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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Keim (Karl Theodor) – Keiser

chen Pflanzen, namentlich Holzgewächsen, ein neues Individuum derselben Art erziehen, wenn man abgelöste Knospen dem Stamme oder Zweige eines andern Individuums derselben oder einer verwandten Pflanzenart einimpft, wie dies z. B. bei dem Okulieren der Rosenstöcke geschieht. Eine große Leichtigkeit der Keimbildung findet sich bei den Blättern des Keimblattes (Bryophyllum), die schon auf feuchtem Papier aus jeder Randkerbe einen K. entwickeln. Aber auch zahlreiche andere Pflanzen lassen sich durch solches Keimen am Blattrande vermehren, wovon die neuere Gartenkunst vielfachen Gebrauch macht. Die beginnende Entfaltung des K. aus seiner Knospe oder dem Samen nennt man das Keimen oder die Keimung (s. d.). Der Zeitraum, in welchem die Samen keimfähig bleiben, ist sehr verschieden. Am längsten bleiben Getreidesamen keimfähig; man hat die in den Gräbern der Inka gefundenen Maiskörner, welche doch mindestens 400–500 J. alt sein müssen, zum Keimen gebracht. Dagegen hat sich die Meinung, daß Weizenkörner (sog. Mumienweizen) ihre Keimkraft vier bis fünf Jahrtausende hindurch behalten könnten, als ein Irrtum erwiesen. (S. Keimprobe.) An dem Keimling des Samens unterscheidet man drei Regionen: das Würzelchen, Stengelchen und Federchen. Ersteres dehnt sich bei der Keimung zur Wurzel aus, während das Stengelchen oder der Achsenteil sich nach oben verlängert, den Stengel oder Stamm der Pflanze bildend, und das an seinem Ende befindliche Federchen zu einer wirklichen Knospe wird, welche bald die ersten Blätter entfaltet. Am Stengelchen sind stets die Kotyledonen (s. d.) oder Samenlappen (Keimblätter) angeheftet.

Im tierischen Ei entwickelt sich aus den durch die Dotterklüftung gelieferten Zellen der K. als Keimblase (Säugetiere), als Keimscheibe (Vögel), und die verschiedenen Schichten des K. stellen die Keimblätter dar, deren Anordnung und Umbildung für die Entwicklung von höchster Bedeutung sind. Das oberste Keimblatt (Ektoderm, Epiblast, Epidermoidal- oder sensorielles Blatt) liefert die Oberhaut, Haare, Nägel, Gehirn und Rückenmark, Retina u. s. f.; aus dem mittelsten Blatt (Mesoderm, Mesoblast), das sich meist zu einem Haut- und einem Darmfaserblatt sekundär spaltet und so die Leibeshöhle (Coelom) bildet, geht die große Masse des Körpers, Muskulatur, inneres Skelett, Bindegewebe, Blut und Gefäße, meist auch die Geschlechtsorgane, aus dem innersten Blatt (Entoderm, Hypoblast) das Epithel des Darms und seiner Anhangsdrüsen hervor. (S. auch Entwicklungsgeschichte.) Bei Moostierchen (s. d.) und Süßwasserschwämmen (s. d.) kommen als Statoblasten und Gemmulae auch noch besondere Keimkörper vor.

Keim, Karl Theodor, prot. Theolog, geb. 17. Dez. 1825 zu Stuttgart, studierte in Tübingen, war 1848–50 Hauslehrer in Ulm, 1851–55 Repetent in Tübingen, 1856 Stadtvikar in Stuttgart, wurde im gleichen Jahre Diakonus und 1859 Archidiakonus zu Eßlingen, 1860 Professor in Zürich, 1873 in Gießen, wo er 17. Nov. 1878 starb. Außer einer Sammlung von Predigten («Freundesworte zur Gemeinde», 2 Bde., Stuttg. 1861–62) sind unter seinen Schriften hervorzuheben: «Reformationsgeschichte der Reichsstadt Ulm» (ebd. 1851), «Schwäb. Reformationsgeschichte bis zum Reichstag von Augsburg» (Tüb. 1855), «Reformationsblätter der Reichsstadt Eßlingen» (Eßlingen 1860), «Ambrosius Blarer, der schwäb. Reformator» (Stuttg. 1860), «Der Übertritt Konstantins d. Gr. zum Christentum» (Zür. 1862), «Celsus’ wahres Wort» (ebd. 1873), «Aus dem Urchristentum» (ebd. 1878), «Rom und das Christentum» (Berl. 1881, hg. von Ziegler), «Die menschliche Entwicklung Jesu» (Zür. 1861), «Die geschichtliche Würde Jesu» (ebd. 1864), «Der geschichtliche Christus» (3. Aufl., ebd. 1866). Aus diesen Vorarbeiten entstand das Werk: «Geschichte Jesu von Nazara» (3 Bde., Zür. 1867–72) und aus diesem wieder die «Geschichte Jesu für weitere Kreise übersichtlich erzählt» (ebd. 1873; 2. Aufl. 1874).

