet schien, sah sich die Regierung (Dez. 1887) genötigt, Ausnahmegesetze (hoandschorei) zu erlassen, die Preß- und Redefreiheit und das Versammlungs- und Vereinsrecht zu beschränken. Auf Grund dieser Ausnahmegesetze konnten die Friedensstörer auf 1½ Meilen von der Wohnung des Kaisers verbannt werden. Eine Anzahl der von diesen Bestimmungen Betroffenen wurde bei der Verkündigung der Verfassung durch eine Amnestie begnadigt. Im Sommer 1890 fand eine Verschmelzung verschiedener Parteien liberaler Färbung statt unter dem Namen Rikkendschijuto, «konstitutionelle liberale Partei». Bei der 25. Nov. 1890 eröffneten ersten Session war diese Partei durch 132 Mitglieder vertreten. Das Programm dieser stärksten der Oppositionsparteien ist: Revision der Verträge, Abschaffung der Konsulargerichtsbarkeit und der Vorrechte der Fremden, Selbstbestimmung der Einfuhrzölle, Herabsetzung der Bodensteuer um ½ Proz., Beschränkung der Ausgaben für die Verwaltung, unumschränkte Preß- und Vereinsfreiheit. Die zweite liberale, aber gemäßigtere Partei, die Kaishinto, «Reformpartei», lange Zeit vom Minister Okuma (von 1881 bis 1888 Privatmann) geleitet, trat mit 45 Mitgliedern in den ersten Landtag ein und ging in vielen Punkten mit der Dschijuto zusammen. Die Regierungsparteien zählten bei der ersten Session an 120 Mitglieder. Die Opposition ist besonders scharf bei der Festsetzung des Budgets. In der ersten Session einigten sich Regierung und Parlament auf Herabsetzung des Budgets um 6½ Mill. Yen (über 20 Mill. M.). Die zweite Session 1891/92 war nur von kurzer Dauer. Die Regierung löste Ende 1891 den Landtag auf, weil das Unterhaus den Beschluß für die Bewilligung von Geldern für die durch das furchtbare Erdbeben vom 28. Okt. 1891 Betroffenen verzögerte. Bei den Neuwahlen 1892 machte die Regierung vergeblich ihren ganzen Einfluß geltend, sich eine gefügige Mehrheit zu verschaffen; in manchen Gegenden kam es bei den Wahlen sogar zu Thätlich-

Anmerkung: Fortgesetzt auf Seite 869.