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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Kant
Seine gesamte Philosophie will nichts anders sein, als eine Feststellung der in der Vernunft selbst enthaltenen Principien, und sie nennt sich in diesem Sinne die kritische Philosophie. Es war zunächst das theoretische Gebiet, auf welchem sich K. in diese Stellung gedrängt sah. Er selbst hatte sich aus anfänglicher Abhängigkeit von dem dogmatischen Nationalismus (s. d.) der Wolfschen Schule selbständig zu empiristischen Principien durchgerungen und dann die verwandten Gedanken der engl. Denker, namentlich Lockes und Humes, mit lebhafter Sympathie ergriffen. Die skeptischen Konsequenzen, denen er sich so wenig wie Hume entzog, und seine feste, zum größten Teil auf den Einfluß Newtons zurückzuführende Überzeugung von der Gültigkeit der Mathematik, die er für eine reine Vernunftwissenschaft hielt, scheinen ihn zuerst schwankend gemacht zu haben, und schließlich geschah es nicht ohne Einwirkung von Leibniz, der bereits zwischen den großen Gegensätzen des Rationalismus und des Empirismus einen von der Wolfschen Schule freilich nicht begriffenen Versuch der Vermittelung gemacht hatte, daß K. seinen gänzlich neuen und mit staunenswertem Tiefsinn ergründeten Standpunkt dahin befestigte: es gebe allerdings principielle, unabhängig von aller Erfahrung und vor aller Erfahrung bestehende Vernunfterkenntnisse, aber diese gelten ausschließlich für die durch Erfahrung zu erkennenden Gegenstände, und zwar deshalb, weil eine im Individuum ohne dessen Willen wirksame allgemeine Vernunftthätigkeit die gesamte Welt der Vorstellungen nach denselben Gesetzen erzeuge. Diese Gesetze sind für K. die Formen der räumlichen und zeitlichen Anschauung und die "Stammbegriffe des Verstandes", die Kategorien (s. d.). So verwandelte sich für K. die gewöhnliche Wirklichkeit in eine Welt von Erscheinungen, welche Lehre er den kritischen oder transcendentalen Idealismus nennt.
Die problematische Frage nach einer Welt von "Dingen an sich", die, unerkennbar für die theoretische Vernunft, hinter den Erscheinungen stecke, glaubte K. nur auf dem Wege der Moralphilosophie lösen zu können. Auch hier war ihm die "Autonomie" der Vernunft, d. h. ihre Fähigkeit, sich selbst Gesetze vorschreiben zu können, der leitende Gedanke, dem er in dem "kategorischen Imperativ", daß jeder nur nach dem Pflichtgesetz bandeln dürfe, seinen Ausdruck gab. Und in diesem sittlichen Bewußtsein hatte er etwas über alle Erfahrung Hinausgehendes gefunden und zeigte nun, daß nur in diesem, aber auch in ihm sicher der "vernünftige Glaube" beruhe, wonach jene Welt der "Dinge an sich" diejenige der moralischen Wesen sei. So gründete er auf das sittliche Bewußtsein die Ideen von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, und aus dem Gegensatze der menschlichen Natur, die teils sinnlich, teils moralisch vernünftig sei, entwickelte er seine Religionsphilosophie, welche den sittlichen Gehalt aus dem Dogmensystem der positiven Religionen herauszuschälen suchte. Auf den Begriff der Menschenwürde und des unveräußerlichen Menschenrechts stützte er dann seine Rechtsphilosophie, deren Tendenz darauf hinauslief, die absolute Achtung der sittlichen Freiheit zur Grundlage des staatlichen und des gesellschaftlichen Lebens zu machen, und in der Realisierung dieses Freiheitsideals erblickte er das einstige Ziel aller menschlichen Geschichtsentwicklung.
