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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Jugendspiegel - Jugenheim

Nieritz die kindliche Phantasie anzuregen verstand. Offenbar bessere Erzeugnisse, wie der "Kinderfreund" von Vogel (12 Bde., 1836-39), konnten gegen Nieritz und Hoffmann geradezu nicht aufkommen.

Viele moralische Kinderschriften der Neuzeit können, ebenso wie manche Vorgängerinnen, wegen hochgespannter Sentimentalität und Überschwenglichkeit (wie z. B. in Therese Hubers "Weihe der Jungfrau") und altkluger Reflexion (z. B. in Thekla von Gumperts weitverbreitetem "Töchteralbum") leicht einen mehr nachteiligen als fördernden Einfluß ausüben. Pädagogisch angemessener ist in moralisierender Hinsicht die Fabel. Frei von alten Quellen, die sonst ausschließlich auf diesem Gebiete zu Grunde gelegt wurden, machte sich Wilhelm Hey (gest. 1854) mit seinen von Otto Speckter sinnig illustrierten 50 Fabeln (1833). Er wurde tonangebend auf diesem Felde. Ihm folgten Fröhlich, Güll, Reinick u.s.w. Einen ungeahnten Absatz fand der "Struwwelpeter", die ebenso eigentümlich fabulierende wie bildlich ausgeschmückte Posse des Frankfurter Arztes Heinrich Hofmann. Von den Verfassern christl. Jugendschriften, die mit Krummachers "Parabeln" beginnen, seien außer dem bereits erwähnten Domherrn von Schmid, der von Chr. G. Barth (gest. 1862) und G. H. von Schubert (gest. 1860) weniger taktvoll nachgeahmt wurde, K. Stöber, Caspari ("Der Schulmeister und sein Sohn") und Frommel genannt. Von den romanhaften Jugendschriften der Neuzeit geboren zu den besten Leistungen diejenigen Ottilie Wildermuths (gest. 1877). Die von Pestalozzi und Hebel angebahnte Gattung volkstümlicher Schriften fand, soweit sie speciell für die Jugend bestimmt ist, in O. Wildermuth, G. H. von Schubert, W. O. von Horn (Örtel), Körber ihre Hauptvertreter mit glücklich gewählten Stoffen, während in Auswahl und Darstellung der Märchen den Brüdern Grimm kaum einer der zahlreichen Nachfolger gleichkam. Die besten Sammlungen dieser Art lieferten noch W. Hauff, Zingerle, Pröhle, Kletke, Lausch, L. Bechstein; weniger schätzenswert sind die selbsterdichteten von A. L. Grimm, H. Rebau und Andersen. Der Brüder Grimm "Deutsche Sagen" (2 Bde., 1816-18) ließen eine bedeutende Anzahl Jugend-Sagenbücher hervorgehen, so z. B. von G. Schwab, Ferd. Bäßler, Nichter, K. W. Osterwald, Wägner, H. von Tharau, K. Simrock, Ferd. Schmidt. Für didaktische Unterbaltungsschriften sind besonders die Verfasser geschichtlicher Lektüre zu nennen: B.G. Niebuhr, K. Fr. Becker, Masius, Barthol, G. Schwab, Stoll, Osterwald, F. Schmidt, Wägner, Guhl und Koner, Mürdter, Nasemann, Todt, Biernatzki, Kohlrausch, König, Laurmann; ferner auf dem Gebiete biogr. Darstellung: Klöden, Haken und Neigedauer, Vaur, Stacke, Grübe, Hahn, Höcker, Horn, Ohly, Ramdohr, Petsch, F. Schmidt. Endlich giebt es unter den didaktischen Jugendschriften der Neuzeit viel Gediegenes und für die verschiedenen Altersstufen sich gut Eignendes aus dem Bereiche der Erd- und Naturkunde. In hervorragender Weise hat sich der O. Spamersche Verlag in Leipzig solchen Stoffen gewidmet. An periodischen Schriften für die Jugend sind zu nennen: Masius, Des Knaben Lust und Lehre, Hoffmanns Jugendfreund, das Buch der Jugend (Stuttgart), Herzblättchens Zeitvertreib, Lohmeyers Deutsche Jugend, Fabricius' Deutsche Jugendzeitung, Lauxmanns Jugendfreude.