Keimbläschen, der von Purkynje (daher auch Purkynjesches Bläschen) entdeckte Kern der tierischen Eizelle; das Kernkörperchen des K. ist der von Wagner entdeckte Keimfleck. Nach neuesten Entdeckungen geht nach der Befruchtung des Eies aus dem Kopfe des Spermatozoiden und aus Teilen des K. ein neuer Kern hervor, unter dessen fortgesetzter Teilung die Dotterklüftung (Bildung der Embryonalzellen) erfolgt. (S. Ei, Bd. 5, S. 758 a.)

Keimblase, Keimblatt, s. Embryo (Bd. 6, S. 71 a) und Keim. Vgl. auch die Artikel Entwicklungsgeschichte, Gasträotheorie, Cölenteraten.

Keimfleck, s. Ei und Keimbläschen.

Keimhaut, Keimhöhle, s. Blastoderm.

Keimling, soviel wie Embryo (s. d.).

Keimplasma, s. Erblichkeit (Bd. 6, S. 2327 b).

Keimprobe, ein für Bemessung des Aussaatquantums sehr wichtiger Versuch, der die Keimfähigkeit des Getreides zeigt. Zur K. legt man 100 Körner zwischen feuchtes Fließpapier oder Lappen, auch wohl auf feuchten Sand und stellt den Teller in die Nähe eines warmen Ortes. Nach kürzerer oder längerer Zeit keimt der Same und der Prozentsatz der nicht aufgehenden Körner läßt sich berechnen. Es sind auch besondere Keimapparate von Nobbe und von von Liebenberg konstruiert worden, ersterer von porösem Thon, letzterer von Blech mit Fließpapierstreifen.

Keimscheibe, s. Keim.

Keimung, in der Botanik im allgemeinen jede Weiterentwicklung eines Samens, einer Brutknospe, einer Spore u. dgl. zu einer neuen Pflanze oder neuen Generation in solchen Fällen, wo ein Generationswechsel vorliegt. (S. auch Keim.)

Kein-Brais, der bretonische Name für die Gesamtheit der Gebirge der Bretagne (s. d.).

Keiris (lat. Ciris), ein reiherartiger Seevogel, in welchen nach einem altattischen von alexandrinischen Dichtern ausgebildeten Tiermärchen Skylla, die Tochter des Nisos (s. d.), verwandelt wurde.

Keiser, Reinhard, Komponist, geb. 9. Jan. 1674 zu Teuchern bei Weißenfels, bezog 1685 die Thomasschule zu Leipzig. Nachdem er seine ersten Opern mit Erfolg in der Hofoper zu Braunschweig aufgeführt hatte, kam er 1694 nach Hamburg, wo er schon nach einigen Jahren durch seine Werke die Oper zu ihrem höchsten Glänze brachte. Er starb hier 12. Sept. 1739. K. schrieb über 110 Bühnenwerke, die voll sind von dem treffendsten Wortausdruck und einem erstaunlichen, an Mozart erinnernden Melodienreichtum. Auf die größten jüngern Meister (Händel, Bach, Telemann, Hasse u. a.) hat er nachhaltig gewirkt. Bruchstücke aus K.s Opern finden sich neugedruckt bei Lindner («Die erste stehende deutsche Oper», 2 Bde., Berl. 1855) und bei Reißmann («Allgemeine Geschichte der Musik»), aus

^[Artikel, die man unter K vermißt, sind unter C aufzusuchen.]