Die Verbindung zwischen der Welt der Erscheinungen und der Welt der sittlichen Ideen endlich suchte K. in der Betrachtung der Natur unter dem Gesichtspunkte der Zweckmäßigkeit. Als verfehlt galt ihm der Versuch, die Entstehung der natürlichen Dinge, der einzelnen so gut wie der Gattungen, aus der Wirksamkeit eines zweckthätigen Gedankens zu erklären; aber als nicht minder verfehlt galt ihm der andere Versuch, die kausale Betrachtung der Natur für die einzige und höchste anzusehen. Die vollkommenste Versöhnung aber finden ihm diese Gegensätze in der ästhetischen Welt: hier ist alles zugleich kausal und zweckmäßig bedingt, hier ist alles notwendig und alles frei, hier ist alles Natur und alles Idee. In dem Begriff des Genies als eines Geistes, der wie die Natur handelt, gipfelt und krönt sich das Gebäude der K.schen Philosophie, und dies war der tiefste Grund für die innige Verschmelzung des philos. und des ästhetischen Lebens, welche die deutsche Geistesentwicklung um die Wende der beiden Jahrhunderte so überaus fruchtbar gemacht hat. (S. Deutsche Philosophie.)
Vgl. außer den größern Werken über Geschichte der Philosophie (s. d.) besonders: Kuno Fischer, Immanuel K. Entwicklungsgeschichte und System der krit. Philosophie (2 Bde., Mannh. 1860; 3. Aufl., Münch. 1882; neue Ausg., Heidelb. 1890). Gegen das letztgenannte Werk schrieb Trendelenburg: Kuno Fischer und sein K. (Lpz. 1869), worauf Fischer durch seinen Anti-Trendelenburg (Jena 1870) antwortete.
Die Litteratur über die K.sche Philosophie ist so ausgebreitet wie die philos. Litteratur des 19. Jahrh. überhaupt. Denn darin prägt sich die gewaltige Wirkung K.s am klarsten aus, daß jeder der folgenden Philosophen in irgend einer Weise zu den Gedanken des großen Königsbergers Stellung nehmen muß. Dabei zeigte sich in der positiven Entwicklung, die zunächst in Deutschland Platz griff, die natürliche Erscheinung, daß jeder der darin thätigen Denker eins der in der K.schen Untersuchung auftretenden Principien als Hauptrichtung aufnahm und mehr oder minder einseitig verfolgte. (Vgl. Rosenkranz, Geschichte der K.schen Philosophie, in Bd. 12 der von ihm besorgten Ausgabe, Lpz. 1842.) Dabei hielt sich jeder, Fries, Fichte, Schelling, Schopenhauer, Herbart, für den wahren Nachfolger K.s. (Vgl. Fischer, Die beiden K.schen Schulen zu Jena, Stuttg. 1862, und O. Liebmann, K. und die Epigonen, ebd. 1865.) Für das Ausland wurden die Lehren K.s erst allmählich zugänglich, dann aber auch um so wirksamer: für England sind Nitsch, Whewell und Hamilton, für Frankreich Villers, V. Cousin, Tissot, für Italien befondcrs Galuppi zu nennen. Nachdem in Deutschland einerseits bedeutende Naturforscher, vor allen Helmholtz, sich zu fundamentalen Elementen der K.schen Lehre bekannt hatten, nachdem andererseits das histor. Werk von Kuno Fischer dem eben erregten Interesse das beste entgegengekommen war, wurde allmählich die "Rückkehr zu K." das allgemeine Feldgeschrei. Es entstand eine völlige "Kant-Philologie", aber auch eine positive Richtung, welche die K.schen Ideen mit den methodischen Arbeiten der Naturwissenschaft in innigen Zusammenhang zu bringen sucht. Unter den zahlreichen Forschern, welche in der einen oder der andern Richtung thätig sind, seien hier Arnold, Bona Meyer, Cohen, B. Erdmann, Göring, Laas, Lange, Liebmann, Natorp, Paulsen, Riehl, Stadler, Thiele, Vaihinger, Windelband und Witte genannt.
Vgl. Chalybäus, Histor. Entwicklung der spekulativen Philosophie von K. bis Hegel (5. Aufl., Lpz.