Von kritischen, die Erzieherwelt führenden und beratenden Beurteilungen und Verzeichnisse empfehlenswerter J. verdienen Erwähnung: Merget, Geschichte der deutschen Jugendlitteratur (3. Aufl., Verl. 1882); Theden, Führer durch die Jugendlitteratur (Hamb. 1883); Fricke, Grundriß der Geschichte deutscher Jugendlitteratur (Mind. 1886); Ellendt, Katalog für die Schülerbibliotheken höherer Lehranstalten (3. Ausg., Halle 1886). Vom kath. Standpunkt: Rolfus, Verzeichnis ausgewähler J. (2. Aufl., Freig. i. Br. 1876); Engelb. Fischer, Die Großmacht der Jugendlitteratur (4 Bde., 2. Aufl., Wien 1877). Sehr löblich ist das Bestreben größerer Lehrervereine (z. B. in Berlin, Frankfurt a. M., Breslau, Dresden, der Schweiz [Aarau]), in der Beurteilung der J. nach einheitlichem pädagogischen Standpunkte Arbeitsteilung eintreten zu lassen und Listen des Empfehlenswerten zu veröffentlichen.

Jugendspiegel, s. Geheimmittel.

Jugendspiele, s. Volks- und Jugendspiele.

Jugendwehren, die militärisch organisierten Verbände von Schülern. Durch die Errichtung von J. gedachte man den kriegerischen Geist zu wecken, auch erwartete man, daß die eigentliche militär. Ausbildung würde erleichtert werden und daß deshalb die Dauer der aktiven Dienstpflicht verkürzt werden könnte. Diese Erwartungen haben sich indessen nicht erfüllt. Wo die Wehrverfassung auf dem Milizsystem beruht und die allgemeine Volksbewaffnung angestrebt wird, mögen J. einigen Nutzen gewähren, deshalb findet man in den größern Städten der deutschen Kantone der Schweiz J., Kadettenkorps genannt. In Süddeutschland, namentlich in Württemberg, entstanden infolge der 1859 drohenden Kriegsgefahr ebenfalls J., die indessen bald nach den Ereignissen von 1866 und infolge der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht wieder eingingen. In Frankreich sind seit 1878 ähnliche Einrichtungen mit staatlicher Unterstützung ins Leben gerufen worden, und namentlich in Paris ist aus den Schülern der öffentlichen Schulen für jeden Stadtbezirk ein Schülerbataillon aufgestellt worden. Die größern Städte Frankreichs sind diesem Beispiel gefolgt, der Unterrichtsminister hat einigen Schülerbataillonen Fahnen verliehen, und der Kriegsminister beauftragte geeignete Offiziere mit deren Ausbildung und überwies anfänglich auch eine Anzahl Gewehre, welche jedoch 1884 wieder zurückgefordert worden sind. Die Schüler sind gleichmäßig bekleidet und ausgerüstet, wozu die Gemeindekassen den Bedürftigen Beihilfen gewähren, doch haben sich, namentlich bei den Pariser Bataillonen, solche Übelstände eingestellt, daß Regierung und Gemeinderat sie allmählich eingehen lassen. - Vgl. Vier Preisschriften über die Vereinigung der militär. Instruktion mit der Volkserziehung (Bern 1863); Walcker, Notwendigkeit einer militär. Jugenderziehung (Lpz. 1873); Jugendwehr und Turnen (Salzb. 1876)- Walcker, Ein preuß. Unterrichtsgesetz oder ein Reichsgesetz über die militär. Jugenderziehung (Berl. 1877).

Jugenheim an der Bergstraße, Dorf im Kreis Bensheim der Hess. Provinz Starkenburg, 3 km östlich von Bickenbach, in 110 m Höhe, hat (1890)1055 evang. E., Post, Telegraph; Tabak- und Stärkefabrikation, Ölmühle und wird als klimatischer Kurort besucht. Nahebei Schloß Heiligenberg (217 m) des Prinzen Ludwig von Vattenberg mit Park und die Kloster- und Burgruine Bickenbach (256m), meist Alsbacher Schloß genannt, mit